Gebet und Besinnung

Fresko mit einer Darstellung der Heiligen Victor und Corona in der Wallfahrtskirche der Heiligen Vittore und Corona im italienischen Feltre.
Drei spirituelle Impulse von Jacueline Keune

Hoher Donnerstag, Karfreitag und Ostersonntag. Drei Meditationen zu diesen bedeutenden Feiertagen der Kirche. Die Theologin und Autorin Jacqueline Keune lädt mit ihren Texten zur Betrachtung.

Abendmahlslehre

Sich erinnern
als würde man
danken

Feste feiern
als ginge es
um Befreiung

Dienen
als käme es
einer Ehre gleich

Worte sagen
als wären es
die letzten

Brot teilen
als hätte es
auf ewig

Abschied nehmen
als gäbe es
ein Wiederseh‘n

Karfreitage

Er zitterte
Er hatte Angst
Er hatte Todesangst
Er stöhnte, er stammelte, er schrie
– Schreie wie Fäuste
die sich im Geäst der Dornen verfingen –
und kein Gott nirgends

Und dann hing er da
gekrönt
gepfählt
im Blühen von Judäa
entrindet bis auf die Haut
mit ausgespanntem Leib
und rosa Wolkensäumen
vor den brechenden Augen

Einige lachten
Und nebenan Würfel
die fielen

Und nebenan Väter
die fallen und verstaubte Kinder
die in Ruinen versteinern
und bebende Mädchen
die mit bärtigen Riesen vermählt werden
und Vertriebene auf uferlosen Wassern
die zittern
die Angst haben
die Todesangst haben
die stöhnen, die stammeln, die schreien
– Schreie wie Fäuste
die in der Nacht der Gleichgültigkeit verhallen –
und kein Mensch nirgends

Fortzuschreiben

Da ist nicht einzig Stillstand
da ist auch Herzschlag
Da ist nicht einzig Atemnot
da ist auch Sauerstoff
Und da sind nicht einzig Mauern
sondern auch Wege

Da ist nicht bloss Unrecht
da ist auch Widerstand
Da ist nicht bloss ein Abweisen
da ist auch ein Aufnehmen
Und da ist nicht bloss ein Fallen
sondern auch ein Bergen

Da ist nicht allein das Herbstblatt
da ist auch der Blütenzweig
Da ist nicht allein Vergessen
da ist auch Erinnern
Und da ist nicht allein eine Erde
sondern auch ein Himmel

Nein, da ist nicht nur Augenschein
da ist auch Sehnsucht
Da ist nicht nur Vorübergang
da ist auch Ewigkeit
Und da ist nicht nur Totenstille
sondern auch Osterjubel!

(Die Autorin Jacqueline Keune ist freischaffende Theologin)

Corona-Litanei

Abgesagt
Haydn, Mozart und Schubert
dirigiert von Marek Janowski
Nicht abgesagt
das Cello im 3. Stock
das Lied der Amsel

Abgesagt
die Lesung des Literaten
Nicht abgesagt
das Lesen
des abendlichen Gedichts
die Geschichte für die Kinder

Abgesagt
die Tagung zum 40. Jahrestag
der Ermordung von Bischof Oscar Romero
Nicht abgesagt
die Erinnerung
der Widerstand

Abgesagt
der Traum von den Malediven
Nicht abgesagt
das Träumen von
der neuen Erde
dem neuen Himmel

Abgesagt
der Gottesdienst
Nicht abgesagt
das Flüstern
mit Gott

Abgesagt
der Blumenstrauss
auf dem Küchentisch
Nicht abgesagt
das Blühen und Bersten
das Keimen und Knospen

Abgesagt
die Hochzeit
Nicht abgesagt
die Liebe

Abgesagt
die Abdankung
Nicht abgesagt
die Auferstehung

(Die Autorin Jacqueline Keune ist freischaffende Theologin)

Wenn es immer anders kommt

«Ob es so oder so oder anders kommt
Es kommt sowieso nie so
Wie man es gerne möcht’.»

An dieses Lied muss ich in diesen Tagen des Corona-Virus oft denken. Es weckt in mir schöne Erinnerungen. Als ich in den 1970er-Jahren Pressechef eines Kinderhilfswerks war, liess ich es für eine «Sponsoring»-Platte aufnehmen, die wir produzierten. Gesungen wurde es von der Lagerbetreuerin Geli, die damals mit mir befreundet war.

