Bischof Alain de Raemy
Schweiz

Alain de Raemy ist «sehr froh» über neue Selbsthilfegruppe für Missbrauchsopfer

Alain de Raemy leitet seit zwei Jahren die Diözese Lugano als Apostolischer Administrator. Im Interview sagt der 65-Jährige Weihbischof aus der Romandie, dass mit neuem Personal die Arbeit der Kurie umstrukturiert wird und er den Dialog zum Thema Missbrauch fortsetzen will. Bei Treffen mit den Menschen spüre er viel Vertrauen.

Silvia Guggiari, catt.ch / Adaption: Barbara Ludwig

Bischof Alain de Raemy, wie geht es Ihnen?

Alain de Raemy: Mir geht es gut. Und ich habe den grossen Wunsch, alles noch besser zu machen, dank des unersetzlichen Beitrags des Klerus insbesondere, aber auch der vielen Laien, die ebenso viel Erwartung wie Vertrauen zum Ausdruck bringen. Ich bin mir jedoch bewusst, dass ich auch mehr auf die Zeiten der Stille, des Gebets und der Ruhe achten muss, um persönlich im Gleichgewicht zu bleiben. Ein müder Apostolischer Administrator hilft niemandem.

«Jeden Tag entdecke ich, wie sehr die Gestalt des Bischofs Ausdruck der Verbundenheit der gesamten Diözesangemeinschaft ist.»

Sie sind ein Bischof, der für seine breite Präsenz in der Bevölkerung geschätzt wird. Wie fühlen Sie sich aufgenommen – in den Pfarreien, die Sie besuchen, bei den Wallfahrten der Diözese oder auch in schwierigen Momenten, wie sie die Menschen diesen Sommer wegen des verheerenden Unwetters im Maggiatal erlebt haben.

De Raemy: Bei den Menschen, die ich in den Pfarreien oder bei verschiedenen Gelegenheiten antreffe, spüre ich viel Vertrauen, Zuversicht und den grossen Wunsch, gemeinsam zu gehen, um mehr von der Freude und Hoffnung des Glaubens zu erfahren. Jeden Tag entdecke ich, wie sehr die Gestalt des Bischofs, seine Anwesenheit, wirklich Ausdruck der Verbundenheit der gesamten Diözesangemeinschaft in jeder Situation ist, sei es eine Situation der Freude oder der Prüfung.

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Vor einem Monat haben sich die Kleriker des Bistums getroffen: Wie war die Zusammenkunft für Sie und die anwesenden Priester?

De Raemy: Die Versammlung war ein schönes Treffen mit viel Austausch, gegenseitiger Ermutigung und Offenheit für die heutigen Herausforderungen in der Welt und in der Kirche. Gemeinsam zu beten, und das sogar inmitten von Diskussionen und Auseinandersetzungen, aber auch einen schönen, fröhlichen und brüderlichen Abend zu geniessen, als Gäste eines Bauernhofs: Das verändert alles – so sehr, dass ich mich gerade denjenigen, die nicht dabei waren, so nahe fühlte wie noch nie … auch der Heilige Geist wirkt unsichtbar in der Stille.

Die Synode, die Netzwerke, die Seelsorge im Gesundheitswesen, die Ämter, es gibt so viele Baustellen in der Diözese…

De Raemy: Das sind alles offene Baustellen, um die ich mich mit mehr Kontinuität kümmern wollte, auch dank der Ernennung eines Delegierten für die Pastoral. Damit nichts vernachlässigt wird, damit jeder Vorschlag, der dem Apostolischen Administrator unterbreitet wird, aufgenommen, ernst genommen und begleitet wird, damit alle mit ihren Träumen von Anpassung, Erneuerung und grösserer Treue zum Evangelium vorankommen können.

«Mit Don Massimo Gaia haben wir einen neuen Kommunikationskanal entwickelt.»

