Papst Leo XIV. spricht beim Gottesdienst zum Jubiläum des Heiligen Stuhls am 9. Juni 2025 im Petersdom im Vatikan.
Vatikan

Der Vatikan balanciert seit langem zwischen Palästina und Israel

157 Staaten erkennen inzwischen Palästina als Staat an, Tendenz steigend. Im Fall Israels sind es 162, hier ist die Zahl seit Jahren rückläufig. Der Heilige Stuhl hat schon lange Beziehungen zu beiden.

Ludwig Ring-Eifel

(CIC) In der internationalen Debatte um die symbolträchtige Anerkennung eines palästinensischen Staates nimmt der Heilige Stuhl eine Sonderstellung ein. Kein anderes Völkerrechtssubjekt hat Palästina so früh anerkannt wie der Heilige Stuhl – auch als Palästina noch nicht einmal ansatzweise ein Staat war, sondern lediglich als geografischer Begriff existierte.

11. Februar 1948

Flaggen im Bildlexikon "Nouveau Petit Larousse Illustré" von 1940: Oben die Flagge von Palästina, unten rechts die vom Vatikan.
Flaggen im Bildlexikon "Nouveau Petit Larousse Illustré" von 1940: Oben die Flagge von Palästina, unten rechts die vom Vatikan.

Im offiziellen vatikanischen Verzeichnis der Päpstlichen Auslandsvertretungen findet sich schon seit vielen Jahrzehnten ein Eintrag mit dem Titel «Jerusalem und Palästina», dahinter steht in Klammern ein Datum: 11. Februar 1948. Dieses Datum erinnert daran, dass Papst Pius XII. bereits im Februar 1948 das Gebiet Palästina für wichtig hielt und einen Kirchen-Diplomaten im Rang eines «Apostolischen Delegaten» nach Jerusalem entsandte.

Erst drei Monate später rief David Ben Gurion die Existenz eines Staates Israel aus. Dieser Staat Israel wiederum, den als erste die USA und die Sowjetunion anerkannten, war aus vatikanischer Sicht noch etliche Jahre inexistent.

Apostolischer Delegat «Jerusalem und Palästina»

Die teils kirchliche, teils völkerrechtliche Institution eines Apostolischen Delegaten in «Jerusalem und Palästina» überdauerte hingegen die wechselvolle Geschichte in der Region.

Papst Pius XII. schaut am 15. März 1949 aus einem Fenster im Vatikan.
Papst Pius XII. schaut am 15. März 1949 aus einem Fenster im Vatikan.

In Aufständen und Kriegen, Eroberungen und Vertreibungen versuchte der Delegat des Papstes, eine leise, vermittelnde Rolle einzunehmen. Dabei wurde er auch zu einer Art informeller Anlaufstelle für die Christen unterschiedlicher Konfessionen vor Ort. Bis heute sprechen die meisten Christen im Heiligen Land arabisch, die Mehrheit definiert sich als Palästinenser.

Beziehungen zu Israel sehr viel später

Mit dem durch erfolgreiche Verteidigungskriege stetig wachsenden Staat Israel nahm der Vatikan sehr viel später diplomatische Beziehungen auf. Erst mussten durch die Konzils-Erklärung «Nostra aetate» von 1965 sowie durch mehrere historische Gesten von Papst Johannes Paul II. die über Jahrhunderte vergifteten Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum bereinigt werden.

Johannes Paul II. sprach von der "gemeinsamen Wurzel" des Christentums und des Judentums. Das Bild zeigt das Kirchenoberhaupt 1984 in Genf.
Johannes Paul II. sprach von der "gemeinsamen Wurzel" des Christentums und des Judentums. Das Bild zeigt das Kirchenoberhaupt 1984 in Genf.

Dabei gingen der religiöse Dialog zwischen Judentum und Kirche und der diplomatische Dialog zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel Hand in Hand. So erwähnte der Vatikan 1984 den Staat Israel erstmals in einem offiziellen Dokument, zwei Jahre später besuchte Johannes Paul II. als erster Papst die Synagoge in Rom und nannte die Juden die «älteren Brüder im Glauben».

1993 wurde dann nach langen, komplizierten Verhandlungen ein Grundlagenvertrag zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl unterzeichnet, im Jahr darauf folgte die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, sechs Jahre später die historische Papstreise ins Heilige Land.