Obwohl ich vom Lied begeistert bin: Ich habe in meinem Leben Mühe, wenn etwas «anders kommt» als ich erwarte. Ja, ich möchte immer recht genau wissen, wie es weitergeht. In den Ferien beispielsweise werde ich nervös, wenn wir uns beim Nachtessen nicht einigen können, ob wir am andern Tag wandern, ins Museum oder an den Strand gehen sollen.

Nun aber, in diesen krisenhaften Zeiten, weiss man oft nicht, wie es in einem halben Tag oder sogar in einer Stunde weitergeht. Was ist erlaubt? Was nicht? Vielleicht sollte ich jetzt nicht nur an den Refrain denken: daran, dass es nie so kommt, wie man es möchte; sondern auch an die Fortsetzung des Textes:

«Das Leben ist doch wunderbar
Was immer auch geschieht.»

Konkret: Statt depressiv zu werden ob der Unmöglichkeit, meine sicher gescheiten Pläne umzusetzen, könnte ich bewusst – nicht nur wegen den äusseren Zwängen – etwas «Wunderbares» tun: Aus der Beige ungelesener Krimis und anderer Romane einen besonders attraktiven herausholen. Oder endlich wieder zurückkehren zu meinem Vorsatz, jeden Tag eine Viertelstunde Niederländisch zu lernen.

Und dann geniessen, was ich tue. Nach dem Motto des Liedes, das Geli vor langer Zeit mit ihrer glockenhellen Stimme sang:

«So wie es kommt
So ist es recht.»

(Der Autor Walter Ludin ist Kapuziner, freischaffender Journalist und Buchautor)

Besondere Fürbitte am Karfreitag 2020

Lasst uns auch beten für alle Menschen, die in diesen Wochen schwer erkrankt sind;
für alle, die in Angst leben und füreinander Sorge tragen;
für alle, die sich in Medizin und in Pflege um kranke Menschen kümmern;
für die Forschenden, die nach Schutz und Heilmitteln suchen,
und für alle, die Entscheidungen treffen müssen und im Einsatz sind für die Gesellschaft,
aber auch für die vielen, die der Tod aus dem Leben gerissen hat.

Allmächtiger, ewiger Gott,
du bist uns Zuflucht und Stärke;
viele Generationen haben dich als mächtig erfahren, als Helfer in allen Nöten.
Steh allen bei, die von dieser Krise betroffen sind,
und stärke in uns den Glauben, dass du alle Menschen in deinen guten Händen hältst.
Die Verstorbenen aber nimm auf in dein Reich, wo sie bei dir geborgen sind.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

(Liturgisches Institut der deutschsprachigen Schweiz)

Zu-Grunde gehen als Hoffnungskraft

Unser gemeinsames Wohnen im Schöpfungshaus
ist zerbrechlich und frag-würdig geworden
wir sind auf uns selbst zurückgeworfen
schonungslos konfrontiert mit der Härte des Lebens

In der Achterbahn der Gefühle
wechseln sich Angst und Vertrauen ab
dunkle Gedanken wollen uns isolieren
in der Panik vor dem Zugrunde gehen

Der erfahrene Wegbegleiter aus Nazareth
bestärkt uns in seiner Trotzdem-Hoffnung
unserem Dasein endlich auf den Grund zu gehen
weil die Würde allen Lebens uns verbindet

Verletzlich und aufgehoben im goldenen Lebenskreis
buchstabieren wir das Leben neu
bleiben nicht fixiert auf unsere Einschränkungen
sondern ent-wickeln eine beherzte Solidarität

Grund-legend in unserem Zusammensein
ist eine neue Wirtschaftsordnung
die Menschen nicht in die Flucht treibt
die Ökologie und Ökonomie nicht mehr trennt

Äusserlich wird unser Zusammensein heruntergefahren
innerlich kann es durch unseren Bewusstseinswandel
eine längst not-wendende Lebensqualität fördern
in der Dankbarkeit und Mitgefühl wachsen können

Manchmal feiern wir ganz unerwartet
sogar mitten in der Krise ein Fest der Auferstehung
Ängste und Verlorenheit werden aufgeweicht
und ein Vertrauen in die Liebe ist da

(Pierre Stutz ist Theologe und Autor)

Gebet zum Kerzenritual

Gott, unser Leben und Licht,

viele Menschen haben heute Abend eine Kerze entzündet. Es ist ein Zeichen: dein Licht leuchtet in unsere Nacht. Seit Menschengedenken ist das so – auch in dieser Stunde. Wir danken dir/Ich danke dir.
Stehe allen bei, deren Leben in Gefahr ist. Schütze alle, die im Gesundheitswesen arbeiten. Stärke alle, die in der Corona-Pandemie Verantwortung übernehmen und schwierige Entscheidungen treffen müssen.

