Gegen den Säkularisierungstrend: Das Feuer des Glaubens neu entfachen

Eine neuere Langzeitstudie des Bundes zu «Religion und Spiritualität» zeigt auf, dass die Säkularisierung weiter voranschreitet. Der Walliser Priester und Bistumssprecher Paul Martone meint dazu: «Vielleicht ist weniger mehr». Er ruft zum Glauben an Jesus Christus auf und findet: Aus einer kleinen Glut kann mehr werden. Ein Gastbeitrag.

Paul Martone*

Ende Juni hat das Bundesamt für Statistik die Ergebnisse einer Umfrage zur religiösen Situation in der Schweiz veröffentlicht. Daraus wird ersichtlich, dass Glauben und Religion bei den Menschen immer mehr an Bedeutung verlieren.

Dass die Zahlen der Gläubigen und somit auch der Praktizierenden immer mehr zurück geht war absehbar. Die Gründe dafür sind vielfältig und es wäre wohl zu einfach, einen einzelnen Grund dafür zu nennen.

Ansehen nicht mehr mit Kirchgang verbunden

Ein paar Gründe liegen sicher auch darin, dass es heutzutage nicht mehr dringend notwendig ist, zu glauben und in die Kirche zu gehen, um in seinem Dorf angesehen und geschätzt zu sein. Bis noch vor ein paar Jahren konnte es sich niemand leisten, sich als Atheist oder nicht-praktizierender Christ zu «outen», denn das wäre oft mit einer sozialen Ausgrenzung verbunden gewesen.

Weihbischof Josef Stübi zieht in die Kathredrale ein
Weihbischof Josef Stübi zieht in die Kathredrale ein

Heute ist dies nicht mehr so, die Entwicklung der Gesellschaft ist dahin gelangt, dass jeder nach seiner Fasson glücklich werden soll und darf. Dagegen ist nichts Grundsätzliches einzuwenden. Jeder Mensch ist frei nicht zu glauben, genauso wie es jedem Menschen auf der ganzen Welt erlaubt sein muss, seinen Glauben zu praktizieren.

«Gott ist nicht ein alter Grosspapa, der alles mit sich machen lässt.»

Ich denke, viele Menschen wenden sich von Gott ab, weil er oft unbequem ist und den Lebensstil von manchen in Frage stellt. Gott ist für viele nicht mehr als ein guter Mensch, der oft ein Auge zudrücken soll, wenn wir etwas Falsches gemacht haben. Er ist für manche nichts anderes als ein guter Butler, der da sein soll, wenn wir ihn brauchen und nach ihm rufen. Sobald er seinen Auftrag diskret erfüllt hat, soll er sich wieder zurückziehen.

Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Gott ist zwar ein treuer Vater und eine liebende Mutter, er ist aber nicht ein alter Grosspapa, der alles mit sich machen lässt. Er ist vielmehr einer, der Forderungen an uns richtet, die in den Zehn Geboten zusammengefasst sind, und zwar nicht, um uns einzuschränken und unser Leben zu vermiesen, sondern, weil er Freude am Menschen hat und er daher möchte, dass es diesem Menschen, den er geschaffen hat, gut geht.

Gebote als Lebenshilfe

Am besten geht es dem Menschen, wenn er sich an diese Gebote hält und sein Leben nach ihnen ausrichtet. Wie er oder sie das tut, kann ganz persönliche Schattierungen haben, jeder glaubt anders und jeder darf auch auf seine Weise seinen Glauben an diesen wunderbaren Gott leben.

In vielen Kreisen wird jedoch schon seit langem darüber diskutiert wird, ob Gott überhaupt existiert, ob er nicht vielmehr tot ist, wir es aber noch nicht gemerkt haben.

Stillschweigendes Begräbnis

Und wenn wir ehrlich sind, so müssen wir doch zugeben, dass dieser Gott im praktischen Leben vieler Christen so stillschweigend begraben wird, dass man ihm nicht einmal eine Leichenrede hält. Gleichsam so nebenbei, wie man nebenbei über den Tod des alten Herrn X. redet, der ohnehin schon lange an Krebs litt. Und wenn Gott tot ist, so kann man sich dann auch gleich die Frage stellen, ob es dann die Kirche eigentlich noch braucht.

