Der emeritierte Papst Benedikt XVI. | © KNA
Vatikan
Der emeritierte Papst Benedikt XVI. | © KNA

Benedikt XVI. verunsichert Christen und Juden mit unbedachten «Anmerkungen»

Berlin, 25.7.18 (kath.ch) Ein neuer Aufsatz des emeritierten Papstes Benedikt XVI. über die christliche Sicht auf das Judentum bringt Unruhe in das Verhältnis von Juden und Christen. Erste Reaktionen von katholischen und jüdischen Theologen fallen überwiegend kritisch-negativ aus. Zugleich fragen sie nach den Motiven der Veröffentlichung.

Norbert Zonker

Der in der Juli-Ausgabe der Fachzeitschrift «Communio» unter «Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.» erschienene Text war von seinem Autor zunächst nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Vielmehr hatte er seine «Anmerkungen zum Traktat ‘De Judaeis'» mit dem Titel «Gnade und Berufung ohne Reue» dem Präsidenten der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum, Kardinal Kurt Koch, «zur persönlichen Verwendung» überreicht.

Benedikt XVI. reagierte damit auf ein 2015 von der Kommission vorgelegtes Dokument mit dem Titel «Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt» zum katholisch-jüdischen Dialog 50 Jahre nach der bahnbrechenden Konzilserklärung «Nostra aetate».

Thesen des Konzils angeblich ungenau

In seinen «Anmerkungen» geht es dem emeritierten Papst vor allem um zwei Denkfiguren, die die neue Sicht des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Ausdruck bringen: Beide Thesen, schreibt er – «dass Israel nicht durch die Kirche substituiert werde und dass der Bund nie gekündigt worden sei – sind im Grunde richtig, sind aber doch in vielem ungenau und müssen kritisch weiter bedacht werden».

So habe es eine «Substitutionstheorie» – also die Vorstellung, die Kirche sei an die Stelle Israels getreten – «als solche nicht gegeben». Auch die Frage des «nie gekündigten Bundes» zwischen Gott und den Juden – eine Aussage, die auf Johannes Paul II. zurückgeht – verlangt laut Benedikt XVI. nach Differenzierungen.

Auch Schweizer Jesuitenprovinzial äussert Kritik

Jesuitenprovinzial Christian Rutishauser: Benedikt XVI. formuliert «christliche Identität auf Kosten der jüdischen». | © Hans Merrouche
Dass diese Überlegungen Sprengstoff enthalten, liessen bereits die einordnenden Worte des Wiener Dogmatikers und «Communio»-Herausgebers Jan-Heiner Tück ahnen, der empfahl, diesem «Zeugnis innerkirchlicher Reflexion» mit einer «Hermeneutik des Wohlwollens» entgegenzutreten.

Der Schweizer Jesuitenprovinzial Christian Rutishauser kommentierte noch vor dem Erscheinen des Aufsatzes in der «Neuen Zürcher Zeitung», damit werde «christliche Identität auf Kosten der jüdischen formuliert». Obwohl Benedikt betone, die Neuausrichtung nach dem Konzil sei grundsätzlich richtig, höhle er sie hier weitgehend aus.

«Wer die Rolle des Judentums so beschreibt, baut mit am Fundament für neuen Antisemitismus auf christlicher Grundlage!»

Der Berliner Rabbiner Walter Homolka spitzte dies in einem Vortrag zu mit der Bemerkung: «Wer die Rolle des Judentums so beschreibt, baut mit am Fundament für neuen Antisemitismus auf christlicher Grundlage!» In einem Aufsatz in der «Zeit» fügte er hinzu: «Dem Verfasser bedeutet das lebendige Judentum von heute nichts. Für ihn ist das Judentum lediglich eine Vorform des Christentums, eine Reminiszenz. Aus der Gemeinsamkeit der Schrift erwächst keine substanzielle Nähe zwischen Juden und Christen.»

Emeritierter Papst gegen «Relativismus verschiedener Heilswege»

Ebenfalls in der «Zeit» äusserte sich der Salzburger Theologe Gregor Maria Hoff, der auch Berater der Vatikan-Kommission ist. Mit seinen Ausführungen erweise sich Benedikt als «blind gegenüber der Ideologiegeschichte seiner Kirche und macht sie anschlussfähig für religiösen Antijudaismus», betonte er. Hinter die Einsichten des Konzils wolle er zwar erklärtermassen nicht zurück, aber in der Sache wiederhole der emeritierte Papst die Substitutionstheorie.

«Bei ihm tritt die christliche Eucharistie an die Stelle des jüdischen Tempelkults, die prophetischen Traditionen Israels erfüllen sich christlich.» Wer als christlicher Theologe über Israel schreibe, dürfe nicht ungeniert von der «ganzen Härte der Strafen» Gottes sprechen, urteilt Hoff. «Benedikt tut es. Er spricht sogar von Israels ‘Treulosigkeit’.» Seinem Nachfolger Franziskus hingegen sei klar, dass «Gott weiterhin im Volk des alten Bundes wirkt». Benedikt XVI. habe dagegen stets einen «Relativismus» verschiedener Heilswege bekämpfen wollen.

