Amazonas-Bischof und ungarische Theologin erhalten am Sonntag Herbert Haag-Preis
Der legendäre Amazonas-Bischof Erwin Kräutler und Rita Perintfalvi, Theologin und Bloggerin aus Budapest, erhalten kommenden Sonntag den Herbert Haag-Preis 2026, der mit je 10’000 Franken dotiert ist. Die Preisverleihung findet in Luzern statt.
(woz) Bischof Erwin Kräutler prägte als langjähriger Präsident des Indianermissionsrates (CIMI) dessen Arbeit und war einer der führenden Bischöfe Brasiliens bei der Verteidigung des Umweltschutzes und der indigenen Völker in der Amazonasregion.
«Es sind die indigenen Völker am Xingu und in ganz Brasilien, die mir ans Herz gewachsen sind.»
Kräutler: «Es sind die indigenen Völker am Xingu und in ganz Brasilien, die mir ans Herz gewachsen sind. Einst starke Völker wurden im Laufe der vergangenen Jahrhunderte zu Restvölkern und machen heute im Verhältnis zu den 200 Millionen Brasilianern eine verschwindend kleine Minderheit aus. Sie sind nach wie vor in ihrem kulturellen, aber auch physischen Leben bedroht.»
«Option für die Armen»
Im Zusammenhang damit vertrat Erwin Kräutler von Beginn an, gemeinsam mit anderen lateinamerikanischen Bischöfen, entschlossen die «Option für die Armen», also die Auffassung, dass die Kirche die Lebensbedingungen der Ärmsten zum Ausgangs- und Zielpunkt ihres Handelns zu machen habe, schreibt die Herbert Haag-Stiftung.
Er liess sich dabei von der Überzeugung leiten, dass kirchliche Seelsorge gerade unter der randständigen indigenen Bevölkerung ohne konsequente Bekämpfung der Armut nicht glaubwürdig sein kann.
Mordanschlag nur knapp entkommen
Für diese Überzeugung ist Kräutler eingestanden – selbst unter Lebensgefahr. So wurde er 1983 ein erstes Mal von der Militärpolizei festgenommen und verprügelt. Man warf ihm vor, dass er sich mit verarmten Zuckerrohrpflanzern solidarisiert hatte. Fünf Jahre später überlebte er einen Mordanschlag nur knapp. Er wurde schwer verletzt, weil Täter und Auftraggeber des Anschlags einen Kleinlaster frontal gegen sein Auto fahren liessen.
«Wir leben nun im 21. Jahrhundert, und die Frau ist längst als dem Mann gleichberechtigt anerkannt…»
Bischof Erwin Kräutler plädierte auch für die Weihe von Frauen, indem er feststellte, diese würden am Amazonas längst die meisten Gemeinden leiten. Er machte dafür aber auch grundsätzlich geltend: «Wir leben nun im 21. Jahrhundert, und die Frau ist längst als dem Mann gleichberechtigt anerkannt … Nur ausgerechnet nicht, wenn es sich um die Priesterweihe, den Vorsitz bei der Eucharistiefeier, die Spendung der Krankensalbung und die sakramentale Lossprechung handelt …».
Theologin, Forscherin, Publizistin und Bloggerin
Rita Perintfalvi, die zweite Preisträgerin, lebt und arbeitet in Budapest als Theologin, Forscherin, Publizistin und Bloggerin, die weit über die ungarische Hauptstadt hinaus als öffentliche, meinungsbildende Person gilt. Sie gehört auch zu den Mitbegründerinnen der Basisgemeinschaft «Kreise der Freiheit». Diese kritisiert und bekämpft die rechtskonservative Politik und Ideologie des Systems Orban.
Ihr vielfältiges und konsequentes Wirken zeige sich in ihren Forschungs- und Publikationsschwerpunkten wie Rechtspopulismus, politischer bzw. religiöser Fundamentalismus, sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche oder Fragen der Geschlechtergerechtigkeit. Hinzu kommt, dass sie sich sowohl kirchen- als auch gesellschaftspolitisch engagiert.
Äusserst heftige Reaktionen in Öffentlichkeit
In einem allgemeinverständlichen Sachbuch liess Rita Perintfalvi – dies geschah erstmals in Ungarn – Missbrauchsopfer, die durch katholische Priester sexuell und spirituell missbraucht wurden, mit ihrer Leidensgeschichte öffentlich zu Worte kommen.
Es gab bis dahin weder eine psychologisch-psychiatrische noch eine theologisch-kirchliche Aufarbeitung des Themas. Deshalb waren die Reaktionen auf ihre Publikation in der Öffentlichkeit äusserst heftig. Ausserdem wurde sie von regierungsnahen und rechtskonservativen Medien vehement angegriffen. Auf gesellschaftspolitischer Ebene kritisiert die Theologin das System Orban.
*Die Preisverleihung findet statt am Sonntag, 22. März 2026, um 15.30 Uhr in der Lukaskirche, Morgartenstrasse 16, Luzern.
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