Gott bei den Menschen,

wir teilen/ich teile das Licht mit allen, die eine Kerze ins Fenster stellen. Es ist ein Zeichen: in dir sind wir verbunden mit Christinnen und Christen und mit vielen anderen Menschen – eine weltumspannende Gemeinschaft. Wir danken/Ich danke dir.
Sei allen nahe, die isoliert und einsam sind. Schenke Gelassenheit und Geduld, wo in Beziehungen und Familien die ständige Nähe zur Belastung wird. Stärke unsere Solidarität.

Gott unsere Hoffnung,

wir kommen/ich komme zu dir mit Gedanken, Sorgen, Gebeten. Die Kerze ist ein Zeichen: du bist da, hier, jetzt – wie auch immer es weitergeht in dieser schwierigen Lage. Wir danken dir/ich danke dir.
Schütze uns. Sei den Sterbenden nah. Führe die Verstorbenen zu deinem wärmenden Licht.

Die Schweizer Bischofskonferenz und die evangelisch-reformierte Kirche Schweiz laden jeden Donnerstag sowie an Ostern zu einem gemeinsamen Gebet ein, bei dem eine Kerze ins Fenster gestellt werden kann.

Exsultet – das feierliche Osterlob

Frohlocket, ihr Chöre der Engel,
frohlocket, ihr himmlischen Scharen,
lasset die Posaune erschallen,
preiset den Sieger, den erhabenen König!

Lobsinge, du Erde, überstrahlt vom Glanz aus der Höhe!
Licht des grossen Königs umleuchte dich.
Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel.

Auch du freue dich, Mutter Kirche,
umkleidet von Licht und herrlichem Glanze!
Töne wider, heilige Halle,
töne von des Volkes mächtigem Jubel.

V. Der Herr sei mit euch.
A. Und mit deinem Geiste.
V. Erhebet die Herzen.
A. Wir haben sie beim Herrn.
V. Lasset uns danken dem Herrn, unserm Gott.
A. Das ist würdig und recht.

In Wahrheit ist es würdig und recht,
den verborgenen Gott, den allmächtigen Vater,
mit aller Glut des Herzens zu rühmen
und seinen eingeborenen Sohn,
unsern Herrn Jesus Christus,
mit jubelnder Stimme zu preisen.

Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt
und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem Blut, das er aus Liebe vergossen hat.

Gekommen ist das heilige Osterfest,
an dem das wahre Lamm geschlachtet ward,
dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt
und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben.

Dies ist die Nacht,
die unsere Väter, die Söhne Israels,
aus Ägypten befreit
und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat.

Dies ist die Nacht,
in der die leuchtende Säule
das Dunkel der Sünde vertrieben hat.

Dies ist die Nacht,
die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben,
scheidet von den Lastern der Welt,
dem Elend der Sünde entreisst,
ins Reich der Gnade heimführt
und einfügt in die heilige Kirche.

Dies ist die selige Nacht,
in der Christus die Ketten des Todes zerbrach
und aus der Tiefe als Sieger emporstieg.

O unfassbare Liebe des Vaters:
Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin!

O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam,
du wurdest uns zum Segen,
da Christi Tod dich vernichtet hat.

O glückliche Schuld,
welch grossen Erlöser hast du gefunden!

Der Glanz dieser heiligen Nacht
nimmt den Frevel hinweg,
reinigt von Schuld,
gibt den Sündern die Unschuld,
den Trauernden Freude.

O wahrhaft selige Nacht,
die Himmel und Erde versöhnt,
die Gott und Menschen verbindet!

In dieser gesegneten Nacht, heiliger Vater,
nimm an das Abendopfer unseres Lobes,
nimm diese Kerze entgegen als unsere festliche Gabe!
Aus dem köstlichen Wachs der Bienen bereitet,
wird sie dir dargebracht von deiner heiligen Kirche
durch die Hand ihrer Diener.

Darum bitten wir dich, o Herr:
Geweiht zum Ruhm deines Namens,
leuchte die Kerze fort,
um in dieser Nacht das Dunkel zu vertreiben.
Nimm sie an als lieblich duftendes Opfer,
vermähle ihr Licht mit den Lichtern am Himmel.

Sie leuchte, bis der Morgenstern erscheint,
jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht:
dein Sohn, unser Herr Jesus Christus,
der von den Toten erstand,
der den Menschen erstrahlt im österlichen Licht;
der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit.
Amen.