"Rote Kirche" in Neuenburg: Basilika Notre-Dame de l'Assomption.
Schweiz

Wie geht Kirche mit wenig Geld? Neuenburg macht es vor

Neuenburgs Kirche ist knapp bei Kasse – immer. Die Kirchensteuer für Mitglieder und Unternehmen ist freiwillig und die Zahl der Mitglieder geht zurück. «Wir kämpfen jeden Tag, um die Ressourcen zu finden, damit wir nichts aufgeben müssen», sagt Emmanuel Raffner.

Barbara Ludwig

Die römisch-katholische Kirche heisst im Kanton Neuenburg «Fédération catholique romaine neuchâteloise» (FCRN) und ist im Unterschied zu vielen anderen Kantonalkirchen – vor allem in der Deutschschweiz – als Verein organisiert. Zuständig ist sie für die Finanzen der Kirche. In diesem Kanton sind Kirche und Staat vollständig getrennt. Und es gibt keine obligatorische Kirchensteuer – weder für Mitglieder noch für Unternehmen.

Weniger als ein Drittel zahlt Kirchensteuer

Zurzeit leben rund 50’000 Katholikinnen und Katholiken im traditionell reformierten Kanton Neuenburg. Die Mehrheit von ihnen beteiligt sich nicht an der freiwilligen Kirchensteuer. Dabei entscheiden die Gläubigen nicht nur, ob sie überhaupt Kirchensteuer zahlen, sondern auch, wie viel.

Bundesasylzentrum in Boudry NE. Für die Finanzierung der katholischen Seelsorge in diesem Zentrum ist die Neuenburger Kirche zuständig.
Bundesasylzentrum in Boudry NE. Für die Finanzierung der katholischen Seelsorge in diesem Zentrum ist die Neuenburger Kirche zuständig.

«Weniger als ein Drittel der registrierten römisch-katholischen Gläubigen zahlt ganz oder teilweise die Kirchensteuer», sagt Emmanuel Raffner auf Anfrage von kath.ch. Raffner ist Präsident des FCRN-Vorstands. 2022 zahlten die Katholiken 1,37 Millionen Franken in Form von Kirchensteuern. 2023 war der Betrag mit 1,33 Millionen ähnlich tief. Laut Raffner zahlen nur sehr wenige Gläubige einen Betrag ein, der den vom Steueramt vorgeschlagenen Betrag übersteigt.

Zahl der Katholiken schrumpft

Warum sind so wenige Katholikinnen und Katholiken bereit, Kirchensteuer zu zahlen? «Ein Grund ist das hohe Steuerniveau im Kanton und die Tatsache, dass Katholiken eher mit wenig Geld über die Runden kommen müssen», sagt Raffner. Zum andern trage auch die Berichterstattung in den Medien über Skandale dazu bei, dass sich die Menschen von der Kirche entfernten.

Die "rote Kirche" in Neuenburg: Basilika Notre-Dame de l'Assomption.
Die "rote Kirche" in Neuenburg: Basilika Notre-Dame de l'Assomption.

Raffner rechnet für die Zukunft mit einem allmählichen Rückgang der Einnahmen aus dieser Steuer. Nebst der fehlenden Bereitschaft oder Möglichkeit vieler Katholiken, hier einen Beitrag zu leisten, trägt dazu auch der Mitgliederschwund bei. Die Zahl der Katholiken im Kanton ist von 60’265 im Jahr 2020 auf aktuell 50’576 zurückgegangen, was einem Minus von rund 16 Prozent entspricht.

Informationskampagne

Trotzdem versucht die Neuenburger Kirche, gegen den negativen Trend vorzugehen. Im vergangenen Jahr lancierte sie eine Informationskampagne. So informiert sie in Lokalzeitungen, wozu die Kirchensteuer eingesetzt wird. «Wir wollen die Arbeit unserer Kirche für die Ärmsten der Armen und die lebenswichtige Bedeutung der Aufrechterhaltung dieser Präsenz für die Bevölkerung besser bekannt und verständlich machen», erklärt Raffner.

Im kommenden Jahr wolle man zudem eine «Nacht der Kirchen» durchführen. Zur Wirkung der Informationskampagne, die sich über drei Jahre erstreckt, kann Raffner noch nichts sagen. «Die Resultate sind noch nicht messbar, ausser dass die Kirchensteuereinnahmen in den letzten Monaten in etwa stabil geblieben sind.» Allerdings sei die aktuelle Wirtschaftslage nicht gut, was automatisch zu einem Rückgang der Einnahmen führen werde – «egal, wie sehr wir uns bemühen».

Um Verständnis werben bei den Unternehmen

Emmanuel Raffner, Präsident des Vorstands der Fédération catholique romaine neuchâteloise" (FCRN).
Emmanuel Raffner, Präsident des Vorstands der Fédération catholique romaine neuchâteloise" (FCRN).

