Frau Gärtner will sterben
Das Theaterstück «Gott» von Ferdinand von Schirach hat am Allerheiligentag zahlreiche Menschen ins ausverkaufte Stadttheater Langenthal gelockt. Ein fiktiver Ethikrat verhandelte über den Sterbewunsch einer gesunden 78-jährigen Frau. Dann stimmte das Publikum ab. Die anschliessende Podiumsdiskussion zeigte: Es gibt Redebedarf.
Sabine Zgraggen
Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass am vergangenen Allerheiligentag das Theaterstück «Gott» des deutschen Schriftsstellers und Juristen Ferdinand von Schirach in Langenthal BE aufgeführt wurde. Während die Kirchen an diesem Tag der Heiligen und der Hoffnung auf ein Leben über den Tod hinaus gedenken, stand im ausverkauften Stadttheater die Frage im Mittelpunkt, ob ein Mensch das Recht hat, sein Leben mit ärztlicher Unterstützung selbst zu beenden.
Die Bühne erinnerte an einen Gerichtssaal. Tatsächlich tagt hier ein fiktiver Ethikrat, der sich mit dem Sterbewunsch von Elisabeth Gärtner beschäftigte. Die 78-Jährige, eindrücklich gespielt von Heidi Maria Glössner, hat vor drei Jahren ihren Ehemann verloren, mit dem sie 48 Jahre verheiratet gewesen war. Ihr Leben sei bis dahin erfüllt gewesen, erklärt sie zu Beginn der Anhörung. Doch seit dem Tod ihres Mannes empfinde sie trotz ihrer Kinder und Enkel kaum noch Lebensfreude.
Weder körperlich noch psychisch krank
Das Besondere: Frau Gärtner ist weder körperlich noch psychisch krank. Ihre Urteilsfähigkeit wurde überprüft. Sie möchte schlicht nicht mehr weiterleben und verlangt von ihrer Ärztin ein Rezept für Pentobarbital, jenes Medikament, das bei der Suizidhilfe zum Einsatz kommt. Sie wolle nicht warten, bis sie irgendwann «sabbernd und hilflos» ihrem Ende entgegenvegetiere. Ihre Vorstellung von einem würdevollen Leben bedeutet auch, dass sie «hübsch zurecht gemacht» und somit würdig gehen möchte.
An ihrer Seite steht Rechtsanwalt Biegler. Eloquenz, Schlagfertigkeit und eine gehörige Portion Raffinesse zeichnen ihn gemäss Drehbuch aus. Während der rund hundertminütigen Aufführung entwickelt er sich zum Advocatus Diabolus, der die Argumente seiner Gegenspieler geschickt hinterfragt und Widersprüche offenlegt. Im Zentrum steht das Recht auf Selbstbestimmung. Wer sein Leben eigenverantwortlich lebt, müsse auch über dessen Ende entscheiden können. Doktor Brandt, die Frau Gärtner seit zwanzig Jahren als ihre Augenärztin kennt, hat ihre Bitte nach dem tödlichen Medikament mit Verweis auf die ärztliche Standesordnung abgelehnt.
Der Eid des Hippokrates
Der medizinische Sachverständige Professor Doktor Sperling argumentiert denn auch dominant mit dem Hippokratischen Eid: «Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten.» Dies zitiert er gleich drei Mal. Mit seiner bisweilen überheblich wirkenden Haltung bietet er dem gewandten Anwalt Angriffsfläche. Biegler führt ihn vor, er solle nun den Passus des Eides aus der gültigen Standesordnung heraus vorlesen. Siehe da: Darin steht genau dieser Passus gar nicht drin.
Frau Gärtner ruft emotional dazwischen: Immer sei vom Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient die Rede, doch dieses müsse schliesslich gegenseitig sein. Sie würde ihrem Arzt gerade dann vertrauen, wenn er ihren Sterbewunsch endlich ernst nähme. Der Arzt könne ihr vertrauen. Die juristische Sachverständige, Professor Litten, macht auf die grundsätzlichen Konsequenzen aufmerksam: Gelte das Recht auf ärztliche Suizidhilfe für eine gesunde 78-Jährige, stelle sich dieselbe Frage auch für Menschen jeden anderen Alters. Wo wären dann die Grenzen zu ziehen?
Der Bischof im Kreuzverhör
Eine besonders undankbare, zugleich bemerkenswert glaubwürdig gespielte Rolle kommt Bischof Thiel zu. Er vertritt die katholische Position und verweist auf die unveräusserliche Würde jedes Menschen, die Schutzbedürftigkeit der Schwachen und die Verantwortung einer Gesellschaft für ihre Mitglieder. Seine Argumente werden durchaus gefühlvoll und mit Ernsthaftigkeit vorgetragen und es gibt diesen «Verkündigungsmoment», als würde Gott sprechen. Doch auch er gerät ins Kreuzverhör des Rechtsanwalts.
Schliesslich lässt sich der Bischof zur Aussage hinreissen, dass «assistierter Suizid nichts anderes als purer Egoismus sei». Auch die Rolle der Kirche sieht Thiele nach wie vor als so etwas wie das «moralische Gewissen». Damit hat er verloren: Anwalt Biegler verweist auf die Missbrauchsskandale und historischen Verfehlungen der Kirche und stellt damit die moralische Autorität dieser katholischen Kirche in Frage.
