Wie weiter nach der Weltsynode?
Analyse

Eine erste Bilanz zum Abschluss der Weltsynode

Die Weltsynode ist zu Ende, der synodale Weg steht jedoch erst am Anfang. Jetzt gilt es, das Miteinander in den Ortskirchen einzuüben. Das sieht das explizit vom Papst approbierte Schlussdokument vor.

Francesco Papagni

Nach dem Abschluss der Römischen Versammlung kann eine provisorische Bilanz gewagt werden. Die Erwartungen waren unterschiedlich, einige prominente Stimmen wie der bekannte emeritierte Amazonas-Bischof Erwin Kräutler gaben die Synode schon zu Beginn auf. Seine Erfahrungen mit der Amazonas-Synode 2019 veranlassten ihn zu diesem harten Urteil.

Den nachkonziliären Faden wiederaufnehmen

Aber worum ging es bei dem Anlass überhaupt? Die Wendung Synode über Synodalität erscheint auf den ersten Blick selbstbezüglich. Die Kirche diskutiert wieder mal über sich selbst. In historischer Perspektive wird diese Formel aber durchsichtig. Blenden wir zurück: Nach dem II. Vatikanum wurden verschiedene Regionalsynoden instituiert.

Papst Paul VI.
Papst Paul VI.

Die Würzburger Synode und die Basler Synode 72 sind die bekanntesten. Diese nachkonziliären Aufbrüche versandeten oder wurden abgeblockt und zwar schon durch Paul VI. und nicht erst durch Johannes Paul II. Mit der Versammlung, deren zweite Session jetzt zu Ende gekommen ist, nimmt Papst Franziskus jenen Faden wieder auf. Die heutige Kirche steht aber an einem anderen Ort; sie ist erstarrt und selbstgenügsam geworden.

Den offenen Dialog einüben

Diese Erstarrung musste erst mal durchbrochen werden. Viele Bischöfe sind es nicht gewohnt, in einen offenen Dialog einzutreten. Besonders nicht mit Laien. Das wurde bisher nicht von ihnen erwartet. Mit der Institution einer Synode der runden Tische mussten sie lernen, mit männlichen und weiblichen Getauften in eine Diskussion zu treten, zu argumentieren und auch Widerspruch auszuhalten.

Daniel Kosch
Daniel Kosch

Die Synode war also erst mal eine Übung in freimütiger Rede. Daniel Kosch, ehemaliger RKZ-Präsident ortet Defizite in freimütiger Rede auch in unserer liberalen und direktdemokratischen Schweiz. Um wie viel grösser muss dieses Defizit in der Weltkirche sein, zumal es auch explizite Sprechverbote gab wie jenes über die Weihe der Frau. Dieses von Johannes Paul II. dekretierte Diskussionstabu ist faktisch gefallen.

Ein erstaunliches Tondokument

Beweis dafür ist jene Aufnahme einer kürzlich stattgefundenen Diskussion, in der Kardinal Fernandez, Präfekt der Glaubenskongregation,  Synodenteilnehmerinnen und –teilnehmern Red und Antwort steht. Dieses von Vatican News veröffentlichte, erstaunliche Dokument ist aufschlussreich in mehreren Hinsichten. Zuerst einmal was das Diskussionsniveau betrifft. Und dann was die Offenheit angeht. Der Präfekt der Glaubenskongregation stellt sich scharf formulierten Statements zur Rolle der Frau. So konnte in der Kirche bis vor wenigen Jahren nicht gesprochen werden.

Folgen für die Schweiz

Die Weltsynode ist zu Ende, der synodale Weg steht jedoch erst am Anfang. Jetzt gilt es, das Miteinander in den Ortskirchen einzuüben. Das sieht das explizit vom Papst approbierte Schlussdokument vor. Synodalität beginnt in den Pfarreien. Dort gibt es Pfarreiräte, Laiengremien, die den Pfarrer beraten sollen und mit denen er seine Fragen und Projekte diskutieren sollte.

Eine Frau empfängt die Erwachsenentaufe.
Eine Frau empfängt die Erwachsenentaufe.

Nur, wo geschieht das wirklich? Wo sind die Pfarrer, die bereit sind, ihre Entscheidungen vorgängig zur Diskussion zu stellen? An der Basis, im Kleinen muss eine Veränderung der Praxis beginnen, wenn Synodalität nicht in einen Kommissionskatholizismus enden soll, dessen Zeit eh abgelaufen ist. Das duale System in ein synodales weiterentwickeln, so die Losung von Daniel Kosch.

Er diagnostiziert eine verquere Aufgabenteilung in der Schweiz: Die staatskirchenrechtliche Seite ist für das Geld zuständig, die kanonische für den Geist. Wir alle sind aber als Getaufte geistbegabt, wir alle partizipieren an der Sendung der Kirche. Was diese Wandlung vom dualen zum synodalen System konkret beinhaltet und wie sie bewerkstelligt werden soll – das müssen wir selber herausfinden.

Dezentralisierung als Lösung?

