Die Stiftskirche von Neuenburg feiert das 750-Jahr-Jubiläum ihrer Weihe
Seit acht Jahrhunderten thront die Stiftskirche über der Stadt und dem Neuenburgersee – ein Juwel der mittelalterlichen Sakralarchitektur. Anlässlich des 750-Jahr-Jubiläums ihrer Weihe blickt Grégoire Oguey, der Leiter des Stadtarchivs von Neuenburg, auf die Geschichte der «Collégiale» zurück.
Matthias Wirz für cath.ch
Grégoire Oguey hat fast sein ganzes Leben im Umkreis der «Collégiale», der Stiftskirche von Neuenburg, verbracht. Seit 2023 ist der Mittelalterhistoriker Stadtarchivar von Neuenburg und kennt das Gebäude wie seine Westentasche. Anlässlich des Weihejubiläums führt der Experte durch die Geschichte der im Oktober 1276 geweihten Kirche, die 1530 im Zuge der Reformation in eine protestantische Kirche umgewandelt wurde.
Weiss man, wie die Weihe der Stiftskirche ablief?
Grégoire Oguey: Während die Weihe der Kathedrale von Lausanne sehr gut dokumentiert ist, gibt es für die Neuenburger Stiftskirche nur eine einzige Zeile, aus der hervorgeht, dass sie tatsächlich geweiht wurde und an welchem Datum. Man weiss jedoch, dass der Bischof von Lausanne, Guillaume de Champvent, dieser Zeremonie vorstehen sollte. Mit dem Bau der Kirche wurde Ende des 12. Jahrhunderts begonnen. Als Gotteshaus genutzt wurde sie bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts, noch vor ihrer Weihe.
Die Stiftskirche ist die Hochburg der örtlichen Herrscher, der Grafen von Neuenburg, deren Schloss direkt daneben auf demselben Hügel liegt…
Oguey: Tatsächlich bezeichnete der Historiker Jean-Daniel Morerod diesen Ort als die «Akropolis der Neuenburger». Hier wird seit fast 1000 Jahren die weltliche und kirchliche Macht ausgeübt.
Und wer sind diese Grafen von Neuenburg?
Oguey: Sie stammen aus der Familie de Fenis. Ende des 11. Jahrhunderts bewegten sich drei Brüder im Umfeld des Kaisers (Heinrich IV. (1084–1105), Anm. d. Red.): Mangold von Fenis, ein weltlicher Ritter, in Basel sowie seine zwei Brüder, der eine Bischof von Basel, der andere Bischof von Lausanne. Letzterer gründete die Abtei Saint-Jean in Cerlier, ganz in der Nähe von Le Landeron. Um 1140 gründete dann ein weiterer Mangold, von Neuenburg oder von Fenis, zusammen mit seinem Bruder Rudolf die Abtei Fontaine-André auf den Anhöhen von Neuenburg. Dies war die zweite Gründung einer kirchlichen Einrichtung durch diese Familie. Die dritte war die Neuenburger Stiftskirche in den Jahren 1180 bis 1190.
In welcher Beziehung steht die Stiftskirche zum Schloss?
Oguey: In einer Beziehung der Unterwerfung unter die Macht des Schlosses. Die Stiftskirche ist eine Gründung des Grafen Ulrich II. von Neuenburg (1120–1191, Anm. d. Red.) und seiner Gattin, der Gräfin Berthe. Aus dem Wortlaut des Eides, den die Chorherren bei ihrem Amtsantritt leisten mussten, geht hervor, dass sie weder Gott noch dem Bischof von Lausanne die Treue schworen, sondern dem Grafen von Neuenburg.
Der Bau der Stiftskirche begann also Ende des 12. Jahrhunderts, doch einige neuere Bauteile stammen aus dem 19. Jahrhundert.
