Schweiz

«Anerkennung meines Einsatzes für Menschenrechte»

Am 15. November wird die Winterthurer Regisseurin Barbara Miller, zusammen mit dem indisch-britischen Autor Salman Rushdie, mit dem diesjährigen Freidenkerpreis ausgezeichnet. Dies als Würdigung ihres Einsatzes für eine humanistische Gesellschaft. Woher ihr Engagement rührt, verrät die Filmemacherin im Interview.

Sarah Stutte

Am Freitag wird Ihnen in Zürich der Freidenkerpreis für Ihre beiden Filme «Forbidden Voices» und «#Female Pleasure» verliehen. Ihre erste Reaktion darauf?

Barbara Miller: Ich habe mich sehr darüber gefreut. Ich verstehe den Preis als Anerkennung meines Einsatzes für Menschenrechte, das steht bei meinem Schaffen im Zentrum. Ich fühle mich auch geehrt, zusammen mit Salman Rushdie ausgezeichnet zu werden – einem Autor, den ich sehr toll finde.

«#Female Pleasure» untersucht das Thema Sexualität anhand der fünf Weltreligionen und zeigt auf, dass vielerorts die Religion dafür missbraucht wird, patriarchale Strukturen zu legitimieren.

«Unsere Gesellschaft ist immer noch von diesem patriarchalen Gedanken geprägt.»

Barbara Miller

Miller: Genau. Der Film wurde in vielen europäischen Ländern von katholischer, reformierter und jetzt auch von säkularer Seite sehr gut aufgenommen. Das zeigt mir, dass übergreifend verstanden wurde, was ich mit dem Film ausdrücken wollte.

Nämlich, dass unsere Gesellschaft immer noch von diesem patriarchalen Gedanken geprägt ist und es viele verschiedene Systeme gibt, die parallel greifen und Frauen aufgrund ihres Körpers und ihrer Sexualität geringschätzen.

Filmcrew «#Female Pleasure» mit Barbara Miller (l.) und Doris Wagner (r.)

Trotz allem ist der Film religionskritisch. Versteht die Freidenker-Vereinigung Ihren Film vielleicht auch als Anti-Religionsgemeinschaften-Geschichte?

Miller: Das weiss ich nicht. Für mich ist mein Film aber nicht anti-religiös und richtet sich auch nicht gegen den Glauben, weil dieser sehr individuell ist.

Denken Sie, dass man mit einem Kirchenaustritt mehr verändern kann, als wenn man versucht, von innen an den festgelegten Strukturen zu rütteln?

Miller: Ich glaube, auch das ist eine persönliche Entscheidung. Eine meiner Protagonistinnen, Doris Wagner, ist in der katholischen Kirche geblieben, um so für eine Veränderung zu kämpfen.

«Ich habe Jura studiert, um mich für Gerechtigkeit einzusetzen.»

Barbara Miller

Weil für sie die Institution im Sinne der Liturgie ein wichtiger Teil ihres Lebens ist. Genauso verstehe ich aber die Schweizer Katholikinnen, die eine Kirche, in der sie sich nicht ernstgenommen und wertvoll fühlen, nicht länger tragen wollen und aus ihr austreten.

Auch in «Forbidden Voices» porträtieren Sie starke Frauen, die sich in ihren diktatorischen Regimes nicht das Wort verbieten lassen. Woher rührt ihr Engagement, all diesen Frauen filmisch eine Stimme zu geben?

Miller: Ich habe Jura studiert, um mich für Gerechtigkeit einzusetzen. Auch in der Schweiz mag die Gleichberechtigung in vielen Bereichen weit fortgeschritten sein, aber es ist immer noch Realität, dass wir 20 Prozent weniger verdienen, nur weil wir Frauen sind. Es ist immer noch Realität, dass Mädchen anders erzogen werden.

Farnaz Seifi in «Forbidden Voices»

Dieses Bewusstsein zu vermitteln, auch als Regisseurin, die weniger Chancen hat als ihre männlichen Kollegen, Projekte umzusetzen, ist mir wichtig. Frauen im Film eine Stimme zu geben, ist mein Beitrag dazu, dass wir in allen Bereichen als gleichwertig angesehen werden.

Sie realisieren gerade ein filmisches Pendant zu «#Female Pleasure» namens «#Male Pleasure». Welche Antworten versuchen Sie darin zu finden?

Miller: Als ich zu «#Female Pleasure» recherchiert habe, wurde mir klar, dass über männliche Sexualität, über die Ängste und Probleme der Männer, nicht geredet wird. Stereotype üben einen unglaublichen Druck auf sie aus.

«Was die Sexualität für Frauen schwierig macht, ist eng verbunden mit der Unsicherheit der Männer.»

Barbara Miller

Ältere Männer haben – nicht zuletzt durch die Religion – viele Schuldgefühle vermittelt bekommen. Was die Sexualität für Frauen schwierig macht, ist eng verbunden mit der Unsicherheit der Männer. Könnte man hier anfangen einen Diskurs zu führen, würde sich sicher sehr viel für beide verbessern. 

Die Preisübergabe in Anwesenheit der Prämierten findet am 15. November 2019 ab 18.15 Uhr in Zürich statt. Die Veranstaltung ist ausgebucht, die Verleihung wird live übertragen: www.frei-denken.ch. Am 17. November, 16.15 Uhr, Kino Stüssihof in Zürich: Filmvorführung «#Female Pleasure», danach Gespräch mit Barbara Miller.

Wie junge Filmemacher das Thema «Atheisten» aufarbeiten, zeigen die Videos «Fliegende Pferde und goldene Einhörner», «Trinken Atheisten Sperma?» und «Warum glaubst du nicht an Gott?», welche underkath.ch aufgeschaltet hat.


Filmbesprechung «#Female Pleasure»
Barbara Miller | © Adrian Baer
14. November 2019 | 12:07
Teilen Sie diesen Artikel!

Die beiden Filme

In «#Female Pleasure» (2018) werden fünf Frauen vorgestellt, die sich mit ihren individuellen Mitteln für sexuelle Aufklärung und Selbstbestimmung von Frauen einsetzen, die über gesellschaftliche und religiöse Normen und Hürden hinweg stattfinden soll. «Forbidden Voices» (2012) erzählt von drei Bloggerinnen in Kuba, Iran und China, die sich von ihren diktatorischen Regimes nicht einschüchtern lassen. Barbara Miller war in diesem Jahr Mitglied in der ökumenischen Jury des Zurich Film Festivals.