Auf dem letzten Weg
Auf dem letzten Weg

Christus einlassen

Wir sind auf den Tod und die Auferstehung von Jesus Christus getauft. Das ist der wesentliche Punkt unseres christlichen Glaubens, denn ohne die Auferstehung Jesu, wäre unser Glaube eine Lüge und ein Hirngespinst eines dahergelaufen jüdischen Rabbiners vor 2000 Jahren.

Nun aber ist Christus auferstanden und bietet uns eine Zukunft, die über das Ende unseres Lebens hinausgeht. Dazu müssen wir Christus in unser Leben einlassen und zwar nicht einen Jesus, den wir uns zurückgeschnitten haben, sondern den wahren Jesus, wie er uns in der Heiligen Schrift und in der Lehre der Kirche gezeigt wird.

Der coole Typ

Ertönte vor Jahren immer wieder der Slogan: «Christus ja – Kirche nein!» so sind wir heute schon einen Schritt weiter, heisst es heute oft ja: «Christus nein – Kirche nein!» Bestenfalls heisst es heute noch: «Jesus ja – Kirche nein!»

Gemeint ist, dass man Jesus zwar einen coolen Typ findet, der es als Sozialrevoluzzer mit dem Establishment seiner Zeit aufgenommen hat und schliesslich ein Opfer der Mächtigen geworden ist. Dass aber dieser Jesus auch der Christus ist, der mir auch in der Gestaltung meines persönlichen Lebens etwas zu sagen hat, das wird geflissentlich ausgeblendet: Jesus ja – Gott nein!

Der Kirchengründer

Die Kirche ist nicht unser Werk. Jesus Christus ist der Herr der Kirche! Er hat sie ins Leben gerufen und er wird auch dafür sorgen, dass sie weitergeht. Wenn es nur auf uns ankommen würde, auf unsere Ideen und unseren Einsatz – dann arme Kirche! Aber so ist es, Gott sein Dank, nicht.

Eines der beliebtesten Lieder, das man früher oft gesungen hat, ist: «Ein Haus voll Glorie schauet…». Heute trauen sich viele nicht mehr, dieses Lied zu singen, da es das Bild einer allzu triumphalistischen Kirche zeichne, die heute so nicht mehr existiere.

Vertrauen und fester Grund

Ich singe dieses Lied trotzdem immer gerne, weil es aufzeigt, warum die Kirche mit Recht stolz sein und triumphieren kann und den Grund dafür nennt. In der dritten Strophe heisst es nämlich: «Die Kirche ist gegründet auf Jesus Christ allein. Wenn sie auf ihn nur schauet, wird sie im Frieden sein. Herr, dich preisen wir, auf dich bauen wir; lass fest auf diesem Grund uns stehn zu aller Stund».

Paul Martone in Rom
Paul Martone in Rom

Sicher hat die Kirche im Laufe der Jahrhunderte dies zu oft vergessen: Sie hat nicht nur auf Christus geschaut, sondern auch auf Macht, Reichtum und Einfluss. Daher ist es der Auftrag für uns als Glaubende und auch für die Kirchenleitung, die ja ebenfalls aus Glaubenden besteht, auf ihn, Jesus Christus, zu schauen! Auf ihn zu bauen, ihm zu vertrauen. Dann haben wir einen festen Grund, auf dem wir sicher leben, glauben und auch sterben können.

In-sein ist kein Kriterium

Die Kirche ist in erster Linie ihrem Gründer verpflichtet, also Jesus Christus. Die Kirche kann nichts als Wahrheit verkünden, was der Lehre Jesu widersprechen würde. Dass etwas heutzutage nicht mehr verstanden und auch nicht mehr gelebt wird, nicht mehr «in» ist, darf für die Kirche kein Kriterium sein, um ihre Lehre zu ändern! Selbst wenn sich deswegen Menschen von ihr abwenden sollten.