Viele werden von den Resultaten der Weltsynode enttäuscht sein. Sie erwarteten Entscheidungen bezüglich den vieldiskutierten Fragen. Wer die Synode mitverfolgt und so eine Innensicht entwickelt hat, sieht ein Thema im Vordergrund, die Dezentralisierung. Diese würde bedeuten, dass z.B. die Frage nach der Weihe der Frau oder nach dem Pflichtzölibat in verschiedenen Weltteilen verschieden geregelt werden könnte.

Papst Franziskus
Papst Franziskus

Papst Franziskus hat immer wieder von Dezentralisierung, von Stärkung der Kompetenzen der Bischofskonferenzen gesprochen. Nur, wie soll eine «polyzentrische Kirche» (Johann Babtist Metz) Wirklichkeit werden, ohne die Einheit der Kirche aufs Spiel zu setzen?

Das Gewicht dieser Frage zeigt sich im Gebet, das Ibrahim Setra, Patriarch von Alexandria, in der Schlusssitzung formuliert hat: «O Heiliger Geist, wir wenden uns an Dich als Kirche, Volk Gottes, Leib Christi. (…) Lehre uns die Vielfalt anzunehmen, ohne die Einheit zu beschädigen (…).»

Vertikale Krise

Einiges weist darauf hin, dass diese Einheit gefährdet ist. Alberto Melloni, als Direktor des Bologneser Instituts Johannes XXIII. ein Insider,  spricht von einer «vertikalen Krise» und meint damit nicht die Krise zwischen Episkopat und Gläubigen sondern die Krise im hohen Klerus selbst, die Polarisierung zwischen Konservativen und Progressiven.

Gemeinsames Gebet von Papst Johannes XXIII. und Jossyf Ivanovic Slipyj, Erzbischof von Lemberg und ukrainisch-katholischer Grosserzbischof, 1963 in Rom.
Gemeinsames Gebet von Papst Johannes XXIII. und Jossyf Ivanovic Slipyj, Erzbischof von Lemberg und ukrainisch-katholischer Grosserzbischof, 1963 in Rom.

Man hat gesehen, wie die afrikanischen Bischöfe Rom die Gefolgschaft in der Segnung von homosexuellen Paaren verweigert haben. Das könnte ein Vorbote von viel schärferen Auseinandersetzungen sein. Auch eine Kirchenspaltung ist in Zukunft nicht mehr auszuschliessen. Vielleicht ist Franziskus deshalb so zögerlich bei kirchenrechtlichen Änderungen, weil er diese Gefahr klar erkennt. Mit dieser Zögerlichkeit schiebt die Kirche jedoch die Probleme vor sich her.

Fazit

Dialogfähigkeit einüben, Problembewusstsein schärfen, Vielfalt in der Weltkirche erkennen und aushalten – all dies hat die Römische Synode geleistet. Ist das genug? Für die vielen Kritikerinnen und Kritiker bestimmt nicht. Das umgehend publizierte Schlussdokument, dem kein päpstliches Schreiben folgt, ist ein Zeichen dafür, dass ein kollektiver Lernprozess stattgefunden hat. Immerhin. Wird mit Synodalität Ernst gemacht, muss diese nun als Praxis in den Ortskirchen verankert werden.

Bischof Gmür, Claire Jonard und Helena Jeppesen-Spuhler treffen einen Mitkämpfer für Frauenfragen, Ladislav Nemet, Erzbischof von Belgrad, Oktober 2024
Bischof Gmür, Claire Jonard und Helena Jeppesen-Spuhler treffen einen Mitkämpfer für Frauenfragen, Ladislav Nemet, Erzbischof von Belgrad, Oktober 2024

Dann werden auch Entscheidungen in diesem Geist getroffen. Den «Koloss katholische Kirche» (Helena Jeppsen-Spuhler) zu verwandeln, ist eine Herkulesaufgabe. Es geht darum, die pyramidale, starre, aus dem I. Vatikanum hervorgegangene Kirche zu einer Versammlung des Volkes Gottes werden zu lassen. Versammlung ist übrigens die ursprünglich griechische Bedeutung von Ekklesia. Und diese Aufgabe beginnt an der Basis, in den Pfarreien. Aber die Bischöfe müssen es wollen.

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Der Papst evozierte in seinem Schlusswort die heilsgeschichtliche Vision des Jesaja, das Festmahl, das am Ende der Zeiten, zur dem alle – und er wiederholte alle – eingeladen sind. Dann zitierte er die «Mystikerin der Peripherien» Madeleine Delbrêl: «Seid nicht starr». «Starrsein ist eine Sünde», fügt Franziskus hinzu. Sein Wort in Gottes Ohr – und in jenes der ganzen Kirche.

Weltsynode im Podcast: Was haben die Synodalen erreicht, was ist nach wie vor offen, und wie geht es jetzt weiter? Darüber diskutieren Helena Jeppesen-Spuhler, Delegierte für Europa, und Bischof Felix Gmür in der nächsten Folge des Podcasts «Laut + Leis». Ab Freitag, 1. November, um 6 Uhr auf www.kath.ch/podcast/ und überall, wo’s Podcasts gibt.


Wie weiter nach der Weltsynode? | © Vatican News
29. Oktober 2024 | 14:01
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