Erste muslimische Armeeseelsorgerin: «Für mich erfüllte sich ein Traum»
Nida-Errahmen Ajmi (28) hat die Rekrutenschule und die Ausbildung zur Armeeseelsorgerin absolviert. Im Interview erzählt sie, wie es dazu kam und wer sie in dem mehrheitlich männlich geprägten Umfeld am meisten unterstützt hat. Ajmi hat festgestellt, dass sie Personen anzieht, die ein offenes Ohr suchen – zum Beispiel homosexuelle Männer, «die Angst hatten, offen über ihre Homosexualität zu sprechen».
Barbara Ludwig
Am 14. Juni sind Sie zur Armeeseelsorgerin ernannt worden. Nachdem vor zwei Jahren der erste Armeeseelsorger mit muslimischem Hintergrund ernannt wurde, sind Sie nun die erste Armeeseelsorgerin muslimischen Glaubens in der Schweizer Armee. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Nida-Errahmen Ajmi*: Die Tatsache, dass ich die erste Muslimin in diesem Dienst bin, hat bei mir keinerlei Emotionen ausgelöst. Für mich erfüllte sich an diesem 14. Juni vielmehr ein Traum, den ich seit 2019 hegte. Damals konnten Personen muslimischen Glaubens noch nicht Armeeseelsorger oder Armeeseelsorgerin werden, das wurde erst später möglich. Während der letzten dreieinhalb Jahre habe ich alles gegeben, um dieses Ziel zu erreichen. Am der Tag der Ernennung war ich sehr glücklich, in den Kreis der Armeeseelsorgerinnen und Armeeseelsorger aufgenommen zu werden. Aber nicht weil, ich Muslimin bin, sondern weil ich glaube, dass die Armeeseelsorge der Ort ist, an dem ich mich am besten einbringen kann.
Die Ernennungsfeier fand in der Kathedrale Solothurn statt. Was lief bei dieser Zeremonie ab?
Ajmi: Der Chef der Armeeseelsorge, Samuel Schmid, hat die Ernennungen vorgenommen. Mehrere Leute, darunter auch künftige Armeeseelsorger, hielten Ansprachen. Danach traten wir einzeln nach vorne, wo Samuel Schmid vor der Schweizerfahne stand und uns zum Hauptmann Seelsorger ernannte. Jedem wurde ein Offiziersdolch mit eingraviertem Namen überreicht. Auf meinem Dolch steht «Capitaine aumônier Nida-Errahmen Ajmi». Nach den Ernennungen sangen wir alle die Schweizer Nationalhymne. Anschliessend gab es einen Apéro vor der Kathedrale.
«Die Armee entspricht meiner Lebensweise: Man lernt Disziplin, man lernt Kameradschaft.»
2019 haben Sie die Rekrutenschule absolviert. Was hat Sie motiviert, Militärdienst zu leisten?
Ajmi: Als ich die Einladung zum Informationstag erhielt, dachte ich zunächst: Unmöglich, das Militär ist nichts für mich. Mit der Zeit habe ich dies aber hinterfragt. Denn ich mache gerne starke Erfahrungen, bei denen ich etwas lerne. Ich sagte mir schliesslich, dass die Armee meiner Lebensweise sehr entspricht: Man lernt Disziplin, man lernt Kameradschaft. Und sie ist etwas, das zu meinem Land gehört. Es ist ein Ort, an dem ich dienen und wo ich viel lernen kann. Bei der Rekrutierung war ich die einzige Frau, die die Mindestpunktzahl von 65 erreichte. Mit dieser Mindestpunktzahl ist es möglich, in drei Vierteln aller Funktionen der Armee eingesetzt werden zu können. Es hat mich motiviert zu wissen, dass ich körperlich und mental in der Lage bin, Militärdienst zu leisten. Bis heute nimmt die Armee einen wichtigen Platz in meinem Leben ein.
Den Wunsch, Armeeseelsorgerin zu werden, verspürten Sie später. Wie kam es dazu?
Ajmi: Während meines Dienstes als Trainsoldat (Trainsoldaten stellen mit Hilfe von Pferden die Logistik in unwegsamem Gelände oder bei unterbrochenen Transportwegen sicher, d.Red.) spürte ich ein gewisses Bedürfnis nach Unterstützung: Als muslimische Frau, als französischsprachige Schweizerin und als Städterin fühlte ich mich manchmal etwas unwohl in einem deutschsprachigen, mehrheitlich männlichen und ländlich geprägten Umfeld. Die Person, die mir in dieser Situation am meisten geholfen hat, war mein Leutnant, eine Frau aus dem Tessin. Sie hat ähnliche Dinge erlebt wie ich. Damals habe ich auch erfahren, dass es eine Armeeseelsorge gibt. Ich dachte mir, wenn es in der Seelsorge eine Person mit den Fähigkeiten dieser Frau gäbe, würde mir das sehr helfen. Jemand, der die unsichtbaren Dinge wahrnimmt, also die Schwierigkeiten, mit denen manche Menschen zu kämpfen haben.
«Die Seelsorge gefällt mir, weil es ein Ort ist, an dem die Spiritualität und die Individualität der Menschen anerkannt werden.»
