Daniel Bogner: «Viel Mut nötig, um eine breite Vielfalt sichtbar zu machen»
Der Juni steht auch in der Schweiz im Zeichen der Regenbogenflagge. Eine solche weht beispielsweise am offiziellen Fahnenmast der Landeskirche Thurgau. Mehr davon, findet der Freiburger Theologe Daniel Bogner und sagt: «Weil es um Schöpfung geht, sollte die Kirche sich als Schutzraum für queere Menschen verstehen».
Sarah Stutte
Am 15. Juni findet in Zürich die Pride statt. Warum sollte die Kirche hier vor Ort sein?
Daniel Bogner*: Weil es bei der Pride um ein Anliegen geht, das die Kirche teilt. Im Kern geht es darum, dass Menschen sich gesehen und wertgeschätzt fühlen dürfen, so wie sie geschaffen sind. Bei queeren Personen hat die Kirche sich lange Zeit sehr schwer damit getan, das anzuerkennen – und sie tut es heute noch. Damit kommt sie ihrem wichtigsten Auftrag nicht nach, nämlich die Liebe Gottes zu all seinen Geschöpfen auszudrücken.
Es sind in der Regel die Betroffenen selbst, die aufgrund ihrer schmerzhaften Erfahrungen von Ausgrenzung in der Gesellschaft und der Kirche hartnäckig darum kämpfen müssen, überhaupt wahrgenommen zu werden. Leider ist die Kirche häufig nur die Getriebene und selten die Treiberin von Prozessen, die ihre eigene Wahrnehmung erweitern – obwohl ihre Botschaft eigentlich genau das nahelegt. Das empfinde ich als beschämend.
Das Thema Nonbinarität ist durch Nemos Sieg am ESC weiter in den Vordergrund gerückt. Was für ein Gewicht hat das?
Bogner: Ein solches Medienereignis schärft die Aufmerksamkeit in der Gesellschaft für die Thematik. Es braucht oft einen solchen Fokus, damit bestimmte Themen aus der Nische und auf den Radar einer breiteren Wahrnehmung gelangen.
Warum sollte sich auch die Kirche mit Nonbinarität auseinandersetzen?
Bogner: Für den christlichen Glauben und damit auch für die Kirche ist es zentral, sich damit auseinanderzusetzen. Der Anstoss dazu kommt nicht zuletzt aus der Lebens- und der Sexualwissenschaft, die einen schematischen Umgang mit der Zweigeschlechtlichkeit in Frage stellen.
«Es kann nicht sein, dass Menschen einfach ausgeschlossen werden.»
Der Mensch ist in all seinen Dimensionen ein Geschöpf Gottes und es kann deshalb nicht sein, dass Menschen aufgrund bestimmter Persönlichkeitsmerkmale einfach ausgeschlossen werden. Das hat beim Thema sexuelle Identität und Lebensform häufig stattgefunden, gerade wenn Menschen in dieser Dimension auf der Suche sind und sich angesichts der etablierten kulturellen Muster als nicht passend empfinden müssen.
Die Kirche hat offenbar ihre Probleme mit einer solchen Einstellung. Hat das auch damit zu tun, dass in der queeren Szene viel offener mit Sexualität umgegangen wird?
Bogner: Die Kirche hat ein zweischneidiges Verhältnis zu Sexualität. Biblisch und auch in der kirchlichen Lehre wird sie als ganz zentrales Merkmal des Menschseins beschrieben. Sobald sie aber gelebter Sexualität begegnet, führt das in der Kirche oftmals zu Erstarrung und Sprachlosigkeit.
Die Herausforderung lautet, Sexualität als eine Ausdrucksform, eine Kommunikationsform menschlichen Miteinanders zu verstehen. Und zwar als eine besonders dichte und aussagestarke Weise des Ausdrucks, in der Verletzlichkeit und Berührbarkeit zusammenkommen.
Fragt man in konservativen Kreisen nach der christlichen Haltung gegenüber LGBTQ+-Personen, hört man oft die Floskel «den Sünder lieben, aber nicht die Sünde». Kann man eine Liebe an Bedingungen knüpfen?
Bogner: Das ist eine sehr problematische Einordnung, weil sie den Menschen aufspaltet in den Menschen an sich und die Dimensionen, in denen sich sein Menschsein konkret äussert. Sobald diese wesentliche existenzielle Dimension der Sexualität des Menschseins gelebt wird, handelt es sich um eine schwere Sünde.
«Für queere Personen kann sich das nur zynisch anhören.»
Das ist nicht nur ein Wertungswiderspruch, sondern auch ein dramatischer theologischer Fehler. Für queere Personen kann sich das nur zynisch anhören. Solange solche Wertungen – auch im Katechismus – bestehen, wird sich die Kirche schwer tun, LGBTQ+-Personengruppen glaubwürdig zu erreichen. Das sollte sie aber wollen.
Der ESC war früher auch verklemmt und bieder und wurde dann quasi von der queeren Community vereinnahmt. Könnte so etwas auch der katholischen Kirche passieren?
Bogner: Eine Art katholischer ESC? (lacht) Gesamtgesellschaftlich ist es oft so, dass es bei besonders groben Verhärtungen und Erstarrungen bestimmte Ereignisse benötigt, die zu einer Art Katalysator für Lockerungsprozesse werden können.