Sie beziehen sich auf Don Massimo Gaia, der zum Bischöflichen Beauftragten für die Seelsorge ernannt wurde. Was genau ist seine Aufgabe?

De Raemy: Wie bereits erwähnt, ersetzt er niemanden, sondern er soll Hilfe leisten in allen pastoralen Realitäten, indem er die Kommunikation mit dem Apostolischen Administrator und zwischen allen fördert. Gemeinsam mit Don Massimo haben wir einen neuen Kommunikationskanal entwickelt: einen diözesanen Newsletter, der monatlich erscheint und sich zunächst an die Priester und Diakone richtet. Eine Erinnerung für diejenigen, die in der Diözese Verpflichtungen haben, und eine Möglichkeit für eine bessere und konstantere Kommunikation und Koordination.

In der Verwaltung der Kurie hat es personelle Veränderungen gegeben.

De Raemy: Für die Finanzverwaltung haben wir einen neuen Ökonom – in einem Pensum von 30 Prozent – mit einem bedeutenden internationalen und lokalen Geschäftsprofil eingestellt. Unterstützt wird er von einer neuen stellvertretenden Ökonomin in einem 100 Prozent-Pensum, die grosse Erfahrung in Verwaltung und Personalmanagement hat. Mit ihnen führen wir auch eine umfassende schrittweise Umstrukturierung der Arbeit in der Kurie durch.

Das Ehepaar Agustoni wird in Kürze von seiner Mission auf Haiti zurückkehren. Wie sieht die Zukunft dieses Projekts der Diözese aus?

De Raemy: Die Lage auf Haiti ist dramatisch. Wir wollen unser Projekt zur Unterstützung der Schulen im Bistum Anse-à-Veau und Miragoâne nicht aufgeben. Wir überlegen, wie wir in der aktuellen Situation helfen und präsent sein können.

«Die Selbsthilfegruppe wird für alle Opfer von unschätzbarem Wert sein.»

Am kommenden Donnerstag findet eine Pressekonferenz statt, auf der die neue Selbsthilfegruppe für Missbrauchsopfer vorgestellt wird. Ein weiterer Schritt, um auf diese ernste Dringlichkeit zu reagieren. Was haben Sie dazu zu sagen, gerade zu einem so heiklen Zeitpunkt?

De Raemy: Ich bin sehr froh, dass diese unabhängige und kompetente Gruppe ins Leben gerufen wurde. Sie wird für alle Opfer von unschätzbarem Wert sein, insbesondere für diejenigen, die sich bisher nicht vertraulich äussern konnten und nicht wissen, was sie tun sollen und wie sie es tun sollen. Ihnen stehen nicht nur fachkundige Personen zur Verfügung, sondern auch die Hilfe und das tiefere Verständnis derjenigen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Planen Sie, in den Vikariaten weitere Treffen zum Thema Missbrauch oder andere Sensibilisierungsinitiativen durchzuführen?

De Raemy: Ja. Sobald es die Umstände zulassen, insbesondere nach den jüngsten Ereignissen, die wir alle kennen, möchte ich in die Vikariate zurückkehren, um den Dialog fortzusetzen, der nach der Veröffentlichung des ersten von den Schweizer Bischöfen angeforderten Berichts an der Universität Zürich begonnen hat. Vergessen wir auch nicht, dass im September der neue Präventionskurs in Zusammenarbeit mit der Kinderschutz-Stiftung Aspi begonnen hat, an dem alle Priester und Diakone der Diözese teilnehmen.

Können Sie uns etwas über Ihre Zukunft und damit über die des Bistums Lugano sagen?

De Raemy: Das Einzige, was ich weiss, ist, dass ich der Tessiner Diözese so lange dienen möchte, wie es der Heilige Vater wünscht. Alles andere liegt nicht in meiner Hand.


Bischof Alain de Raemy | © catt.ch
8. Oktober 2024 | 09:00
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