Bericht dokumentiert systematische Vertuschung von Missbrauch im Erzbistum Freiburg
Der neue Bericht zu Missbrauch im Erzbistum Freiburg entlastet Erzbischof Burger. Vorgänger Zollitsch muss sich jetzt in Rom verantworten. Dem früheren Vorsitzenden der Bischofskonferenz wird massives Versagen vorgeworfen.
Volker Hasenauer
Mindestens 540 Missbrauchsopfer – vor allem minderjährige Mädchen und Jungen. Und mehr als 250 nachweislich schuldig gewordene oder des Missbrauchs beschuldigte Priester: Diese Schreckensbilanz für Taten seit den 1950ern bis in die Gegenwart zieht die Aufarbeitungskommission für das Erzbistum Freiburg. «Und wir müssen uns klar machen, dass es vermutlich ein noch grösseres Dunkelfeld gibt, weil sich viele Betroffene bis heute nicht gemeldet haben», erläuterte der Kommissionsvorsitzende, der Theologe Magnus Striet.
Hunderte Protokolle ausgewertet
Die am Dienstag veröffentlichte Untersuchung will aber mehr als Zahlen nennen. Sie hat den Anspruch, am Beispiel des Erzbistums jene verhängnisvollen Machtstrukturen in der katholischen Kirche zu aufzudecken, die jahrzehntelang zu Missbrauch, sexualisierter Gewalt und Leid führten. Vier Juristen und Kriminologen haben dazu Personal- und Geheimakten ausgewertet, die vielfach erstmals für eine Untersuchung zugänglich wurden. Sie befragten 180 Zeugen, darunter Täter und Opfer, und werteten hunderte Protokolle des Führungsgremiums der Diözese aus. Der Ordinariatskonferenz gehören der Erzbischof, Weihbischöfe und Domkapitulare an.
Die 600-Seiten-Studie dokumentiert schweres Fehlverhalten vor allem bei den früheren Erzbischöfen Oskar Saier (1978-2002) und Robert Zollitsch (2003-2013). Während Saier 2008 starb, muss sich der 84-jährige Zollitsch seiner Verantwortung stellen. Er ist vor kurzem von Freiburg nach Mannheim gezogen. Und liess mitteilen, sich vorerst nicht äussern zu wollen. Zollitsch erinnerte an sein Schuldeingeständnis und seine Bitte um Verzeihung. Der aktuelle Erzbischof Stephan Burger wird in dem Bericht vollständig entlastet. Ihm sei kein Fehlverhalten vorzuwerfen.
Betroffene reagieren schockiert
Betroffene reagierten schockiert. Die Untersuchung belege schwarz auf weiss, dass der Kirche «missbrauchte Kinder und verletzte Kinderseelen über Jahrzehnte gleichgültig waren», so der Betroffenenbeirat im Erzbistum. Dagegen seien die Täter grausamster Verbrechen geschützt worden. Unter Zollitschs Führung sei die Kirche ein «Schutzraum für Täter» gewesen und eine «Hölle für Kinder».
Auch Burger zeigte sich erschüttert. Es gelte, weiter auf Betroffene zuzugehen und sie bestmöglich zu unterstützen. Auch die Prävention sowie die Kontrolle verurteilter Täter müssten verstärkt werden. Zugleich teilte Burger mit, bereits vor längerer Zeit kirchenrechtliche Schritte gegen Zollitsch eingeleitet zu haben. Eine Bewertung der Vertuschungsvorwürfe liegt damit in der Hand des Vatikans.
Der Staatsanwaltschaft wurden Akten vorenthalten
Anhand von 24 exemplarischen Fällen zeigt der Bericht auf, dass die Verantwortlichen im Umgang mit sexualisierter Gewalt durch Priester glasklare Prioritäten setzten: verschweigen, vertuschen, Täter schützen. Protokolle der Führungsrunde belegen, dass der Staatsanwaltschaft Akten vorenthalten wurden und Missbrauchstaten bewusst nicht in der Personalakte aufgenommen wurden. Auch das Kirchenrecht – etwa die Meldepflichten an den Vatikan – sei wissentlich ignoriert worden. Selbst dann noch, als Zollitsch Vorsitzender der Bischofskonferenz war und schon strengere Richtlinien galten.
Vielfach wurden Täter ohne Auflagen versetzt – und ohne die neue Kirchengemeinde zu informieren. Ein Zeuge erinnert sich, dass Saier ihm einmal bei einer Autofahrt gesagt habe: «Da drüben in dem Ort habe ich auch einen versteckt.» Der Schutz der Institution Kirche stand über allem. Dies habe sich erst mit der Wahl Burgers geändert.
Betroffene mundtot gemacht
Die Untersuchung beschreibt, dass die Kirchenleitung versucht habe, Betroffene nach Hinweisen mundtot zu machen. Geradezu unerträglich nannte Studienautor Edgar Villwock den Fall einer Mutter, der nach Vorwürfen gegen den Pfarrer in ihrer Gemeinde das Leben zur Hölle gemacht worden sei. Auch von anderen Katholikinnen und Katholiken vor Ort, die ihren charismatischen Pfarrer blind verteidigten.
«Wie es zu dieser Empathielosigkeit kommen konnte, ist mir unerklärlich.»
Erzbischof Stephan Burger
Die Studie zitiert auch aus dem Mitte der 1990er entstandenen Protokoll eines Treffens von Opfern mit dem beschuldigten Pfarrer, wonach der Mann gesagt haben soll: «Das merkt doch so ein kleiner Junge nicht, wenn man ihm in die Hose greift.» Einem wegen Missbrauchs Minderjähriger Verurteilten schrieb Zollitsch: «Sie haben sich vom Herrn zum Priester berufen lassen und durften erfahren, wie segensreich Ihr Tun war.» Einem Priester, der Ministranten missbraucht hatte, wurde «gutes Geschick» im Umgang mit Jugendlichen bescheinigt. «Wie es zu dieser Empathielosigkeit kommen konnte, ist mir unerklärlich», sagte Burger der KNA.
Welche Konsequenzen zieht das Erzbistum?
Welche Konsequenzen das Erzbistum – und vielleicht auch die katholische Kirche bundesweit – aus der Studie ziehen werden, ist noch nicht klar. Aber Burger sagte zu, alle Strukturen erneut auf den Prüfstand zu stellen. Gerade auch bei der Überwachung von Missbrauchstätern. «Das sind wir den Betroffenen schuldig.» (kna)
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