Bibelwissenschaftler Adrian Schenker erhält Canstein-Medaille
Der Freiburger Dominikaner und emeritierte Bibelwissenschaftler Adrian Schenker ist mit der Canstein-Medaille ausgezeichnet worden. Die Ehrung würdigt seine jahrzehntelange Arbeit als leitender Herausgeber der «Biblia Hebraica Quinta», einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Ausgaben des Alten Testament.
Jacqueline Straub
Der Freiburger Dominikaner und emeritierte Bibelwissenschaftler Adrian Schenker ist mit der Canstein-Medaille ausgezeichnet worden. Die seit 1981 verliehene Auszeichnung würdigt Personen, die sich in besonderer Weise um die Verbreitung und das Verständnis der Bibel verdient gemacht haben. Benannt ist sie nach Carl Hildebrandt von Canstein, der 1710 in Halle an der Saale die weltweit erste Bibelgesellschaft gründete.
Geehrt wird Schenker für seine jahrzehntelange Tätigkeit als leitender Herausgeber der «Biblia Hebraica Quinta». Dabei handelt es sich um die fünfte wissenschaftliche Ausgabe der hebräischen Bibel seit 1906. Heute wird das Grossprojekt von einem internationalen und interkonfessionellen Team getragen.
Ziel dieser Edition ist es, einen «möglichst fehlerfreien und ursprünglichen» hebräischen Bibeltext bereitzustellen, heisst es in einer Mitteilung des Institut Dominique Barthélemy, das an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz) angegliedert ist. Dieser dient Theologinnen und Theologen in Forschung und Kirche als Grundlage ihrer Arbeit. Von besonderer Bedeutung ist er auch für die zahlreichen Bibelübersetzungen, die weltweit entstehen.
Neue Sicht auf alte Übersetzungen
Ein besonderes Merkmal der «Biblia Hebraica Quinta» geht direkt auf Schenkers Forschung zurück: die Neubewertung späterer Bibelübersetzungen, insbesondere der griechischen «Septuaginta». Lange Zeit galt der überlieferte hebräische Text aus dem ersten Jahrhundert nach Christus als allein massgeblich. Wichen ältere Übersetzungen davon ab, wurden die Unterschiede meist als Fehler oder freie Interpretationen der Übersetzer verstanden.
Schenkers Forschungen führten zu einer anderen Einschätzung. Sie zeigen, dass die Übersetzer der Septuaginta im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus an verschiedenen Stellen offenbar auf andere hebräische Vorlagen zurückgriffen. Diese Texte dürften ihrerseits offizielle und in Jerusalem autorisierte Fassungen gewesen sein.
Einblick in die Geschichte des Bibeltextes
Die «Biblia Hebraica Quinta» druckt zwar den überlieferten hebräischen Text ab, ergänzt ihn jedoch durch ausführliche Kommentare und textkritische Anmerkungen. Diese machen sichtbar, wie sich der hebräische Bibeltext zwischen dem dritten Jahrhundert vor Christus und dem ersten Jahrhundert nach Christus entwickelte hat und verändert wurde.
Damit eröffnet die Ausgabe einen Einblick in die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der Bibel. Aus theologischer Sicht ist dies von grosser Bedeutung. Die Forschung zeigt, dass auch ein heiliger Text nicht unveränderlich überliefert wurde, sondern Teil einer lebendigen Tradition war.
«Der Heilige Text wurde, so schockierend das heute tönen mag, bis zum 1. Jahrhundert nach Christus nicht nur verschieden interpretiert, sondern er wurde stellenweise auch verändert, damit das Wort Gottes in ihm weiterhin vernehmbar und in seiner Wahrheit überzeugend blieb», so die Mitteilung.
Mit der Verleihung der Canstein-Medaille an Adrian Schenker wird somit nicht nur ein bedeutendes wissenschaftliches Lebenswerk gewürdigt. Ausgezeichnet wird auch eine Forschungsperspektive, die die Geschichte der biblischen Texte als dynamischen Prozess sichtbar macht.
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