Ob die katholische Kirche so etwas auch nötig hätte? Ich würde sagen ja – Veränderungen in lange gewachsenen Gebilden finden oft durch die symbolische und exemplarische Vorwegnahme einer möglichen, neuen Wirklichkeit statt.
Doch so weit ist die katholische Kirche noch nicht…
Bogner: Nein. Sie steht in punkto queerer Realität noch ganz am Anfang, so stark ist ihre innere Verkrampfung. Das zeigen etwa die Reaktionen aus anderen Teilen der Weltkirche auf die päpstliche Erklärung «Fiducia supplicans» und deren vorsichtige Öffnung im Blick auf einen möglichen Segen für homosexuelle Paarbeziehungen.
Statt ein wenig bunter und offener zu werden, hält die Kirche lieber an ihrer rückständigen Sexualmoral fest. Diese rückt nicht die Menschen ins Zentrum, sondern die Kontrolle über sie. Weshalb, wenn Kontrolle eine Illusion ist?
Bogner: Die Kirche müsste, könnte und dürfte anerkennen und dann auch wertschätzen, dass queere Menschen für sie selbst eine ungeheure Bereicherung darstellen. Weil sie den Sinn für die Grösse von Gottes Schöpfungswerk sichtbar machen. Es ist traurig, dass hier immer noch so viel Mut und Überwindung nötig ist, um diese breite Vielfalt sichtbar zu machen.
«Die biblisch getragene Botschaft ist stärker als jede Verkrustung.»
Leider fühlen sich viele Menschen heute gerade nicht darin unterstützt, die eigene sexuelle Identität auszudrücken, sondern erleben, dass sie sich verbiegen und zu Unrecht für etwas schämen müssen. Das widerspricht fundamental der Botschaft des Evangeliums. Weil es um Schöpfung geht, sollte sich die Kirche als Schutzraum für queere Menschen verstehen.
Ist ein entspannter Umgang mit Sexualität seitens der Kirche überhaupt realistisch?
Bogner: Ich glaube schon. Weil ihre biblisch getragene Botschaft stärker ist als jede Verkrustung, die sich historisch entwickelt hat. Diese Botschaft von einem liebenden, gerechten und barmherzigen Gott, der Menschen in ihrer Vielfalt aus Liebe geschaffen hat, ist kraftvoller als alles, was die religiösen Institutionen daraus gemacht haben.
Sie hat ein Potenzial ungeheuren Ausmasses. Das lässt es mich aufs Ganze hin positiv sehen. Die Kirche trägt in sich den Keim dieser Lebensbotschaft, sie muss aber immer wieder neu zu ihm vorstossen und ihn freilegen. Das ist ihre Aufgabe.
Wie muss eine Veränderung passieren?
Bogner: In der Regel geschehen Veränderungen, wenn sie nachhaltig wirksam werden sollen, durch zweiseitige Prozesse. Und zwar einmal von oben und einmal von unten. Von unten verändert sich gelebte Wirklichkeit zunächst auf der Graswurzelebene, in Gemeinden, bei Einzelnen und Gruppen, in der seelsorglichen Praxis. Dann ist es notwendig, dass diese gelebte Wirklichkeit von oben aufgenommen wird und sich irgendwann auch in Lehre und kirchlichem Recht «offiziell» wiederfindet.
«Es gibt eine grosse Lebendigkeit in den Kirchgemeinden.»
An der Basis, in Kirchgemeinden und Pfarreien, passiert heute schon viel. Ohne, dass man sich von oben etwas diktieren lassen will. Werden diese unterschiedlichen Auffassungen nicht irgendwann kollidieren?
Bogner: Sie kollidieren heute schon. Es gibt eine grosse Lebendigkeit in den Kirchgemeinden und Pfarreien. Dieser gelebte Glaube bewegt die Menschen, aber die institutionellen Gefässe halten damit oft nicht Schritt. Aktive sind dann enttäuscht und wenden sich ab, weil sie den Eindruck haben, ihre Lebendigkeit wird totgetreten oder es fehlt zumindest der Raum dafür.
Wenn die katholische Kirche darum weiss, warum sträubt sie sich dann trotzdem noch?
Bogner: Jede Institution entwickelt Beharrungskräfte, aus kulturellen Gründen, und aus einer manchmal zu grossen Sorge, durch Entwicklung und Veränderung würde man ein Erbe verraten. Die katholische Kirche ist als Weltkirche vielfältig und hat den Anspruch, dass man gemeinsam vorangeht.
In den Kirchenleitungen finden sich durchaus Amtsinhaber mit dem richtigen Gespür für die nächsten Schritte. Sie müssten Verbündete suchen und Allianzen schmieden, mit allen Teilen dieser Weltkirche. In Bezug auf die Weltsynode im Herbst darf man durchaus gespannt sein. Es ist momentan einiges in Bewegung, auch wenn die Formen einer zukünftigen Glaubensform sich noch nicht abzeichnen.
*Daniel Bogner (51) ist Professor am Lehrstuhl für Moraltheologie und Ethik der Universität Freiburg (Schweiz). Ab Juli ist er regelmässig zu hören in «OMG. Der Podcast über mehr als alles».
Link zum Programm der Pride in Zürich dieses Wochenende
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