Oguey: Tatsächlich ist die Silhouette der Stiftskirche, wie wir sie heute mit ihren beiden Türmen kennen, ein Bild aus dem späten 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit fand eine vom Architekten Léo Chatelain geleitete Restaurierung statt. Kapellen, die als spätere Einbauten galten, wurden abgerissen, und der Bau eines Nordturms verlieh der Stiftskirche eine symmetrische Silhouette. Ausserdem wurden dekorative Elemente geschaffen, darunter die berühmte blaue Decke mit goldenen Sternen, die gewissermassen zum Markenzeichen der Stiftskirche geworden ist.
Auch verschiedene architektonische Stile finden sich hier nebeneinander.
Oguey: Das stimmt. Zu Beginn des Baus um 1190 wurde ein eher rheinisch-romanischer Stil gewählt, mit Einflüssen aus dem Basler Münster, mit Rundbögen, insbesondere im Chor der Kirche. An der Kreuzung von Querschiff und Hauptschiff geht der Stil jedoch in die Gotik über. Die Grafen von Neuenburg hatten zu Beginn grosse Ambitionen für ihre Kirche: Die Ausstattung des romanischen Teils, vor allem im Kirchenschiff, ist äusserst reichhaltig, weitaus reichhaltiger als die des gotischen Teils. Daraus lässt sich schliessen, dass die Grafenfamilie im 13. Jahrhundert wirtschaftlich gesehen eine schwierigere Phase durchlebte.
Einer der bekanntesten Chorherren der Stiftskirche ist Guillaume. Wer ist er?
Oguey: Er ist der Kanzler der Grafen von Neuenburg. Er ist Chorherr der Stiftskirche, aber auch der Kathedrale von Lausanne. Seine Spuren lassen sich bereits seit dem Ende des 12. Jahrhunderts nachweisen. Nach seinem Tod (im Jahr 1232, Anm. d. Red.) wird er als Heiliger verehrt, und um seine Person entwickelt sich ein Kult. So wird erzählt, er habe in Seenot geratene Schiffsbesatzungen gerettet oder totgeborene Kinder kurzzeitig wieder zum Leben erweckt, um ihren Eltern die Möglichkeit zu geben, sie zu taufen, damit sie ins Paradies gelangen könnten. Erst vor kurzem wurden diese Geschichten in den Archiven wiederentdeckt.
Guillaume Farel, der aus der Stiftskirche eine protestantische Kirche machte, ist eine weitere prägende Persönlichkeit.
Oguey: In der Tat. Guillaume Farel war ein Franzose aus Gap in der historischen Region Dauphiné. Er wurde bereits Ende der 1520er Jahre nach Neuenburg entsandt, um dort die Reformation einzuführen. Im Jahr 1530 gelang es ihm, die Bürger dazu zu bewegen, per Abstimmung den neuen reformierten Gottesdienst anstelle des katholischen anzunehmen. Daraufhin kam es zur Auflösung des Domkapitels, das die Stiftskirche betreute. Die Ländereien, die sie in der Grafschaft Neuenburg besassen, wurden daraufhin von der Grafschaft übernommen, die einen Teil der Güter behielt und einen anderen Teil an die Stadt Neuenburg und ihr Krankenhaus verteilte.
Während der Reformation wurde auch eine ganze Reihe von Kunstwerken zerstört…
Oguey: Ja, denn im Mittelalter sah die Stiftskirche ganz anders aus als heute. Während der Reformation wurden die Altäre entfernt, Heiligenstatuen zerstört, ebenso wie mittelalterliche Gemälde, die die Jungfrau Maria darstellten. Die Stiftskirche war ursprünglich der Jungfrau Maria geweiht, das dürfen wir nicht vergessen. Heute ist nur noch das Grabmal der Grafen mit seinen etwa fünfzehn lebensgrossen, vielfarbigen Statuen erhalten. Doch während die Stadt, das Bürgertum und die Grafschaft 1530 zur Reformation übertraten, blieben die Fürsten von Orléans (Dynastie d’Orléans-Longueville, die Neuenburg von 1504 bis 1707 regierte, Anm.d.Red.), die katholisch. Und diese Konstellation ist in Europa eine Ausnahme. (Übersetzt aus dem Französischen und adaptiert von bal)
Informationen zu den Jubiläumsfeierlichkeiten finden sich auf der Website der Paroisse réformée Neuchâtel.
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