Daniel Bogner zu Karfreitag: «Der Glaube beantwortet das Leid nicht theoretisch»
Krieg, Krisen, persönliche Verluste: Leid ist allgegenwärtig – doch religiöse Deutungen greifen oft zu kurz. Der Moraltheologe Daniel Bogner plädiert für eine neue Sprachsensibilität und eine Rückbesinnung auf den Kern der Karwoche.
Jacqueline Straub
Heute begeht die Kirche Karfreitag. Was bedeutet dieser Tag für Sie?
Daniel Bogner*: Karfreitag ist für mich der Tag, an dem sich der christliche Glaube seiner radikalsten Zumutung stellt: Gott zeigt sich nicht in Macht, sondern in Ohnmacht. Das widerspricht vielen religiösen Erwartungen. Das Kreuz steht dafür, dass kein menschliches Leid ausserhalb der Gottesbeziehung steht. Es ist ein stiller, sperriger Tag, vielleicht auch ein notwendiger, weil er jede vorschnelle Vertröstung unterbricht. Es gibt keinen Ostermorgen ohne Karfreitag.
«Wo kirchliche Sprache zu schnell deutet, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit.»
Jesus stirbt qualvoll am Kreuz. Wenn die Kirche heute über Leid spricht, wird das überhaupt noch verstanden?
Bogner: Nur dann, wenn sie nicht abstrakt spricht. Leid ist für die meisten Menschen keine Theorie, sondern Erfahrung. Wo kirchliche Sprache zu schnell deutet oder erklärt, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit. Verstanden wird sie dort, wo sie das Leid zunächst ernst nimmt – ohne es vorschnell zu rechtfertigen.
Begriffe wie «Opfer», «Sühne» und «Erlösung» sind vielen Menschen heute fremd. Braucht es neue Deutungsmodelle?
Boger: Diese Begriffe stammen aus denkgeschichtlichen und kulturellen Zusammenhängen, die heute nicht mehr selbstverständlich sind. Deshalb werden sie oft missverstanden – etwa so, als gehe es um einen Gott, der Genugtuung verlangt. In dieser Form sind sie tatsächlich schwer vermittelbar. Ich würde aber nicht sagen, dass man sie einfach ersetzen oder streichen sollte.
Sondern?
Bogner: Vielmehr könnten durch eine sorgfältige Neuerschliessung wichtige Ressourcen der christlichen Tradition zugänglich gemacht werden. «Sühne» wird heute oft so verstanden, als müsse ein zorniger Gott besänftigt werden. In den biblischen und theologischen Grundlinien lässt sich der Akzent jedoch anders setzen: Nicht der Mensch stellt die gestörte Beziehung zu Gott wieder her, sondern Gott selbst geht den ersten Schritt und eröffnet Versöhnung. Sühne meint dann nicht eine Forderung Gottes, sondern sein eigenes Handeln zugunsten des Menschen – die Überwindung dessen, was Beziehung zerstört.
Auch der Begriff «Opfer» wird leicht missverstanden.
Bogner: Ja, als gehe es um Gewalt oder um ein Darbringen, das Gott verlangt. Im biblischen Kontext bezeichnet Opfer zunächst eine Form der Hingabe: das eigene Leben, die eigene Existenz in Beziehung zu Gott zu stellen. Im Blick auf Jesus heisst das: Er «opfert» sich nicht im Sinn einer von Gott geforderten Leistung, sondern indem er sein Leben konsequent als Hingabe lebt – bis hinein in den Tod. Das Kreuz ist dann nicht die Erfüllung einer göttlichen Forderung, sondern die Folge dieser radikalen, menschenzugewandten Lebensweise.
«Im Zentrum steht kein strafender Gott.»
Was bedeutet dann «Erlösung» in diesem Zusammenhang?