Vertreter des Papstes in Doppelfunktion

Der Apostolische Delegat in Jerusalem übernahm seit 1994 praktischerweise in Personalunion auch die Aufgabe des Papst-Botschafters (Apostolischer Nuntius) in Israel – mit einem zusätzlichen Dienstsitz in Tel Aviv. Diese Doppelfunktion eines Papstvertreters in Israel und in Palästina ist ein weltweit einmaliges Konstrukt auf der diplomatischen Bühne.

Betender Jude am Strand von Tel Aviv
Betender Jude am Strand von Tel Aviv

Auf der Gegenseite in Rom wurde eine israelische Botschaft «beim Heiligen Stuhl» eingerichtet. Die Botschafter Israels haben seither stets eine sehr aktive politische Rolle in Rom eingenommen und sich bei Bedarf auch lautstark und kritisch zu päpstlichen Stellungnahmen geäussert.

Stiller um palästinensischen Botschafter

Etwas stiller ist es um den palästinensischen Botschafter beim Heiligen Stuhl. Bis 2015 wurde er als «Repräsentant der PLO» im Vatikan-Verzeichnis aufgeführt, seither firmiert er als «Repräsentant des Staates Palästina».

Das Jahr 2015 gilt als das Jahr der Anerkennung eines modernen Palästinenserstaats durch den Heiligen Stuhl – im Sinne der «Zweistaatenlösung», wie sie seit den 1990er Jahren von vielen UN-Mitgliedern angestrebt und in den Friedensverhandlungen von Oslo unterschriftsreif verhandelt wurde.

Schwierige Balance auch im Gaza-Krieg

In der aktuellen Debatte um die mögliche Anerkennung eines palästinensischen Staates durch westliche Staaten hat auch Papst Leo XIV. daran erinnert, dass der Heilige Stuhl Palästina schon seit langem anerkannt hat.

Pierbattista Pizzaballa, Patriarch von Jerusalem und bald Kardinal.
Pierbattista Pizzaballa, Patriarch von Jerusalem und bald Kardinal.

Allerdings steht diese Anerkennung mit ihrer langen Historie nicht im Verdacht, dass sie von der Terror-Organisation Hamas als «Belohnung» für ihren Angriff auf Israel verkauft werden könnte.

Zwar waren jüdische und israelische Vertreter in Rom nicht erfreut, als der Vatikan 2015 auch die staatliche Anerkennung Palästinas vollzog. Doch war dieser Schritt damals weniger umstritten als die jetzt erfolgten Anerkennungs-Erklärungen durch Frankreich, Grossbritannien, Belgien, Kanada und weitere Staaten.

Pizzaballa wichtigste Stimme

Jenseits der offizellen diplomatischen Kanäle sorgt derzeit für Aufmerksamkeit das Agieren eines Kirchenvertreters, der ganz ohne Botschafterstatus zu einem der gefragtesten Vermittler im Heiligen Land geworden ist.

Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, war die wichtigste Stimme, als es darum ging, nach dem (möglicherweise unabsichtlichen) Beschuss der einzigen katholischen Kirche in Gaza im Juli die dort ausharrenden Christen und ihre Gäste zu bestärken und Hilfslieferungen zu organisieren.

Katholische Kirche von Gaza nach dem Angriff
Katholische Kirche von Gaza nach dem Angriff

Und in der aktuellen, angespannten Debatte um die NGO-Flotilla, die erklärt hat, sie wolle mit ihren mit Hilfsgüter-Schiffen Israels Seeblockade vor dem Gaza-Streifen durchbrechen, war wiederum Pizzaballa gefragt. Er war der einzige, der einen realistischen Vorschlag zur Deeskalation machte, indem er für einen Umweg der Hilfsgüter über Zypern plädierte – vorerst vergeblich, wie es aussieht.

Ähnlich wie der Apostolische Delegat in Jerusalem sucht auch Pizzaballa einen Mittelweg zwischen Israel und Palästina.

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Ursprünglich war er als Seelsorger für die kleine Minderheit der hebräisch sprechenden Christen zuständig und durchaus israel-freundlich gesinnt. Dann hat er in seiner Rolle als Patriarch (seit 2020) seinen kritischen Ton in Richtung Israel verschärft – vor allem, seitdem Netanjahus Armee in Gaza Krieg führt. Eine einseitige Verurteilung Israels vermeidet er jedoch ebenso wie das Wort Genozid.


Papst Leo XIV. spricht beim Gottesdienst zum Jubiläum des Heiligen Stuhls am 9. Juni 2025 im Petersdom im Vatikan. | © KNA
5. Oktober 2025 | 15:00
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