Das Publikum stimmt ab
Die Auseinandersetzung gewinnt stellenweise beinahe slapstickartige Züge, als moderne Blitzableiter genannt werden, gegen welche die Kirche im 18. Jahrhundert ebenso entschieden war, weil «Gewitter als gerechter Zorn Gottes galten». Im Publikum wird gelacht. Thiele hat nichts mehr zu melden.
Nach rund hundert Minuten und vielen Argumenten, stimmt das Publikum ab. Die ungefähr 300 Besuchenden entscheiden per Knopfdruck, ob Frau Gärtner, auch wenn sie unter keiner Krankheit leidet, das tödliche Medikament verschrieben bekommen soll. Das Ergebnis fällt deutlich aus: Rund 70 Prozent stimmen dafür, gut 30 Prozent dagegen.
Eine differenziertere Sicht der Dinge
Nach einer längeren Pause kehrt etwa die Hälfte des Publikums in den Theatersaal zurück. Nun sitzen nicht mehr fiktive Sachverständige auf der Bühne, sondern eine echte Pfarrerin, ein Teamleiter einer Demenzeinrichtung, der Moderator und die Hauptdarstellerin. Die Schauspielerin Heidi Maria Glössner erzählt, dass sie ihre Rolle auch nach zahlreichen Aufführungen keineswegs langweilig finde. Im Gegenteil: Je länger sie sich mit den unterschiedlichen Positionen befasse, desto mehr erkenne sie die Komplexität der Fragestellung.
Persönlich sei sie stets davon ausgegangen, dass ein selbstbestimmtes Leben auch ein selbstbestimmtes Sterben einschliesse. Doch inzwischen sehe sie manches differenzierter. Insbesondere die Frage, ob ein solches Recht auch für sehr junge Menschen oder gar Minderjährige gelten müsste, bereite ihr Unbehagen. Bei Menschen jenseits der 80 hingegen könne sie sich eine entsprechende Entscheidung gut vorstellen.
Entscheid zum Suizid ist kein purer Egoismus
Die reformierte Langenthaler Pfarrerin Hanna Rucks greift einen Begriff auf, der bereits im Theaterstück immer wieder gefallen ist: die Würde des Menschen. Sie stellt klar: Während Frau Gärtner ihre Würde insbesondere durch den drohenden Verlust körperlicher Selbstständigkeit gefährdet sieht und nicht sabbernd dahinvegetieren möchte, verstehe sie selbst die Menschenwürde als etwas Unveräusserliches.
Bemerkenswert ist auch Rucks Reaktion auf eine Aussage des Bischofs, der den Suizid im Theaterstück als «rein egoistisch» bezeichnet hatte. «Jeder der einmal in der Seelsorge stand, kann eine solche Entscheidung nicht einfach auf Egoismus reduzieren», gibt Rucks zu bedenken. Dass ein Mensch einen Sterbewunsch tatsächlich völlig frei und unabhängig von äusseren Einflüssen äussere, mag vereinzelt vorkommen, räumt die Pfarrerin ein, doch der Normalfall sei es nicht. Spardruck und die Erwartungen anderer prägten eben auch. Einsamkeit und die Sorge, anderen zur Last zu fallen, bestimmten mit.
Nachts die Sterne betrachten
Besonders anschaulich werden die Ausführungen von Ralph Juchli, Teamleiter des Seniorenzentrums Haslibrunnen in Langenthal. Er kennt den Alltag mit alten und demenzbetroffenen Menschen. Und widerspricht der Vorstellung, dass ein Leben mit Demenz und Gebrechlichkeit zwangsläufig aus einem trostlosen Dasein in einem Pflegeheim bestehe. Moderne Einrichtungen hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verändert. Bewohnerinnen und Bewohner könnten sich heute frei bewegen, Gärten nutzen, Gemeinschaft erleben und ihren eigenen Lebensrhythmus pflegen.
Juchli erzählt von einem Bewohner, der manchmal bis drei Uhr morgens draussen sitzt und die Sterne betrachtet. Niemand hindere ihn daran. Weshalb auch? Er ermahnt jedoch alle Anwesenden: «Solche Einrichtungen, die ein würdiges Lebensende ermöglichen, kosten viel Geld.» Zudem gebe es viel zu wenige Palliative Care- Einrichtungen. Es läge an uns allen, würdiges Altwerden zu ermöglichen.
Einen neuen Lebenssinn suchen
Dann gibt es noch einige Rückmeldungen und Fragen aus dem Publikum: Ein Mann mit Psychiatrieerfahrung sagt, dass Menschen, die einen Suizid überlebt haben, zu 95 Prozent froh seien, ihn überlebt zu haben. Eine Frau zeigt sich irritiert, warum man sich als gesunder Mensch von einem Arzt Gift verschreiben lassen möchte. Die Person solle sich doch einen neuen Lebenssinn suchen, findet sie. Wieder jemand erinnert an das Medikament, das nicht automatisch einen «guten Tod» garantiere, daraufhin reagiert Schauspielerin Glössner und ruft von der Bühne: «Ja, wir haben es bei Christa Pike in den USA gesehen.»
«Gott» von Ferdinand von Schirach auf Schweizer Tournee. Die Schweizer Inszenierung des Theaterstücks feierte am 30. September 2022 in Chur Premiere. Regie führt Barbara David Brüesch, die das ursprünglich deutsche Stück gemeinsam mit Jonas Bernetta an die rechtlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Schweiz angepasst hat. Nächste Aufführungen: 27. bis 31. Januar 2027 Bernhard Theater Zürich, jeweils 19.30 Uhr. 24. bis 25. Februar 2027 Stadttheater Olten, jeweils 19.30 Uhr
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