Standing Ovations: Philippe Lefebvre über sein Licht in dunklen Zeiten
Der Professor für Altes Testament, Philippe Lefebvre, hat für seine Abschiedsvorlesung an der Universität Freiburg grossen Applaus erhalten. Mit Bibelzitaten verwies der Dominikaner auf schwierige Zeiten in seinem Leben. Er hatte einen Missbrauchstäter aufgedeckt und danach Anfeindungen erlebt.
Jacques Berset, cath.ch
Philippe Lefebvre lehrte und forschte schwerpunktmässig zur Familie in der Bibel sowie zu Macht- und Autoritätsmissbrauch in der Bibel. Vor zahlreichem Publikum im Auditorium der Universität Freiburg stellte Veronika Hoffmann, Dekanin der Theologischen Fakultät, Lefebvre am 2. Juni als renommierten Spezialisten für die hebräische Bibel vor. Er war Leiter der Reihe «Lectio divina» im Verlag Cerf und ist seit Januar 2021 Mitglied der Päpstlichen Bibelkommission in Rom.
Der Baum Philippe Lefebvre habe reichlich Früchte getragen, betonte Hoffmann: mindestens ein Dutzend Bücher, eine beeindruckende Liste von Artikeln, Radiobeiträge, Videos. «Ganz zu schweigen von den unzähligen Menschen, die seine Vorlesungen und Vorträge besucht haben». Der Dominikaner stammt aus der Region Nord-Pas-de-Calais in Frankreich und lehrt seit 2005 in Freiburg.
Bedeutung der göttlichen Führung im Leben
Der französische Bibelwissenschaftler erläuterte seinen Werdegang anhand eines Verses aus Psalm 119,105 – «Dein Wort ist eine Leuchte für meinen Fuss und ein Licht auf meinem Weg». Dieser Vers unterstreicht die Bedeutung der göttlichen Führung im menschlichen Leben. Diese helfe Entscheidungen zu treffen und durch die Dunkelheit des Lebens zu navigieren.
Dieser Vers sei ihm in mehr oder weniger schwierigen Situationen als Antwort gekommen, bemerkte Philippe Lefebvre. Schwierige Zeiten hat der Dominikaner tatsächlich erlebt. Er war massiven Einschüchterungsversuchen ausgesetzt gewesen, weil er den sexuellen Missbrauch des Priesters Tony Anatrella öffentlich gemacht hatte.
«Omertà» pro Täter
2006 veröffentlichte Lefebvre einen Artikel, in dem er die biblischen Grundlagen der Positionen von Tony Anatrella zur Homosexualität kritisierte. Der französische Priester lehnte Homosexualität ab und stand in der Gunst der Kurie im Vatikan.
Nach der Publikation wurde Lefebvre Opfer hasserfüllter Angriffe von Websites, die sich auf die Tradition beriefen. Anatrella selbst hingegen war «umhüllt von einem mächtigen Schweigen, einer organisierten Omertà», wie Lefebvre damals gegenüber der französischen Presse aussagte.
Offenes Ohr für Opfer
Gleichzeitig erhielt Lefebvre Berichte von Opfern sexuellen Missbrauchs, die in Zusammenhang mit Anatrella standen. Die Dekanin erzählt: «Er hört diesen Opfern zu und steht ihnen zur Seite. Er alarmiert wiederholt die kirchlichen Behörden, doch es geschieht nichts – oder besser gesagt: Die Einschüchterungsversuche gegen ihn nehmen zu, manchmal auf sehr gewalttätige Weise.» Gegenüber kath.ch berichtete Levebre von zahlreichen Morddrohungen per Brief, die er erhalten hatte.
«Du, Philippe, hast für dein Engagement einen hohen Preis bezahlt.»
Veronika Hoffmann
«Es dauert zwölf Jahre, bis der Erzbischof von Paris Anatrella verbietet, seinen priesterlichen Dienst auszuüben oder öffentlich aufzutreten», so Hoffmann. Direkt an ihn gewandt führt sie fort: «Du, Philippe, hast für dein Engagement einen hohen Preis bezahlt. Das Unverständnis, die Feindseligkeit, die Angriffe haben dich nachhaltig geprägt. Das darf man weder herunterspielen noch vergessen.»
Die Dekanin betonte jedoch, dass der Dominikaner diese Erfahrungen auf seine Weise, als Bibelwissenschaftler, durchlebt habe. Das daraus entstandene Buch zeuge davon: «Comment tuer Jésus. Abus, violences et emprises dans la Bible » (zu Deutsch: Wie Jesus töten. Missbrauch, Gewalt und Machtausübung), 2021, Verlag Cerf. Lefebvre erhielt für seinen Abschiedsvorlesung lang anhaltenden Applaus und Standing Ovations. (Übersetzung und Adaption: Regula Pfeifer)
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




