«Menschen aus beiden Pfarreien beten füreinander» – so sind Zuger und Bolivianer seit 30 Jahren miteinander verbunden
Es sind unterschiedliche Welten – die Pfarrei Bruder Klaus am Zugersee und die Pfarrei Sagrada Familia de Belen in El Alto, der zweitgrössten Stadt Boliviens auf rund 4000 Metern überm Meer. Seit 30 Jahren stehen sie im Austausch, wobei Bruder Klaus Geburtshilfe leistete. Betreut wird die Partnerschaft von der Weltgruppe Oberwil.
Barbara Ludwig
Ursula Pfulg (83) wohnt in Oberwil ZG. Die Katholikin gehört zur Pfarrei Bruder Klaus und engagiert sich seit über 30 Jahren in der Weltgruppe Oberwil. Das ist eine Gruppierung der Pfarrei, die sich die Solidarität mit Menschen in Entwicklungsländern auf die Fahnen geschrieben hat. «Wir wollen aber auch darüber nachdenken, warum wir hier im Wohlstand leben, während anderswo Armut herrscht. Welche Verantwortung tragen wir? Und wie können dazu beitragen, dass die Welt etwas besser wird?», sagt Pfulg am Telefon.
Vor einem halben Jahr hat sie die Leitung der Gruppe abgegeben. Noch immer ist die Seniorin jedoch Ansprechperson für El Alto. El Alto, mit rund 900’000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt Boliviens, steht für das wichtigste Projekt der Weltgruppe Oberwil: die Partnerschaft zwischen der hiesigen Pfarrei Bruder Klaus und der Pfarrei Sagrada Familia de Belem in El Alto, die vor 30 Jahren begründet wurde.
«Nicht das Nicknegerli, das Dankeschön sagen muss»
Alles begann im November 1995 an einem Bildungstag der Weltgruppe Oberwil in Immensee mit José Amrein, dem Bildungsreferenten der Bethlehem Mission Immensee (BMI). «Da wurde uns die Idee der Partnerschaft vorgestellt», erzählt Ursula Pfulg. Zuvor habe die Gruppierung jeweils Pfarreiprojekte unterstützt, die in der Form vorübergehender Patenschaften funktionierten und nicht auf Dauer angelegt waren.
Das war ein neues Konzept von Entwicklungszusammenarbeit. «Eine Partnerschaft besteht aus einem Geben und Nehmen. Man lernt voneinander. Da ist nicht das «Nicknegerli», das Dankeschön sagen muss», erklärt Pfulg. «Nicknegerli» nannte man in der Schweiz eine Sparbüchse für Spenden mit einer Figur mit dunkler Hautfarbe, deren Kopf bei dem Einwurf einer Münze wackelte.
Hilfe beim Aufbau einer Gemeinde
1996 entschied sich die Weltgruppe für El Alto und nahm Kontakt auf mit zwei Schweizer Ehepaaren, die im Auftrag der BMI in der bolivianischen Stadt ein neues Projekt zum Aufbau einer christlichen Gemeinde starteten. Noch im selben Jahr begann die Partnerschaft der Pfarrei Bruder Klaus mit El Alto.
Im Laufe der Zeit entstanden durch Fronarbeit von Gläubigen in El Alto, mit finanzieller Unterstützung aus Oberwil und dank persönlichem Engagement von Personen der Weltgruppe ein Gemeinschaftssaal, eine Bibliothek, Handarbeitsräume und schliesslich ein Kirchenbau, der 2003 geweiht wurde. Ursula Pfulg packte auch vor Ort mit an. 2002 war sie für mehrere Monate in El Alto und beteiligte sich mit Schaufel und Pickel an Aushubarbeiten auf dem Grundstück, auf dem bald darauf die Kirche errichtet wurde.
«Eine andere Welt hat sich mir dort eröffnet.»
Sie kam dabei in engen Kontakt mit den Menschen, lebte und feierte mit ihnen zusammen. «Eine andere Welt hat sich mir dort eröffnet», berichtet die engagierte Seniorin. «Ich habe gespürt, wie die Menschen dort trotz ihrer Armut dankbar sind. Ich habe ihre Kultur kennengelernt, ihre Feste und Tänze.» Sie habe ihre fröhliche Seite kennengelernt, aber auch die Not und das Elend gesehen.
Die Menschen lebten in einfachen Backsteinhäuschen, die Strassen waren holperig. Damals lag die Pfarrei noch am Rand von El Alto, das ursprünglich ein Ortsteil von La Paz war. Heute hingegen mitten in der rasant gewachsenen Stadt, so Pfulg.
