Seite aus dem "Grossen Gebet der Eidgenossen" von 1517. Die Gebete wurden, ausserhalb der Kirche, in Notsituationen oder bei Gefahren miteinander gebetet.
Schweiz

Gebetsbücher öffnen den Blick in Glaube und Alltag

Beten ist aktuell nicht gerade hip. Wirklich nicht? Das Gebet als Form der Hinwendung zum Göttlichen findet sich in allen Kulturen. Die Stiftsbibliothek St. Gallen lädt zu einem Einblick in Gebetsbücher früherer Zeiten. Mit einem sehr aktuellen Bezug zur Gegenwart.

Martin Spilker

Die Stiftsbibliothek St. Gallen ist bekannt für ihre einzigartige Sammlung alter Handschriften und Drucke. Sie ist aber nicht erste Adresse, wenn es um Gebete aus unterschiedlichen Weltreligionen geht. Das ist jetzt anders, Wer die neue Ausstellung der Bibliothek besucht, geht zuerst an Bildern von Katharina Heigl vorbei.

Bild aus der Ausstellung "Faces in Prayer" von Katharina Heigl.
Bild aus der Ausstellung "Faces in Prayer" von Katharina Heigl.

Die österreichische Filmemacherin und Fotografin hat bei einer Recherche Bilder betender Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen gemacht. Daraus entstanden ist eine Porträtfolge, die Besucherinnen und Besucher im Hier und Jetzt abholt. «Faces in Prayer», alle Menschen auf diesen Bildern beten. Sie tun das zu ihrer Gottheit. Doch welche das ist, das bleibt unerwähnt.

«Ich wehre mich gegen ein Schubladendenken.»

Katharina Heigl, Fotografin

Der Atheistin Heigl geht es darum, das Gebet als Glaubenszeugnis zu zeigen, herausgehoben aus dem Kontext des jeweiligen Glaubens. «Ich wehre mich gegen ein Schubladendenken, das die heutige Zeit gerade auch in Bezug auf Glauben und Gebet prägt», so Heigl.

Aus dem Korridor mit den zeitgenössischen Bildern in den historischen Lesesaal können mit einem kleinen Schritt Jahrhunderte zurückgelegt werden. Die hier in acht Vitrinen ausgestellten Gebetsbücher erschliessen die Vielfalt des Gebets in der christlichen Tradition. Und die geht weit über das Stossgebet, das Vater unser oder das Magnificat hinaus. Auch wenn dies die weitaus bekanntesten Formen sind.

Beten ist ein Urbedürfnis

«Vielleicht beten nicht mehr viele Menschen jeden Tag. Aber das Bedürfnis, eine höhere Macht anzusprechen, ist ein Urbedürfnis.» Cornel Dora, Stiftsbibliothekar in St. Gallen, eröffnet mit diesem Satz gleich die ganze Breite der Ausstellung: Es geht um die Geschichte des Betens in der Bibel und das ständige Gebet in den Klöstern. Genauso aber auch um das alltägliche Gebet in der Familie oder in weltlichen Gemeinschaften.

«Die Psalmen sind die Idealform des Gebets.»

Cornel Dora, Stiftsbibliothekar

Der Ursprung des christlichen Gebets liegt, so Dora, im Judentum. Und hier sind es besonders die 150 Psalmen im Alten Testament. Es sei «die Idealform des Gebets», wie der Stiftsbibliothekar sagt. Diese werden denn auch in christlichen Klostergemeinschaften bis heute Woche für Woche von vorne bis hinten durchgebetet. Und selbstverständlich ist in der Ausstellung auch ein wunderbares Exemplar eines Psalmengebets zu sehen.

"Ein Handbuch für vielbeschäftigte Stadtbürger", 1491. Die Ziffern auf den Fingergliedern dienen als Orientierungshilfe beim Gebet.
"Ein Handbuch für vielbeschäftigte Stadtbürger", 1491. Die Ziffern auf den Fingergliedern dienen als Orientierungshilfe beim Gebet.

Ob im 1. Jahrtausend, im Mittelalter oder später: Immer wurden Gebete festgehalten. Handschriftlich erst auf Pergament, dann auf Papier. Mit dem kostengünstigeren Material stand es somit auch «einfachen» Leuten offen, sich ein Gebetbuch zu leisten. «Sehr viele davon wurden in den Familien und dort von den Frauen geschrieben», wie Stefan Matter bei einem Rundgang durch die Ausstellung erläuterte.

«Ein Fenster zur Welt»

Der Sprachwissenschaftler aus Freiburg hat die Ausstellung mitgestaltet. Er beschäftigt sich in seinen Studien mit Gebetbüchern in allen Formen. «Ein wahrer Schatz», sei das, fasst er seine Eindrücke zusammen. Doch im Unterschied zu literarischen Texten seien private Gebetbücher nur sehr wenig erforscht. Für Matter stellen die Gebetbücher denn auch «ein Fenster zur Welt» dar. Es seien «beredte Zeugen» nicht des Adels oder der Kirchen, sondern des Familienalltags. Und das über Jahrhunderte.

Das Leiden der Martha von Bethanien, 1450/1500. Der Textinhalt wird auch in der kunstvollen Initiale dargestellt.
Das Leiden der Martha von Bethanien, 1450/1500. Der Textinhalt wird auch in der kunstvollen Initiale dargestellt.