Bogner: «Erlösung» bezeichnet dann keine abstrakte Transaktion, sondern die Zusage, dass der Mensch auch in seiner Schuld und Verletzlichkeit von Gott angenommen bleibt – und dass diese Annahme stärker ist als alles, was den Menschen von Gott zu trennen scheint. In diesem Sinn geht es weniger um neue Begriffe als um ein vertieftes Verständnis, das deutlich macht: Im Zentrum steht kein strafender Gott, sondern ein Gott, der sich selbst in die menschliche Situation hineinbegibt und sie von innen her verwandelt.
Welche Bedeutung hat das Kreuz heute theologisch noch – ist es eher ein Zeichen der Erlösung oder ein Symbol radikaler Solidarität Gottes mit den Leidenden?
Bogner: Ich würde diese Alternative nicht zuspitzen. Das Kreuz ist beides – und vielleicht nur so verständlich. Es ist ein Zeichen der Erlösung gerade darin, dass Gott sich vorbehaltlos in die menschliche Leidensgeschichte hineinbegibt. Diese Solidarität ist kein Nebenmotiv, sondern der Kern dessen, was christlich mit Erlösung gemeint ist.
Wie können wir heute vom Leid sprechen?
Bogner: Behutsam und konkret. Es braucht eine Sprache, die weder verharmlost noch religiös überhöht. Vielleicht auch eine Sprache, die das Nicht-Verstehen ausdrücklich zulässt. Denn Leid entzieht sich oft jeder Deutung. In diesem Sinn ist Schweigen nicht einfach Sprachlosigkeit, sondern kann eine Form von Wahrhaftigkeit sein.
In unzähligen Ländern dieser Welt herrschen Krieg und Konflikt. Menschen leiden unermesslich. Wie müsste eine Sprache über Leid klingen, die Menschen in existenziellen Krisen wirklich erreicht?
Bogner: Sie müsste zunächst solidarisch sein, nicht erklärend. Menschen in existenziellen Krisen brauchen keine religiösen Deutungsangebote im engeren Sinn, sondern die Erfahrung, nicht allein zu sein. Eine glaubwürdige Sprache entsteht dort, wo Worte und Handeln zusammenfallen – etwa im konkreten Einsatz für Frieden, Recht und Gerechtigkeit. Gerade im europäischen Kontext, auch in der Schweiz mit ihrer langen Tradition humanitärer Verantwortung, zeigt sich, dass solche Sprache immer auch praktische Konsequenzen haben muss.
«Wo Menschen leiden, ist Gott nicht fern.»
Kann die Karwoche heute noch eine Deutung für globale Krisen liefern – oder wirkt dieser Bezug oft konstruiert?
Bogner: Das hängt stark davon ab, wie dieser Bezug hergestellt wird. Wenn die Karwoche als fertiges Erklärungsmuster verwendet wird, wirkt das nicht nur konstruiert, sondern auch religiös übergriffig. Wenn sie aber als offener Deutungsraum verstanden wird, der Leid und Scheitern, Hoffnung und Leben nebeneinander stehen lässt, kann sie als ein christlicher «Passagemodus» vom Tod zum Leben auch heute Orientierung geben, allerdings nicht im Sinne einer konkreten Antwort, sondern als eine Perspektive der Hoffnung.
Was wäre für Sie ein Satz über Leid, den die Kirche heute sagen sollte?
Bogner: Wo Menschen leiden, ist Gott nicht fern – sondern in einer Weise gegenwärtig, die sich eher im Mitgehen als im Erklären zeigt.
Wenn die Auferstehung die letzte Antwort ist: Warum lässt Gott dann das Leid überhaupt zu?
Bogner: Darauf gibt es keine abschliessende, rational zwingende Antwort. Die theologische Tradition hat verschiedene Deutungen entwickelt, aber keine löst das Problem vollständig auf. Entscheidend ist für mich: Der Glaube beantwortet die Frage nach dem Leid nicht theoretisch, sondern er begegnet ihr existenziell. Er hält daran fest, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort behalten – ohne das Leid selbst zu relativieren. Diese Hoffnung steht nicht neben dem Leiden, sondern bewährt sich, wenn überhaupt, in ihm.
*Daniel Bogner ist Professor am Lehrstuhl für Moraltheologie und Ethik der Universität Freiburg i.Ue.
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