Im Militär habe ich selber die Erfahrung gemacht, dass ich Personen anziehe, die jemanden brauchen, der ihnen zuhört. Zum Beispiel haben sich mir homosexuelle Männer anvertraut, die Angst hatten, offen über ihre Homosexualität zu sprechen. Die Seelsorge gefällt mir, weil es ein Ort ist, an dem die Spiritualität und die Individualität der Menschen anerkannt werden. Ich glaube, in der Seelsorge kann ich der Armee und der Schweizer Gesellschaft mehr dienen, als wenn ich weiter Dienst als Trainsoldat leisten würde. Aus diesem Grund habe ich mich dafür entschieden.
Sie haben es bereits angetönt: Als Frau und als Muslimin gehören Sie in der Schweizer Armee zwei Minderheiten an. Wie haben Sie das in der Rekrutenschule erlebt?
Ajmi: Es stimmt, dass ich als Frau und Muslimin zwei Minderheiten angehöre. Aber ich stamme zudem aus der französischsprachigen Westschweiz. Das hat bei mir eine viel grössere Rolle gespielt.
«Zur weiblichen Minderheit zu zählen, kam erst an zweiter Stelle.»
Warum?
Ajmi: Weil die Befehle auf Deutsch gegeben wurden. Westschweizer und Tessiner müssen sich zusätzlich anstrengen, um zu verstehen, was gesagt wird. Das ist manchmal etwas schwierig. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben und spreche jetzt ziemlich gut deutsch. Zur weiblichen Minderheit zu zählen, kam erst an zweiter Stelle. Und dass ich Muslimin bin, spielte während meines Dienstes kaum eine Rolle.
Mit welchen Schwierigkeiten waren Sie denn als Frau konfrontiert?
Ajmi: Ich hatte manchmal das Gefühl, ich müsse doppelt so viel leisten wie die anderen, um anerkannt zu werden. Und mein Leutnant hat mir dann gesagt: Ich verstehe das, weil ich das auch erlebt habe. Niemand will die Truppe bremsen. Wenn man zum Beispiel die einzige Frau ist und immer diejenige, die alle anderen aufhält, die ihre Sachen nicht tragen kann, werden die Leute einem nicht vorwerfen, dass man schwach ist, sondern dass man eine Frau ist.
«Ich habe festgestellt, dass manche Vorgesetzte bei Frauen stärker auf kleine Details achten.»
Haben Sie solche Situationen erlebt?
Ajmi: Nein, ich bin körperlich ziemlich stark und ausdauernd. Aber ich habe festgestellt, dass manche Vorgesetzte bei Frauen stärker auf kleine Details achten. Es ist zum Beispiel sehr wichtig, dass die Schuhe sehr sauber sind. Als meine Schuhe einmal nicht ganz sauber waren, gab es gleich eine Bemerkung. Vielleicht achten sie bei uns Frauen stärker auf solche Details, weil wir so wenige sind.
Personen, die in der Armeeseelsorge tätig sein wollen, müssen unter anderem eine zivile Ausbildung absolvieren, die sie dazu befähigt. Wo haben Sie sich das nötige Rüstzeug erworben?
Ajmi: Ich habe ein Certificate of Advances Studies in «Muslimische Seelsorge in öffentlichen Institutionen» erworben. Dieser Lehrgang wird vom Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Universität Freiburg angeboten.
«Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die bereit sind, das Land und seine Werte zu verteidigen.»
Wie sah Ihre Ausbildung zur Seelsorgerin innerhalb der Armee aus?
Ajmi: Die Ausbildung fand in drei einwöchigen Sequenzen statt und war wirklich bereichernd. Ich war die einzige Muslimin – und doch haben die Ausbildungsverantwortlichen der Armeeseelsorge immer auf mich Rücksicht genommen. Stets wurde mit Inhalten gearbeitet, die alle Menschen ansprechen, auch wenn sie manchmal aus der Bibel oder aus unterschiedlichen christlichen Traditionen stammten. Auch für sie war es eine tolle Übung, denn in der Armee hat man als Seelsorger seinen eigenen Glauben, aber man ist für alle da.
Der Gedanke, im Falle eines Krieges, andere Menschen töten zu müssen. Hat Sie das auch beschäftigt?
Ajmi: Ja. Ich habe, bevor ich einrückte, bei einer Dienststelle angerufen, die Fragen künftiger Soldatinnen und Soldaten beantwortet. Dort habe ich gefragt, was passiert, wenn es einen Krieg gibt. Man sagte mir: Dann werden Sie natürlich zur Verteidigung des Landes eingesetzt. In der Schweiz haben wir eine Armee, die wirklich nur der Verteidigung dient. Wenn ich also eines Tages Gewalt anwenden müsste, dann nur, um die Menschen in meinem Land zu beschützen. Das ist für mich in Ordnung. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die bereit sind, das Land und seine Werte zu verteidigen. Sollte es irgendwann zum Ernstfall kommen, wird mir dies vielleicht nicht leicht fallen. Ich hoffe auf jeden Fall, dass es nie dazu kommt.
*Nida-Errahmen Ajmi (28) ist Freiburg aufgewachsen. Die Schweizerin mit tunesischen Wurzeln arbeitet als Kommunikationsverantwortliche bei der Bewegung ATD Vierte Welt. Sie hat ein Bachelor-Studium in Informations- und Kommunikationswissenschaft abgeschlossen und befindet sich in einem Masterstudium im Fach Religionswissenschaft.
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