Wie Stefan Matter erklärt, war das Gebetbuch oft das einzige Buch überhaupt im Besitz einer Familie. Für den Forscher ist deshalb auch interessant, was den Gebeten später hinzugefügt wurde: «Da findet sich vielleicht ein Vermerk über eine noch nicht bezahlte Rechnung.» Denn Papier war in früheren Zeiten knapp…

Lokale Eigenheiten

Die wertvollen Handschriften und Drucke – ein grosser Teil davon aus der Sammlung der Stiftsbibliothek –, geben vielleicht nur einen kleinen, dafür ausgewählten Einblick in die Vielfalt historischer Gebetbücher. Dabei zeigen sich auch regionale Unterschiede. Deutschsprachige Bücher beispielsweise enthalten deutlich weniger Bilder. Die sind für den Nutzer genauso Gebetshilfe, wie der geschriebenen Text. Eine Begründung dafür gibt die Ausstellung aber nicht.

«Hier kommt man nahe an die Menschen heran.»

Stefan Matter, Gebetsbuchspezialist

Bei den Privatgebetbüchern ist – nebst der äusseren Form – auch inhaltlich keines gleich wie ein anderes: «Über die aufgeschriebenen Gebete kommt man nahe an die Menschen heran», so Matter. So ist das Buch an sich sehr persönlich gehalten. Aber auch der Inhalt gibt Auskunft, welche Bedeutung das persönliche Gebet in der betreffenden Zeit hatte.

Zudem vermitteln Gebetbücher auch das Bedürfnis nach Bildung im Volk. Während Literatur eine exklusive Sache war, boten Gebetbücher – und später die ersten gedruckten Bibeln – Gelegenheit zum Lesen. Dies nicht nur zuhause. Manche dieser privaten Bücher enthalten Texte, die bereits vor der Reformation von den Gläubigen in der Messe gebetet wurden. «Es bestand ein Bedürfnis, an der Liturgie teilzuhaben», so Stefan Matter.

Führungen mit Vesperbesuch

Die Ausstellung will aber nicht nur über Gebetbücher informieren, sondern auch zum Gebet einladen. Je nach Entwicklung der Einschränkungen bei öffentlichen Veranstaltungen im Kanton St. Gallen werden parallel zur Ausstellung Führungen mit dem Besuch der Domvesper verbunden. Weiter gibt es Workshops oder Fokus-Veranstaltungen zu einzelnen Elementen der Ausstellung.

Bild aus der Ausstellung "Faces in Prayer" von Katharina Heigl.
Bild aus der Ausstellung "Faces in Prayer" von Katharina Heigl.

Nach den Eindrücken dieser heute so kunst- wie wertvollen Raritäten kommen die Besucherinnen und Besucher beim Verlassen des Saals noch einmal an den Schwarz-weiss-Fotografien von Katharina Heigl vorbei. Der Blick fällt wieder auf das Jetzt – und der Bogen zwischen dem Gebet vergangener Jahrhunderte und dem Beten heute ist geschlagen.

Ausstellung «Beten – Gespräch mit Gott» in der Stiftsbibliothek St. Gallen. Ab dem 8. Dezember gelten wegen der Auswirkungen der Pandemie bis auf Weiteres reduzierte Öffnungszeiten bei den Museumsangeboten im Stiftsbezirk: täglich 11 bis 16 Uhr (statt 10 bis 17 Uhr). Über die zur Ausstellung geplanten Anlässe empfehlen die Veranstalter, sich aufgrund der wechselnden Ausgangslagen im Voraus auf der Internetseite zu informieren.


Seite aus dem «Grossen Gebet der Eidgenossen» von 1517. Die Gebete wurden, ausserhalb der Kirche, in Notsituationen oder bei Gefahren miteinander gebetet. | © zVg
8. Dezember 2020 | 11:28
Teilen Sie diesen Artikel!

Coronakrise hinterlässt tiefe Lücken

Die Einschränkungen durch die Coronapandemie, die für den Besuch öffentlicher Einrichtungen gelten, haben im laufenden Jahr ein grosses Loch in die Kasse der Stiftsbibliothek gerissen. Mandana Roozpeikar, Leiterin Betrieb Ausstellung und Vermittlung im Stiftsbezirk, spricht von einem Einbruch der Besucherzahlen von über 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Da die Billeteinnahmen 60 Prozent des Budgets der Einrichtung ausmachen, sah sich die Stiftsbibliothek gezwungen, zwei einschneidende Massnahmen zu ergreifen: Das eine sind die um zwei Stunden reduzierten Öffnungszeiten – neu 11 bis 16 Uhr statt 10 bis 17 Uhr – bis mindestens im März, sowie der Verzicht auf eine Sommerausstellung 2021.

Diese Entscheide wurden «mit Wehmut» gefällt, so Roozpeikar. Nun hoffe man, dass die Winterausstellung nicht noch mehr Einschränkungen erfahre und weitere Gruppenangebote gemacht werden können. «Und sonst hilft nur noch beten», sagte sie verschmitzt mit Blick auf die aktuelle Ausstellung. (ms)