Gemeinsam mit der reformierten und der christkatholischen Kirche richten sich Neuenburgs Katholiken zudem mit einer Informationskampagne an Treuhänder und Unternehmen. 2022 nahm die katholische Kirche 464’592 Franken an Kirchensteuern von juristischen Personen ein. 2023 waren es 763’820 Franken. Zwischen 2018 und 2021 waren die Einnahmen der Kirchensteuer von Unternehmen rückläufig. Die gute wirtschaftliche Entwicklung nach der Corona-Pandemie habe dies später korrigiert.

«Für die Zukunft wird alles von der konjunkturellen Entwicklung der Wirtschaft abhängen, insbesondere in der Industrie», so Raffner.  Wichtig ist aber auch das Engagement der Kirche. Unternehme man nichts, würden die Einnahmen weiter sinken. «Eine positive Entwicklung ist möglich, wenn es uns gelingt, zu informieren und das Verständnis für die wichtige Rolle der Kirche beim sozialen Zusammenhalt und bei der Hilfe für Bedürftige zu wecken.»

Regelmässig Defizite

Neuenburgs Kirche bekommt jedes Jahr auf der Grundlage eines Konkordates einen Staatsbeitrag vom Kanton. Im letzten und vorletzten Jahr betrug dieser jeweils 691’795 Franken. Mit den staatlichen Zuschüssen wird ein Teil der Gehälter der Laiinnen und Laien bezahlt, die als Seelsorgende in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Gefängnissen und für Familien tätig sind. Die Zuschüsse machen etwa ein Drittel der Lohnsumme aus.

Trotz des Staatsbeitrages sind Defizite eher die Regel als die Ausnahme. Seit 2018 gab es nur zwei Jahre, in denen die Kirche schwarze Zahlen schrieb. Nämlich 2018 und 2023. Die Neuenburger Kirche ist eine arme Kirche. Das war laut Raffner immer schon so. So verfügt die FCRN über ein Jahresbudget von 3,7 Millionen Franken. «Davon wenden wir drei Millionen für die Löhne auf», sagt Raffner. Nie habe das Budget mehr als vier oder fünf Millionen betragen.

In Neuenburg ist es die Kantonalkirche, die für die Löhne des Seelsorgepersonals aufkommt. «Wir beschäftigen Personal im Umfang von 30 Stellen à 100 Prozent. Konkret sind für uns elf Priester und 17 Laienseelsorgende tätig. Zwei Personen arbeiten in der Administration.»

Personalabbau nötig

Der Geldmangel hat Konsequenzen. Zum Beispiel auf das Lohnniveau, die Kirche könne keine hohen Löhne bezahlen, sagt Raffner. Und leider habe man im Bereich der Seelsorge Personal abbauen müssen. Im Gesundheitswesen, der Jugend- und der Familienpastoral, bei den Seelsorgenden, die auf der Strasse und in Gefängnissen tätig sein.  »Dies führt also zu einem Rückgang unserer Präsenz bei denjenigen, die sie benötigen», sagt Raffner.

Auf der Palliativstation.
Auf der Palliativstation.

Bisher sei es aber gelungen, alle pastoralen Aktivitäten aufrechtzuerhalten – einfach mit weniger Personal. Es kam auch schon zur Fusion von Pfarreien. Das war zum Beispiel der Fall im Val de Travers.

Die Kirche will jedoch vermeiden, Abstriche zu machen. Jugend und Sterbebegleitung seien sehr wichtige Bereiche, aber auch Obdachlose, Migranten, Bedürftige und Familien seien Bereiche, die man nicht aufgeben dürfe, sagt Raffner. «Wir kämpfen jeden Tag darum, die Ressourcen zu finden, damit wir nichts aufgeben müssen.»

Kreativ sein

Als arme Kirche müsse man kreativ sein, meint Raffner. So suche man noch mehr Freiwillige, die Aufgaben in der Pastoral übernehmen können. Für die Neuenburger Kirche ist der Einsatz von Ehrenamtlichen nichts Neues. «Wir waren schon immer gezwungen, mit Freiwilligen zusammenzuarbeiten.»

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Freiwillige sind demnach in unterschiedlichen Bereichen tätig: In der Katechese für Kinder, der Begleitung von jungen Menschen, bei der Organisation von Pfarreianlässen. Für die Verwaltung der Pfarreien sind ausschliesslich Ehrenamtliche zuständig. Auch der Vorstand der FCRN arbeitet ehrenamtlich. Emmanuel Raffner findet: «Wir alle sind mitverantwortlich für die Mission der Kirche. Unsere Taufe lässt uns de facto an der Mission der Kirche teilhaben.»


«Rote Kirche» in Neuenburg: Basilika Notre-Dame de l'Assomption. | © Ikiwaner/Wikimedia/CC BY-SA 3.0
3. Oktober 2024 | 17:00
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