Michaela Berger-Bühler, Generalsekretärin der Katholischen Landeskirche Thurgau.
Schweiz

Michaela Berger: «Kirche als Ort gelebter Toleranz und Engagement»

Seit dem 1. Juni hängt in Weinfelden wieder die Regenbogenfahne zum Pride-Monat. Diesmal sogar am offiziellen Fahnenmast der Landeskirche und mit Nonbinär-Logo. Was es damit auf sich hat, erklärt Michaela Berger-Bühler, Generalsekretärin der Landeskirche Thurgau.

Sarah Stutte

Die Landeskirche Thurgau hisst seit Jahren zum Pride Monat eine Regenbogenfahne am Gebäude. Dieses Jahr weht diese sogar am offiziellen Fahnenmast. Wie kam es dazu?

Michaela Berger*: Bisher ging die Aktion immer von unserer Fachstelle Jugend aus. Sie haben jeweils im Juni eine kleine Regenbogenfahne aus ihrem Bürofenster gehängt, in die Nähe des Gebäudeschriftzugs «Katholische Landeskirche Thurgau». Im letzten Jahr wurde diese Pride-Fahne aber zweimal von Unbekannten gestohlen.

Murielle Egloff, Fachstellenleiterin Kinder und Jugend der Landeskirche Thurgau.
Murielle Egloff, Fachstellenleiterin Kinder und Jugend der Landeskirche Thurgau.

Aufgrund dieses Vorfalls beantragte die Fachstelle beim Kirchenrat, die Fahne offiziell an einen unserer fünf Masten zu hängen. Der Kirchenrat hat das diskutiert und bewilligt. Die Flagge wird den ganzen Juni über wehen. Als optisches Zeichen, dass wir uns als Landeskirche für die Gleichstellung aller Menschen einsetzen.

Ist die Fahne durch die Befestigung am Mast nun schwerer zu stehlen?

Berger: Das ist ein Grund. Der Hauptgrund aber war, dass die Fachstelle schon vor einigen Jahren einmal einen Antrag für eine grosse Fahne an den Kirchenrat gestellt hat. Dieser wurde aber damals noch abgelehnt. Mit unserem Beitritt als erste Landeskirche zur «Allianz Gleichwürdig Katholisch» fand das Anliegen nun mehr Gewicht.

«Vor Gott sind für uns alle Menschen gleich.»

Nun hängt nicht mehr nur die bekannte Regenbogenfahne an eurem Mast, sondern die erweiterte «Intersex-Inclusive Pride»-Flagge», die zusätzlich auch die Farben der trans- und intergeschlechtlichen Menschen inkludiert. Warum?

Berger: Für diese Version haben wir uns entschieden, weil für uns vor Gott alle Menschen gleich sind. Wir pflegen in der Kirche eine Willkommenskultur, ohne zu klassifizieren oder zu werten. Jeder Mensch ist, wie er ist und es steht uns nicht an, das zu be- oder verurteilen. Bis jetzt gab es im Übrigen keine negativen Reaktionen aus der Bevölkerung auf die Fahne.

Die erweiterte Regenbogenfahne hängt den ganzen Pride-Monat Juni am Mast der Landeskirche Thurgau.
Die erweiterte Regenbogenfahne hängt den ganzen Pride-Monat Juni am Mast der Landeskirche Thurgau.

In Biel hat ein Organist den ESC-Gewinnersong von Nemo in einem Queer-Pfingstgottesdienst auf der Orgel gespielt. Wie wichtig ist es, dass die Kirche mit solchen Aktionen ein Zeichen für Toleranz setzt?

Berger: Das ist grundsätzlich wichtig. Die christlichen Werte fussen auf dem, was Jesus uns vorgelebt hat, dazu gehören Toleranz und Barmherzigkeit. Das gilt auf beide Seiten. Wir müssen auch für diejenigen Personen Verständnis aufbringen, denen die nonbinäre Thematik schwerfällt, genauso wie wir den Menschen gegenüber tolerant sind, die so bunt unterwegs sind wie Nemo.

«Persönlich finde ich es eine unglückliche Formulierung.»

Papst Franziskus sprach kürzlich vor italienischen Bischöfen davon, dass es bereits heute zu viel «Schwuchtelei in den Seminaren» gebe. Wie ordnen Sie diese Aussage ein?

Berger: Die Aussage hat mich sehr erstaunt. Vor allem weil der Papst zu seinen Anfangszeiten gesagt hat, «wer bin ich, der da richtet?». Ich bin mir nicht sicher, ob er sich bewusst war, was er mit dieser Bemerkung auslöst.

Kreuz auf Regenbogenfahne
Kreuz auf Regenbogenfahne

Persönlich finde ich es eine unglückliche Formulierung. Jeder Mensch hat das Recht, sein Leben selbst zu gestalten. Um seminarinterne Regeln durchzusetzen oder an ihnen festzuhalten, gibt es gewiss andere und bessere Arten der Kommunikation.

Zermürbt dieser ständige Kampf nicht manchmal? Wenn man an der kirchlichen Basis für Toleranz kämpft und dann sieht, dass sich in Rom in Sachen Offenheit und Partizipation nichts wirklich vorwärts bewegt?

Berger: Natürlich gibt es immer wieder Phasen, in denen man denkt: Warum machen wir das alles noch? Aber genau deshalb müssen wir uns weiter engagieren, um zu zeigen, dass die Kirche in den Pfarreien und Gemeinschaften lebt. Persönlich ist mir wichtiger, dass die Kirche vor Ort geprägt ist von gelebter Toleranz und Engagement, und weniger die Umsetzung bestimmter Vorstellungen in Bezug auf Lebensformen.

*Michaela Berger-Bühler (52) ist Generalsekretärin der römisch-katholischen Landeskirche Thurgau.

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Michaela Berger-Bühler, Generalsekretärin der Katholischen Landeskirche Thurgau. | © zVg
4. Juni 2024 | 12:00
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