Schweiz

Covid: Seelsorge für die Pflegenden findet in den Spitalgängen statt

Die zweite Covid-Welle erfordert Höchstleistungen vom Pflegepersonal. Das spüren auch die Spitalseelsorger. Michael Eismann spricht von einem «Marathonlauf». Die Präsenz der Seelsorge ist jetzt umso wichtiger.

Barbara Ludwig

Weiterhin hohe Fallzahlen, viele Todesfälle, erschöpftes Pflegepersonal, Angst vor einem Kollaps des Gesundheitssystems: Die zweite Welle der Corona-Pandemie hat die Schweiz fest im Griff. Mitten drin stehen auch die Menschen, die in Krankenhäusern als Seelsorgende unterwegs sind. Sie betreuen Patienten und ihre Angehörigen, aber nicht nur.

«Seit jeher gehört auch der Fokus auf die Mitarbeitenden zur Spitalseelsorge», sagt Michael Eismann. Der 53-jährige Theologe leitet die katholische Seelsorger am Kantonsspital Winterthur.

Ausnahmezustand auch zu Hause

Zurzeit sorgt er sich auch um die Pflegefachleute und Ärzte. «Die zweite Welle dauert nun schon sehr lange an. Ausserdem fallen die Erholungsphasen am Abend weg: Kommt man nach Hause, ist auch dort Ausnahmezustand. Überall wird von Covid gesprochen.»

«Die Leute sind sehr fokussiert auf die Aufgaben.»

Michael Eismann, Spitalseelsorger

Auf Dauer sei diese Situation sehr belastend, sagt Eismann. «Das Pflegepersonal läuft einen Marathon. Da wäre es wichtig, die Kräfte einzuteilen.»

Der Seelsorger beobachtet, dass in Zeiten von Corona im Spital der mitmenschliche Austausch zu kurz komme. Vielen Mitarbeitenden sei die Leichtigkeit, mit der sie sonst im Arbeitsalltag unterwegs sind, abhandengekommen. «Die Leute sind sehr fokussiert auf die Aufgaben, die anstehen.»

Höhere Arbeitspensen

Sepp Koller, Spitalseelsorger

Sepp Koller (51) ist katholischer Seelsorger am Kantonsspital St. Gallen. Auch er sieht die höhere Intensität der Arbeit als grosse Belastung für die Pflegenden und Ärzte: «Auf den Intensiv-Stationen, aber auch auf den normalen Stationen, die ebenfalls Covid-Patienten betreuen, braucht es die volle Präsenz. Nicht nur an zwei, drei Tagen, sondern über Wochen.»

Weil es auf den Intensivstationen an Fachpersonal fehle, hätten einige ihr Pensum auf Wunsch der Spitalleitung aufgestockt. Bei Mitarbeitenden mit Kindern könne dies zu einer zusätzlichen Belastung führen, befürchtet Koller.

Seelsorger sind sichtbar im Spitalalltag

Eismann und Koller berichten beide, es sei selten, dass Pflegende von sich aus bei der Seelsorge anrufen und um ein Gespräch bitten. Ins Gespräch kommen mit dem Personal kommen sie aber trotzdem – auf den Abteilungen oder im Stationszimmer.

«Wir sind sichtbar auf den Stationen, weil das zu einer professionellen Seelsorgearbeit gehört. Die Pflegenden kommen auf uns zu», sagt Eismann. Dazu müsse man eine Atmosphäre schaffen, in der jemand sagen kann: «Es geht mir nicht gut.»

«Sie begann zu weinen, weil sie spürte, dass die Frage ernst gemeint war.»

Sepp Koller, Spitalseelsorger

Sepp Koller scheint dies manchmal zu gelingen. Und so hört er auch von der Belastung, unter der das Personal in den Spitälern leidet. «Kürzlich fragte ich eine Intensivpflegerin, wie es ihr gehe. Sie begann zu weinen, weil sie spürte, dass die Frage ernst gemeint war», erzählt der Seelsorger. Und ein Pfleger habe ihm nach einem Austausch über einen Patienten berichtet, er sei eine Zeitlang krankgeschrieben gewesen, nun gehe es ihm wieder besser.

