Christian Rutishauser: «Existenzrecht Israels wird in tragischer Weise infrage gestellt»
Im Mittelalter kochte in der Karwoche oft der Judenhass auf und führte zu Pogromen. Und noch heute: «Das Judentum steht zwischen allen Fronten», sagt der Jesuit und Judaist Christian Rutishauser.
«In der Woche des Osterfestes hatte der Judenhass lange Zeit seinen Höhepunkt. Die Pogrome im Mittelalter gingen oft von der Karwoche aus. Judas, der Verräter, wurde zum Feindbild, nach dem Motto: «So sind alle Juden.» Nach dem Holocaust haben die Kirchen diese Sicht korrigiert. Wir bekennen uns klar zu unseren jüdischen Wurzeln: Jesus war Jude. Und er wurde unter Pontius Pilatus gekreuzigt, wie es im Glaubensbekenntnis heisst – auf Befehl eines Römers also. (…)
Das Judentum steht zwischen allen Fronten. Früher stritt Europa um die «Judenfrage» und Hitler versuchte eine «Endlösung». Heute wird das Existenzrecht Israels auf globaler Ebene in tragischer Weise wieder infrage gestellt. (…)
Israel ist ein jüdischer Staat, die meisten Einwohner sind Juden und haben gerade Purim gefeiert – und nicht Ostern. Purim erzählt die Geschichte der Königin Ester, die einen Völkermord verhindert. Damit deuten Juden zu Recht ihre Geschichte. Die Christen (in Israel und Palästina leben rund 230 000 Christen; Red.) aber sollen und dürfen ihr Leiden vom Karfreitag her verstehen. Die Botschaft der Hoffnung lautet: Mit Christus kann der Teufelskreis von Gewalt und Hass durchbrochen werden. Durch seine Wunden können unsere Wunden heilen.»
Das sagte Christian Rutishauser gegenüber dem «Sonntagsblick». Er ist Jesuit und promovierter Judaist. Er berät Papst Franziskus in Fragen zum Judentum. (jas)
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