Was sie tun kann, ist sich zu überlegen, ob die Sprache, in der die Botschaft Christi verkündet wird, wirklich eine Sprache ist, die die Menschen von heute verstehen. Das beginnt bei den päpstlichen Schreiben, bis hin zu den Predigten in unseren Pfarreien, ja bis zu den Erklärungen, die die Eltern ihren Kindern geben. Um dies gut tun zu können, sollte sich jeder Christ mit der Geschichte und der Lehre der Kirche informieren und sich damit auseinandersetzen, denn bereits damit würden schon manche Missverständnisse ausgeräumt.

Vielleicht ist weniger mehr

Die Kirche hat Zukunft! Sie wird sich ändern, wir werden weniger, aber vielleicht ist weniger auch mehr. Sicher wird diese Veränderung schmerzhaft sein und wir werden uns von manchen vertrauten Dingen und kirchlichen Formen verabschieden müssen, doch das ist nicht schlimm, solange wir uns auf das Wesentliche unseres Glaubens besinnen, auf Jesus Christus. Er ist immer in unserer Mitte, sofern wir ihm diesen Platz zugestehen. Er allein kann unsere tiefste Sehnsucht stillen, die Sehnsucht nach einem Sinn für unser Leben, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und nach ewigem Leben.

Dafür braucht es keine grossen Worte, sondern ein Leben, das sich aus der Beziehung zu Christus nährt, und dafür im Alltag Zeugnis gibt – nicht nur sonntags oder bei besonderen Anlässen, sondern Tag für Tag. «Vielleicht mangelt es nicht an ‹Gelegenheitschristen›, die hin und wieder einem guten religiösen Gefühl Raum geben oder an der ein oder anderen Veranstaltung teilnehmen; aber nur wenige sind bereit, jeden Tag auf dem Acker Gottes zu arbeiten, den Samen des Evangeliums in ihrem eigenen Herzen zu pflegen, um ihn dann in den Alltag hineinzutragen, in ihre Familien, an die Orte, wo sie arbeiten oder studieren, in die verschiedenen sozialen Umfelder und zu den Bedürftigen» gab Papst Leo XIV. zu bedenken. Das Christsein dürfe keine Theorie oder Strategie sein, sondern müsse zu einem Lebensstil werden.

Christus teilen

Es ginge also nicht um ausgefeilte Konzepte, sondern um eine Haltung des Gebets. Durch das Gebet, allein oder in der Gemeinschaft der Pfarrei, kann in den Herzen der Glaubenden ein «feu sacré», ein heiliges Feuer zu brennen beginnen, das sie drängt, in den verschiedensten Bereichen Zeugnis vom Glauben zu geben, einschliesslich dort, wo Ablehnung oder Gleichgültigkeit herrschen. Es ist nicht möglich, Christus zu begegnen und ihn nicht den anderen bekannt zu machen. Christus ist kein Privatbesitz von Einzelnen, sondern soll mit anderen geteilt werden.

Um es in ein Bild zu fassen: Jeder, der schon einmal zu Hause im Garten gegrillt hat, weiss: Wenn da von der Grillkohle nur noch so ein winziger Funke da ist und alles andere ist erloschen, braucht man eine Luftpumpe oder einen Blasebalg um damit mal kräftig in die Glut zu blasen. Auf einmal entsteht daraus eine kleine Flamme, die immer grösser wird.

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Dieses Bild dürfen wir haben für die Kirche, nicht weil wir so gut sind, sondern weil der Heilige Geist so gut ist und er in der Kirche am Wirken ist. Dieser Glauben schenkt uns das Vertrauen darauf, dass es auch bei der nächsten Umfrage des Bundesamtes für Statistik den Glauben und die Kirche immer noch gibt – vielleicht noch mehr als heute.

*Paul Martone ist Mediensprecher des deutschsprachigen Teils des Bistums Sitten. 


Die Hände sind zum Gebet gefaltet. | © pixabay/Pexels, Pixabay License
11. Juli 2025 | 14:00
Lesezeit : ca. 6  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!