Adventskranz in der Kapelle des St. Galler Kantonsspitals

Mit Ritualen den Beziehungen Raum geben

Im Kantonsspital St. Gallen versucht die Seelsorge, mit besonderen Angeboten Unterstützung zu bieten. So wurde Anfang Dezember ein neues Ritual eingeführt. Die Pflegenden konnten die Namen verstorbener Patienten und ihre Erinnerungen an sie auf Kärtchen schreiben; in der Osternacht wird der Seelsorger die Kärtchen im Osterfeuer verbrennen. «Damit wollen wir den Beziehungen, die zwischen Pflegenden und den verstorbenen Patienten da waren, Raum geben», sagt Koller. Die Idee dazu stamme vom Personal der Palliativstation.

Mit einem Weihnachts-Kärtchen, das man an Patienten und das Personal abgebe, mache man aktuell auf die Spitalkapelle aufmerksam. Dort finden bis Ende Jahr keine Gottesdienste mehr statt, aber sie ist weihnachtlich geschmückt. «Es hat einen Adventskranz. Später kommen eine Krippe und ein Christbaum hinzu.»

Keine Lust auf Gottesdienst nach Schichtende

Michael Eismann, Spitalseelsorger

Die Seelsorge am Kantonsspital Winterthur bietet Supervision für Mitarbeiter an. Das Angebot sei nicht neu, in letzter Zeit aber ausgeweitet worden, sagt Michael Eismann. «Die Supervision soll helfen, Belastungserscheinungen frühzeitig zu erkennen.»

Der Theologe betont, dass es jetzt nicht darum gehe, speziell kirchliche Angebote für Spitalangestellte auf die Beine zu stellen. Nach einer Schicht von achteinhalb Stunden auf der Corona-Station habe kaum jemand Lust, noch einen Gottesdienst oder eine Meditation anzuhängen. Spiritualität finde vor allem im Alltag statt, «in der kurzen Begegnung, im Teilen der Sorgen».

«Für alle Situationen, in denen die Medizin nicht weiterhilft, sind wir da.»

Michael Eismann, Spitalseelsorger

Auch in Zeiten von Corona bleibe der Grundauftrag der Spitalseelsorge zentral. «Die Pflegenden sollen sich nicht auch noch um die Sorgen, die Trauer und den Zorn der Angehörigen und Patienten kümmern müssen. Das ist die grosse Entlastung, die wir bieten. Dafür haben wir Zeit, dafür haben wir die Ausbildung», sagt Eismann. «Für alle Fragen und Situationen, in denen die Medizin nicht weiterhilft, sind wir da.»

Diesen Fragen kämen zurzeit eine grössere Bedeutung zu, meint Eismann – gerade mit Blick auf die hohe Zahl der Menschen, die in der Schweiz an Covid-19 sterben.


Eine Ärztin in Schutzkleidung versorgt eine Covid-19-Patientin auf der Intensivstation eines Spitals in Rom. | © KNA
16. Dezember 2020 | 14:58
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Eismann: «Bevölkerung verkennt den Ernst der Lage»

Die Fallzahlen in der Schweiz sind weiterhin hoch. Michael Eismann, Spitalseelsorger am Kantonsspital Winterthur, macht sich Sorgen, weil die Bevölkerung den Ernst der Lage verkenne. In der Öffentlichkeit fehle die Wertschätzung für die Arbeit des Pflegepersonals. «Diese könnte man zum Ausdruck bringen, indem man seine sozialen Kontakte einschränkt und nicht alles macht, was erlaubt ist.» Das wäre Solidarität mit den Angestellten des Gesundheitswesens, weil man auf diese Weise die Fallzahlen senken könnte, zeigt sich Eismann überzeugt.

Auch Sepp Koller, Spitalseelsorger am Kantonsspital St. Gallen, wünscht sich eine grössere Wertschätzung des Personals. «Ein Beitrag dazu wäre insbesondere eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen – und grundsätzlich mehr Personal.» (bal)