Bertram Stubenrauch, Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München
Schweiz

Bertram Stubenrauch: «Der Glaube ist keine Philosophie, kein Parteiprogramm»

«Wer ein geistliches Leben führt, ist progressiv, wenn es sein muss, und konservativ, wenn es sein muss», sagt der Dogmatiker Bertram Stubenrauch. Wahre Reform wisse, dass es bei der Erneuerung der Kirche um ein Erbe gehe. Der Konzilstheologe Henri de Lubac kann dabei zum Vorbild werden, so Stubenrauch.

Jacqueline Straub

Kann es in der Kirche eine «wahre» und eine «falsche» Reform geben?

Bertram Stubenrauch*: Natürlich. Wahre Reform weiss darum, dass die Kirche nicht das Gebilde subjektiver Religiosität ist, sondern eine Gabe des Gottesgeistes. Wer dieser Geist ist und was er schenkt, zeigt sich an Menschen, die ernsthaft aus ihm gelebt haben, es immer noch und immer wieder tun.

Damit sind sie an die Quellen des Glaubens verwiesen, vor allem an die Heilige Schrift, aber auch an Einsichten, die über die Jahrhunderte hinweg im Dialog mit der Schrift aufkamen, das heisst, an die kirchliche Tradition. Wahre Reform weiss, dass es bei der Erneuerung der Kirche um ein Erbe geht. Falsche Reform wäre es, dieses Erbe zu übergehen zugunsten der Auffassung, man könne zu jeder Zeit und je nach Bedarf die Kirche neu erfinden.    

Warum ist die «wahre Reform» in der Kirche eine Gratwanderung?

Stubenrauch: Die Schwierigkeit kommt von daher, dass es nicht ohne Weiteres klar ist, was zum Kern des kirchlichen Erbes gehört und was nicht. Wer nur bewahren will, riskiert auf Dauer die Versteinerung des Glaubensgutes. Wer könnte davon leben? Und wer auf den ständigen Umbau setzt, unterwirft sich Moden. Bleibt das Christentum dann noch prophetisch?

«Der Glaube reagiert auf ein historisches Geschehen.»

Sie schreiben in einem Buchbeitrag, dass ohne ein gewisses Mass an Fundamentalismus die Verkündigung des Evangeliums von Jesus, dem Christus, undenkbar ist. Können Sie das näher erläutern?

Stubenrauch: Dieser Satz ist bewusst zugespitzt. Er besagt nicht, dass Engstirnigkeit, Rechthaberei, Ausgrenzung, Dialogunwilligkeit oder gar Denkfaulheit dem kirchlichen Leben angemessen wären. Aber: Der Glaube ist keine Philosophie, kein Parteiprogramm und keine Bilanzfrage. Er ist Antwort.

Der Glaube reagiert auf ein historisches Geschehen, dem auch für die Zukunft Bedeutung zukommt. Angesichts der Geschichte Israels und des Wirkens Jesu antwortet der Glaube auf ein Widerfahrnis, mit dem es zu ringen gilt – immer wieder, aber auch immer wieder aus neuer Perspektive. Insofern, und nur insofern, spreche ich von einem fundamentalistischen Zug am christlichen Glauben.

In Ihrem Beitrag gehen Sie auch darauf ein, dass ein Gottesdienst nicht «im Namen der Mutter» oder «im Namen der Liebe» eröffnet werden kann. Warum?

Stubenrauch: Das Christentum ist geschichtlich angestossen und deshalb nur geschichtlich verstehbar. Sein Gottesbild nimmt an der Spiritualität und der Verkündigung Jesu Mass. Und Jesus lebte nicht einfach aus «der Liebe», sondern aus der Liebe «des Vaters». Natürlich ist der Vatername für Gott metaphorisch zu verstehen, doch er bleibt der Redeweise Jesu geschuldet. Deshalb gehört er, jedenfalls im offiziellen Gottesdienst, zum unveränderlichen Kennzeichen des Christentums.

Der Gedanke, in Gott eine Art Elternschaft anzunehmen, ihn Vater und Mutter zu nennen, hat keinen Anhalt im Neuen Testament. Allerdings: Auf katechetischer, literarischer oder gefühlshafter Ebene steht nichts dagegen, die zentrale Gottesmetapher «Vater, Sohn und Heiliger Geist» mit einer Vielfalt von Bildern und Begriffen anzureichern. Das ist sogar höchst angeraten.

«Tradition ist die Ausdeutung des in Christus Geschehenen, nicht dessen Fortschreibung.»

Joseph Ratzinger hat in einem Kommentar zur Offenbarungskonstitution «Dei verbum» resümiert, dass das Zweite Vatikanische Konzil in der Frage, ob der Traditionsprozess die Offenbarung weiterschreibe, keinen «Fortschritt» brachte, sondern das «traditionskritische Moment so gut wie völlig übergangen» hat. Sie nennen es eine Unterlassungssünde, die sich heute rächt. Inwiefern?

Stubenrauch: Die «Tradition» gehört zum Wesen der Kirche Jesu Christi, «Traditionen» hingegen zeigen an, dass es Meinungsvielfalt, aber auch Abwege geben kann in der Glaubensgeschichte. Vonseiten des Konzils wurde zu unbedacht das Leben der Kirche insgesamt mit der Tradition gleichgesetzt. Das rächt sich heute insofern, als sich bestimmte Gruppen befugt sehen, als exklusive Schutzmacht ewiger Unveränderlichkeit aufzutreten, während andere mit derselben Überspanntheit sagen, was sie hier und jetzt erleben und verkünden sei eine neue Qualität der Offenbarung.

Man hätte Kriterien gebraucht, die zeigen, inwiefern Traditionen den Glauben verzerrt haben und worauf man deshalb auch in der Gegenwart achten muss. Tradition ist die Ausdeutung des in Christus Geschehenen, nicht dessen Fortschreibung. Man müsste sonst das Christentum als eine erst noch zu errichtende Größe anpreisen, der gegenüber die Heutigen und die Früheren als vergleichsweise naiv zu betrachten wären.

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Was kann Henri de Lubac sogenannten Reformkatholikinnen und -katholiken heute noch sagen?

Stubenrauch: Was «Reformkatholizismus» sein soll, geht mir nicht unmittelbar auf. Ich meine: Wer ein geistliches Leben führt, ist progressiv, wenn es sein muss, und konservativ, wenn es sein muss. Diese Haltung hat de Lubac als Gelehrter im Umkreis des Konzils verkörpert. Sein Denken ist von der Bibel, der Liturgie und den Kirchenvätern geprägt. Er hat hinter alledem «Geist» gesucht und diesen Geist auch zum Leuchten gebracht.

Damit ist er über blosse Formelgläubigkeit und die kurzsichtige Verklärung des Alten hinausgewachsen. Er hat wiederentdeckt, dass Glaube lebendig bleiben muss. Und er hat gesehen, dass die Kirche eine Familie ist, kein Religionskonzern, bei dem sich Hierarchen und Reformgruppen fortwährend um die Vorstands-Etagen streiten. Behaltet Augenmass, bildet euch theologisch und hört nicht auf, kritisch, aber loyal zu sein – so könnte die Botschaft Henry de Lubacs für heute lauten.

*Bertram Stubenrauch ist Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat in der Festschrift «Christus ist unter euch. Zur Aktualität des II. Vatikanischen Konzils» einen Beitrag zum Thema «Offenbarung, Tradition, Kirchenreform. Eine streitbare Lektüre der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum des Zweiten Vatikanischen Konzils» geschrieben.


Bertram Stubenrauch, Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München | © zvg
25. Juli 2025 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!