Rifa'at Lenzin ist Präsidentin der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz (Iras).
Schweiz

Muslimische Seelsorge Zürich zeigt sich dankbar für christliche Unterstützung

Im Kanton Zürich wächst die Zahl der Muslime – doch öffentlich-rechtlich anerkannt ist ihre Glaubensgemeinschaft nicht. Am 18. November 2025 stimmte die Reformierte Kirche Zürich darüber ab, dass nicht anerkannte Glaubensgemeinschaften mit sechs Millionen Franken unterstützt werden sollen. Der mit Abstand grösste Anteil ging an die muslimische Seelsorge. In ihrem jüngsten Jahresbericht 2025 zeigt sich diese nun sehr dankbar über die gewährte Finanzspritze.

Wolfgang Holz

Dass Zürcher Kirchen muslimische Seelsorge mitfinanzieren sollen – das war ein Vorschlag, der im vergangenen Jahr polarisierte. Im Kantonsrat sowie in Kommentar- und Meinungsspalten führte diese Frage zu hitzigen Debatten, die sich an der wachsenden muslimischen Gemeinschaft rieben. Gleichzeitig verhandelten die traditionellen Landeskirchen und die muslimische Gemeinschaft die Grenzen ihrer Institutionen neu. Ein Musterbeispiel interreligiöser Zusammenarbeit.

Seit 2017 Pionierprojekt

Die muslimische Seelsorge im Kanton Zürich ist ein Pionierprojekt, das 2017 vom Kanton und der VIOZ (Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich) gegründet wurde, wobei die Landeskirchen (darunter die katholische Kirche) das Angebot von Beginn an mitfinanzierten und unterstützten. Der Verein «Qualitätssicherung der Muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen» (QuaMS) leitet und koordiniert das Angebot.

Die Einsatzbereiche sind Spitäler, Alters- und Pflegeheime, Asylzentren sowie Notfälle in Zusammenarbeit mit Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten. Das Seelsorgeangebot ist rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr erreichbar. Angehende Seelsorger absolvieren spezielle Lehrgänge, die unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) an der Universität Freiburg durchgeführt werden.

«Kein einfaches Jahr»

In ihrem jüngst veröffentlichten Jahresbericht 2025 gesteht die Muslimische Seelsorge Zürich (QuaMS) ein, dass das vergangene Jahr «kein einfaches Jahr war, als die Finanzierung unserer Dienstleistungen mit Ausnahme der Asylseelsorge per Ende dieses Jahres auslief».  Die Planung für das laufende Jahr 2026 habe sich demzufolge schwierig gestaltet, wie Rifa’at Lenzin, Präsidentin des Trägervereins, in ihrem Grusswort bemerkte.

«Ohne diese Unterstützung wären die positiven Entwicklungen der vergangenen Jahre nicht möglich gewesen.»

«Aufatmen konnten wir erst, als sowohl die römisch-katholische als auch die evangelisch-reformierte Synode am 6. respektive am 18. November mit grosser Mehrheit der vorgesehenen Weitergabe von Staatsgeldern an QuaMS und VIOZ zustimmten», zeigte sich Lenzin erleichtert und dankbar. Mit dieser Zustimmung habe die stetige und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der reformierten und der römisch-katholischen Kirche im Kanton Zürich einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die erfolgreiche, kontinuierliche interreligiöse Zusammenarbeit und das gemeinsame Engagement im Bereich der Seelsorge in Kooperation mit öffentlichen Institutionen komme auch in der Evaluation des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG) zum Ausdruck.

Kein Kreuz am Kragen: der muslimische Armeeseelsorger Muris Begovic (Mitte) und sein jüdischer Kollege Jonathan Schoppig (rechts).
Kein Kreuz am Kragen: der muslimische Armeeseelsorger Muris Begovic (Mitte) und sein jüdischer Kollege Jonathan Schoppig (rechts).

«Deshalb gilt unser herzlicher Dank unseren Partnerinnen für ihre Unterstützung – sowohl ideell als auch finanziell», so Rifa ‘at Lenzin. «Ohne diese Unterstützung wären die positiven Entwicklungen der vergangenen Jahre nicht möglich gewesen. Ebenso danken wir dem Kanton Zürich, insbesondere der Direktion der Justiz und des Innern unter der Leitung von Regierungsrätin Jacqueline Fehr für die verlässliche Zusammenarbeit und die Unterstützung.»

Klinik- und Spitalseelsorge wichtiges Angebot

Ein wichtiges Angebot der Muslimischen Seelsorge Zürich ist die Klinik- und Spitalseelsorge. Diese hat der Verein im letzten Jahr ausgewertet im Hinblick in puncto seelsorgerliche Indikationen.

Mit 39 Prozent bilden Sinn- und Schicksalsfragen den weitaus häufigsten Grund für eine seelsorgliche Begleitung. Dicht darauf folgt die Auseinandersetzung mit Ungewissheit und Glaube (25 Prozent). Gemeinsam machen diese zutiefst persönlichen Suchbewegungen nach Halt und Orientierung fast zwei Drittel aller seelsorglichen Begegnungen aus.

«Die Zahlen beweisen, dass die muslimische Spitalseelsorge genau dort ansetzt, wo die rein medizinische Versorgung an ihre Grenzen stösst.»

Zudem zeige sich, so die Auswertung, dass das Spitalumfeld emotionale Ausnahmezustände wie Rückzug und Einsamkeit (18 Prozent) sowie Trauer und Verzweiflung (9 Prozent) hervorbringe. Komplettiert wird das Bild durch komplexe persönliche und ethische Herausforderungen wie Identitätskonflikte (6 Prozent), Scham- und Schuldgefühle (2 Prozent) sowie ethische Konflikte am Lebensende (1 Prozent).

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Diese Verteilung der Indikationen belege messbar, was die Stimmen aus der Praxis bereits spürbar machen, laut der Muslimischen Seelsorge Zürich: «Hinter jeder medizinischen Diagnose steht ein Mensch in seiner ganzen Verletzlichkeit. Die Zahlen beweisen, dass die muslimische Spitalseelsorge genau dort ansetzt, wo die rein medizinische Versorgung an ihre Grenzen stösst, und somit einen unverzichtbaren Beitrag zur ganzheitlichen Heilung und Begleitung leistet.»


Rifa'at Lenzin ist Präsidentin der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz (Iras). | © Barbara Ludwig
1. August 2026 | 12:00
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