Schweiz

Atheistin Tamara Funiciello rockte die Kirche

Bern, 14.10.18 (kath.ch) «Glaubt (nicht) ans Kapital!». Unter diesem Titel feierten Linke, Theologen und Gläubige am Samstag in der Heiliggeistkirche in Bern den Abschluss des 200-Jahr-Jubiläums von Karls Marx’ Geburtstag. Juso-Präsidentin Tamara Funiciello kämpfte dort mit missionarischem Eifer um den Glauben der Linken.

Remo Wiegand

Es gibt diese Träume, an deren Inhalt man sich am Morgen danach nicht mehr erinnert. Was bleibt, ist ein Gefühl, oft ein wohliges Gefühl einer verblassten Traumwelt, die sich eine Nacht lang wunderbar real präsentiert hatte.

In der Berner Heiliggeistkirche sassen am Samstagabend viele Träumer, geeint durch ein vages Bild einer besseren Welt – und einen Widerwillen gegen die kapitalistische Wirklichkeit. Die rund 150 Personen waren gekommen, um sich in ihrem Traum zu bestärken. Indes: Meinten die Anwesenden wirklich denselben Traum? Sind Sozialismus und Christentum nicht ein Widerspruch? Bestand in der Heiliggeistkirche die Gefahr, aus einem gemeinsamen Traum ins Diesseits des Widerspruchs zu erwachen?

Kritik an der «verkehrten Welt»

Der Abend hatte sich als neuerliches Geburtstagsfest von Karl Marx (1818-1883) angekündigt. Hinten in der Kirche prangte sein Konterfei. Pfarrer und Mitorganisator Andreas Nufer präsentierte sich mit Vollbart als Marx-Wiedergänger. Exzentrische Künstlerinnen wie Rapperin Big Zis eröffneten und begleiteten den Abend mit mehreren launigen Musikeinlagen. Dann trat Kuno Füssel hinter den Blumenwald ans Mikrofon. Der deutsche Theologe, Mathematiker und bekennende Marxist Füssel war «der eigentliche Grund für diesen Anlass», erklärte Matthias Hui, der Moderator und Redaktor der Zeitschrift «Neue Wege».

Der 77-jährige Füssel, wie Marx gebürtig aus Trier, machte sich teils anschaulich, teils theoretisch daran, das Christentum mit dem marxschen Sozialismus zu versöhnen. Marx sei es im Kern um die Kritik an der «verkehrten Welt» des Kapitalismus gegangen, die er in die «wahre Welt verwandeln» wollte (und nicht etwa in die «Warenwelt»).

Insofern die Religion Teil dieser verkehrten Welt sei, lehnte Marx sie ab. Füssel bemühte Marx’ berühmtes «Opium»-Zitat in seinem Kontext: «Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks», zitierte Füssel Marx.

Radikale Diesseitsbezogenheit

Als nächstes sprach Lokalmatadorin Silvia Schroer, Berner Professorin für Altes Testament und Uni-Vizerektorin. Auch sie erkannte Parallelen zwischen jüdisch-christlicher und sozialistischer Philosophie. So spiegle sich die radikale Diesseitsbezogenheit von Marx in jener der alttestamentlichen Religion, die noch ohne Jenseitserwartung ein gutes Leben zu organisieren versuchte.

Schroer verlor in ihrer Rede allerdings zunehmend das Diesseits der Heiliggeistkirche aus den Augen: Sie richtete sich in ihren Ausführungen zu grossen Teilen an ihren «Lehrer» Kuno Füssel und wechselte sprachlich in den Duktus eines wissenschaftlichen Kolloquiums.

«Wie zur Hölle kommunizieren wir eigentlich?»

Da kam Tamara Funiciello gerade recht: Die Präsidentin der Schweizer JungsozialistInnen (Juso) brandmarkte die Umweltzerstörung, Ungerechtigkeiten und «verflucht nochmal» das Patriarchat. Daran sei der Kapitalismus schuld. «Die Menschen glauben daran, dass es keine Alternative zum Kapitalismus gibt», rief Funiciello entrüstet. Sie wolle dagegen den Glauben an diese andere, bessere Welt wecken. Dabei brach Funiciello auch eine Lanze für den Linkspopulismus, für mehr Gefühle in der Politik, die man nicht den Rechten überlassen dürfe.

Notwendiger utopischer Überschuss

«Wie zur Hölle kommunizieren wir eigentlich?», fragte Funiciello an die Adresse der Linken. Sie glaube an die «Notwendigkeit eines utopischen Überschusses» in der Politik. Die Juso seien nur eine Ein-Prozent-Partei, eigentlich unbedeutend, doch der politische Gegner habe Angst vor ihnen. Warum? «Weil wir an unseren Träumen festhalten!» Mit einem Zitat aus John Lennons 68-er Hymne «Imagine» schloss Funiciello ihre Lektion in Linkspopulismus ab.

Linke soll «mehr von Gott sprechen»

Ausgerechnet die bekennende Atheistin Funiciello sorgte in der Kirche für quasi-religiöse Entzückung. Die Menschen bekamen von ihr jene Ermutigungs-Happen, die sie am ehesten hören wollten. Auch auf dem anschliessenden «abenteuerlichen Podium» (Funiciello) mit den beiden älteren Wissenschaftlern stand die Jungpolitikerin im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Einem Fragesteller, der nach Michael Moores Kino-Doku «Fahrenheit 11/9» am Boden zerstört gewesen war, empfahl sie, einmal an eine Juso-Versammlung zu kommen, wo der Glaube an eine andere Welt – «mein Gott, das tönt so unglaublich christlich» – mit Händen zu greifen sei.

«Die Ewige ist mächtig.»

Gegen Ende richteten indes die beiden Theologen Mahnungen an die Linken: Silvia Schroer empfahl ihr, mehr von Gott zu sprechen, denn «die Ewige existiert nicht nur, sie ist auch mächtig.» Kuno Füssel erklärte, von der christlichen Trias Glaube-Liebe-Hoffnung sei ihm die Hoffnung die teuerste: «Wenn wir die Hoffnung aufgeben, dann verlieren wir den Glauben und können auch nicht mehr lieben.» Die Appelle der Alten wirkten wie ein mahnender Segen an die jungen Wilden.

Kritische Nachfragen?

Das Klassentreffen der Linken im Zeichnen von Marx’ Geburtstag bot einen Abend lang religiöse Nestwärme, überbrückte dabei Gegensätze von Religion und Atheismus, Alt und Jung, Vernunft und Gefühl. Der Abend stellte die Frage nach einer Alternative, ohne dass klarer wurde, wie diese aussehen könnte. Was der Abend auch nicht bot und nicht bieten wollte: Kritische Nachfragen. Mindestens an einem Punkt hätte man diese gerne gehört, denn Füssel wie Funiciello sprachen je einmal zweideutig über Gewalt, hier über Mose’ Liquidation der Anbeter des goldenen Kalbes im Alten Testament, dort über die Ausschreitungen am G20-Gipfel von Hamburg.

Manchmal ist es gut, aus den Träumen wieder ins Diesseits zu erwachen. Denn Gewalt kommt in den besten Träumen vor.

Die Veranstalung wurde organisiert von der Offenen Kirche Bern, mit Unterstützung der Zeitschrift «Neue Wege», der katholischen Kirche Region Bern, der Theologischen Bewegung für Solidarität und Befreiung, der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, dem reformierten Forum der Universität Bern sowie der Juso. 

Tamara Funiciello, Juso-Präsidentin | © Keystone
14. Oktober 2018 | 15:50
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