Gegenseitige Besuche
Die Oberwilerin ist überzeugt, dass die Menschen in der Schweiz von den Menschen in El Alto lernen können. Zum Beispiel, dass man auch mit wenig materiellen Gütern fröhlich und zufrieden sein könne. Und: «Trotz Armut bewahren sie den Glauben und das Vertrauen in Gott.» Dies spüre sie immer wieder beim Austausch, sei er nun physisch oder schriftlich.
Ursula Pfulg besuchte El Alto vier Mal. Auch andere Oberwilerinnen und Oberwiler reisten nach Bolivien. Mehrmals weilten auch Menschen aus der Pfarrei Sagrada Familia de Belem in Oberwil, nahmen an Festen teil, spielten Musik oder führten ihre Tänze auf. 2001 besuchte der damalige Bischof von El Alto die Pfarrei Bruder Klaus.
Verkauf von Fingerpuppen in der Schweiz
Eine besondere Aktion und Teil der Partnerschaft war der Handel mit Fingerpuppen, die von einer Frauengruppe in El Alto gestrickt wurden. Ursula Pfulg hat sie während 25 Jahren in der Schweiz vertrieben, vor allem über die Claro-Läden. «Das war ein richtiger Handel. Die Frauen haben gearbeitet, und wir haben sie bezahlt dafür.»
Im Frühling sei dieser Austausch leider zu Ende gegangen, weil die Strickerinnen älter geworden seien und ihre Sehkraft nachgelassen habe, berichtet Pfulg. Nachfolgerinnen hätten sie keine gefunden.
Die Partnerschaft sieht die Oberwilerin nicht als «Einbahnstrasse», auf der nur Geld und Ressourcen aus der Schweiz nach Bolivien fliessen. Genau das wolle man nicht, sagt sie. Es sei tatsächlich ein Geben und Nehmen. «Menschen aus beiden Pfarreien denken aneinander, schreiben einander, beten füreinander.» Das alles hat nichts mit Geld zu tun.
Seit 1998 finden im Advent zeitgleich Lichterfeiern in Oberwil und in El Alto statt. «Lichterbrücke» nennt sich die Feier, bei der jede und jeder eine brennende Kerze aufstellen darf. Bei dieser Feier wird jeweils in der Pfarrkirche von Oberwil eine «Cholita» aufgestellt. Die Figur stellt eine bolivianische Indigene dar, die mehrere Röcke, ein Schultertuch und einen Hut trägt.
Dank der gegenseitigen Besuche haben man sich auch kennengelernt, sagt Ursula Pfulg. Dies sei wichtig, weil die Menschen dadurch ein Gesicht bekommen haben. «Wenn ich von Isidoro erzähle, wissen die Oberwiler Pfarreiangehörigen, von wem ich rede.» Isidoro ist ständiger Diakon der Pfarrei Sagrada Familia de Belem und heute für den Kontakt mit Oberwil zuständig.
Sorge um Nachwuchs für die Weltgruppe
Ende 2010 endete der Einsatz der BMI in El Alto. Seither steht die Partnerschaft zwischen den Pfarreien auf eigenen Füssen. Dieses Jahr feierte man das 30-Jahr-Jubiläum der Partnerschaft – sowohl in El Alto als auch in Oberwil.
In der Weltgruppe Oberwil engagieren sich mittlerweile nur noch sechs Personen inklusive Vertretung der Pfarrei – alles Frauen. «Leider ist die Gruppe immer kleiner geworden,» sagt Pfulg.
Die meisten sind zudem im Pensionsalter. Im Gespräch wird spürbar, dass ihr das etwas Sorge bereitet. Man sei auf der Suche nach Nachwuchs, habe aber noch niemanden gefunden, sagt Pfulg. Es sei heute eben schwierig, Personen für die Freiwilligenarbeit zu gewinnen – «das übliche Problem», mit dem alle Vereine und Organisationen zu kämpfen hätten, bedauert sie.
Serie über diakonische Projekte von Pfarreien
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie über diakonische Projekte von Schweizer Pfarreien im Ausland. Bereits erschienen sind folgende Artikel:
«Kartoffelprojekt der Pfarrei Baar in Madagaskar trägt zur Ernährungssicherheit von Bauern bei» (17. Juli 2026)
«Pfarreiangehörige aus Diepoldsau schenkt Kindern in Südafrika Hoffnung» (22. Juli 2026)
«Wie aus einer Südafrikareise ein Hilfswerk der Pfarrei Diepoldsau-Schmitter entstand» (23. Juli 2026)
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