Erster Advent: Dunkle Tage

Ein Namenloser zieht von Land zu Land

Ein Mädchen trägt ein atmendes Bündel auf dem Rücken

Eine Obdachlose streichelt den Heizkörper im Wartesaal

Ein Gefangener hämmert die Einsamkeit an die Zellentür

Ein paar Zerlumpte halten die aussichtslose Stellung

Ein schmales Paar trinkt den Schlaf herbei

Eine Mutter flüstert den Namen, der auf dem kleinen Grabstein steht

Ein alter Mann wehrt sich gegen das Fallen der Lider

Ein Schwarm Fische hält Totenwache auf dem Grund des Meeres

Ein Trupp Handlanger legt Feuer im Garten Eden

Ein Prophet schaut den Wolf beim Lamm –

in den Kasernen haust allein der Wind

Ein Volk harrt, ein Volk hungert

Ein Kaiser klammert sich an die Macht

Ein Beamter schreibt die Namen der Dörfer auf die Steuerlisten

bet lehem

Eine Wirtin schüttelt die Betten auf

Ein Kundiger liest den Nachthimmel

Eine junge Frau verspricht sich einem Mann

Eine Alte fährt mit ungläubiger Hand über ihren Bauch

Ein Hirte verflucht die Welt

Ein Stern macht sich auf den Weg

Jacqueline Keune, Theologin und Autorin


28. November 2020 | 15:21
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