Brücke zwischen Kirche und Judentum gerät ins Wanken

Für den Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ist die Veröffentlichung «Anlass zu grosser Sorge». Die Zukunft des christlich-jüdischen Dialoges gerate «im Zweifelsfall ins Wanken angesichts dieser eingehend kritischen Hinterfragung seines theologischen Fundaments», erklärte das Präsidium des Koordinierungsrats der rund 80 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Die «vermeintlich stabile Brücke» zwischen Kirche und Judentum komme «ins Wanken, wenn die theologischen Fundamente derart in Frage gestellt werden und keine neuen in naher Zukunft erkennbar sind». Umgehende Klärungsgespräche seien deshalb unumgänglich.

Entspannter zeigte sich der Wiener Oberrabbiner Arie Folger. Er empfinde den Aufsatz, so schreibt er in der «Jüdischen Allgemeinen», anders als etwa Jesuitenprovinzial Rutishauser, nämlich als einen «Text, der von einem bedeutenden, konservativen katholischen Theologen für den internen Gebrauch des Vatikans geschrieben wurde und daher nicht an Massstäben des öffentlichen und interreligiösen Diskurses gemessen werden sollte».

«Wir brauchen die Bestätigung der Kirche nicht, um an die Wahrheit des Judentums zu glauben.»

«Nicht nachvollziehbar» sei für ihn auch die Kritik daran, dass nach Meinung Ratzingers auch Juden nur dank Jesu zum Seelenheil gelangen können: «Was erwarten wir von einem Papst? Erwarten wir Juden tatsächlich, dass die Kirche das Judentum als legitimen Umweg um die kirchliche Lehre herum akzeptieren muss?» Er fügt hinzu: «Wir brauchen die Bestätigung der Kirche nicht, um an die Wahrheit des Judentums zu glauben.»

Gleichwohl sieht auch Folger kritische Punkte: So sei die These Benedikts, dass die Substitutionstheorie nie Teil der kirchlichen Lehre gewesen sei, ein «ahistorischer Revisionismus, der das reale Leid ignoriert, das wegen der Doktrin von ‘Verus Israel’ Juden jahrhundertelang angetan wurde».

Problematisch: Belehrung von Juden durch Christen

«Sehr problematisch» sei auch Benedikts Vorschlag, dass Christen Juden belehren sollten, wie die relevanten Stellen in der Hebräischen Bibel christologisch zu verstehen seien. «Nach so viel jüdischem Blut, das durch christliche Judenfeindschaft vergossen wurde, sollte Benedikt klar sein, dass es keine positive Einstellung zur Judenmission geben kann.» Aufmerksamkeit verdienten auch Benedikts Bemerkungen zum Zionismus und seine Betrachtung des «jüngsten und längsten jüdischen Exils» ausschliesslich aus christlicher Perspektive.

Eine «klare Regression» und einen «überraschenden Rückschritt, mit dem wir auf jüdischer Seite nicht gerechnet haben», konstatierte in der «Neuen Zürcher Zeitung» der Rabbiner und Dozent für Judaistik an den Universitäten Zürich und Luzern, David Bollag.

Fragen an Kardinal Koch

Er schloss seinen kritischen Beitrag mit mehreren Fragen an Kardinal Koch: «Warum ist der Präsident der Kommission für die Beziehungen zum Judentum, wie er im Vorwort zum Artikel von Benedikt schreibt, ‘überzeugt, dass der vorliegende Beitrag das jüdisch-katholische Gespräch bereichern wird’? Bereut er etwa die Aussagen seiner Kommission? Will er ihnen gar widersprechen (lassen)? Was ist nun wirklich die Position der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum zur Substitutionstheologie? Zum ‘nie gekündigten Bund’? Und vor allem zur Judenmission? Will der Vatikan den jüdisch-christlichen Dialog wieder gefährden? Sind wir nun wieder die ‘ludaei perfidi’, die treulosen, perfiden Juden?» Fragen gehörten zum Dialog, so Bollag. «Wir warten auf Antworten.»

Erinnerung an Streit um «Regensburger Vorlesung»

In mancher Hinsicht erinnert die Angelegenheit an den Streit um die «Regensburger Vorlesung» von Benedikt XVI. von 2006, als er mit einer akademischen Diskussion Teile der islamischen Welt gegen sich aufbrachte.

Auch diesmal hat er offenbar die Aussenwirkung seiner Überlegungen nicht hinreichend antizipiert. «Karol Wojtyla dürfte sich wegen dieser groben Fahrlässigkeit, die auch auf das Konto mangelnder redaktioneller Umsicht in der Zeitschrift geht, im Grabe herumdrehen», kommentierte zum Beispiel Christian Geyer in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». (kna)


Benedikt XVI. meldet sich zu christlich-jüdischem Dialog zu Wort

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