Der 16-jährige Valentin überlebte mit schwersten Brandverletzungen die Feuerkatastrophe von Crans-Montana.
Schweiz

Angesicht des Leids und des Schreckens

Vor über einem halben Jahr erschütterte die Brandkatastrophe in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana die Welt: In der Silvesternacht kamen 41 Menschen ums Leben, 115 wurden teils schwer verletzt – die meisten Opfer waren Jugendliche. Nun ist jüngst die ARD-Dokumentation «Crans-Montana – Leben nach dem Feuer» erschienen, die zwei Brüder begleitet, die das Inferno überlebten.

Wolfgang Holz

Um es vorwegzunehmen: An neuen Fakten über mögliche Schuld und Schuldige in jener furchtbaren Nacht in den Walliser Alpen, als eine Champagnerflasche mit Sprühfontänen Schaumstoff an der Decke in der Kellerbar «Le Constellation» in Brand setzte – wie auf Handyvideos eindeutig zu sehen ist – und damit ein Inferno auslöste, liefert die neue TV-Doku nicht.

Dafür präsentiert die Fernsehdokumentation beklemmende Bilder und Gefühle von Menschen, deren Leben durch den Brand in Mitleidenschaft gezogen wurde. Menschen, die sich am Rande des Todes befanden. Und deren Brandverletzungen sie ein ganzes Leben lang prägen und zeichnen.

Valentin und Ferdinand

Konkret begleitet die 45-minütige «Weltspiegel-Doku» Valentin und Ferdinand. Die beiden Brüder überleben die Silvesterparty in der Bar «Le Constellation». Valentin (16) erleidet schwerste Verbrennungen und liegt wochenlang im künstlichen Koma in einem Spital in Lyon. 40 Prozent seiner Haut sind verbrannt. Sein Gehör ist beeinträchtigt, ebenso seine Stimme.

Bild nach dem furchtbaren Brand in der Bar in Crans-Montana
Bild nach dem furchtbaren Brand in der Bar in Crans-Montana

Auch vier Monate nach der Katastrophe ist an einen vollständigen Tag in der Schule noch nicht zu denken, wie in der Doku zu sehen ist. Er freut sich trotzdem, wieder mit seinen Schulkameraden zusammen sein zu können. Er kämpft sich zurück ins Leben. Sein Bruder Ferdinand (19) kann sich am Silvesterabend fast unverletzt retten – kehrt aber mehrfach in die Flammen zurück, sucht nach Valentin und hilft anderen Überlebenden.

«Ich dachte, jemand würde kommen und das Feuer ausmachen.»

«Ich bin nur froh, dass ich da bin», berichtet Valentin. Mit Freunden war der 16-Jährige erstmals ohne Eltern auf Urlaub. An Silvester wollten sie eigentlich gar nicht mehr ausgehen, doch am Ende feierten sie doch in der Unglücksbar. Als sich das Feuer infolge einer Sprühfontäne aus einer Champagnerflasche an der Decke entzündete, schwante Valentin noch nichts Böses. «Ich dachte, jemand würde kommen und es ausmachen. Aber nichts.» Auch einen Feueralarm habe es nicht gegeben, stattdessen sei die Musik einfach weitergelaufen.

Innerhalb von Sekunden wurde aus dem kleinen Feuer ein sogenannter Flashover, und das Feuer griff rasant um sich. «Es wurde heiss, es war ein Berg von Menschen vor dem Ausgang», erinnert sich Valentin in dem ARD-Film.

«Ich habe einfach die Augen zugemacht und den Kopf reingedrückt. Ich habe wirklich gedacht, ich sterbe.»

Sein Bruder Ferdinand beschreibt es folgendermassen: «Ich habe einfach die Augen zugemacht und den Kopf reingedrückt. Ich habe wirklich gedacht, ich sterbe.» Ferdinand schaffte es relativ schnell nach draussen. Doch sein Bruder war zunächst nicht aufzufinden, weshalb er zurück in die Feuerbrunst ging – und zahlreichen Jugendlichen einen Ausweg ermöglichte. Am Ende sind 41 Tote und 115 meist Schwerverletzte zu beklagen, vor allem Jugendliche.

Eltern fahren in der Nacht noch ins Wallis

Auch die jähe Angst und der Schrecken der Eltern wird in dem Film beschrieben – die sich in derselben Nacht noch ins Auto setzen und 850 Kilometer von Paris Richtung Wallis fahren, um ihren Sohn Valentin schliesslich auf der Intensivstation in Sion wiederzufinden.

Valentin bei der Physio - um die Elastizität der transplantierten Haut an seinen Händen zu trainieren.
Valentin bei der Physio - um die Elastizität der transplantierten Haut an seinen Händen zu trainieren.

«Valentin hat eine solche Stärke, da kann man nur den Hut ziehen», meint seine Mutter Wochen später. Sie sei aber auch desillusioniert. «Es ist jeden Tag schwer, seine Kinder so zu sehen», sagt sie über den langen Weg, der Valentin zur körperlichen Genesung noch bevorsteht. Vollständig geheilt werde er erst in zwei Jahren sein, schätzt seine behandelnde Hautärztin.

Mahnmal des Infernos

Das Schrecklichste und gleichzeitig Bewegendste an diesem Film, obwohl es furchtbar anzusehen ist, sind die Brandverletzungen von Valentin. Das Gesicht, das noch rot ist, ist von Brandnarben übersät. Wobei er immer wieder eine Gesichtsmaske tragen musste und muss, damit die transplantierte Haut heilen kann. An den Händen trägt er noch abgeschnittene Handschuhe, zum Schutz der Gliedmassen. Sein vom Feuer gezeichneter Oberkörper gar, der kurz zu sehen ist, wirkt wie ein Mahnmal des Infernos.

Gedenkgottesdienst an die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana, Sonntag, 4. Januar 2026
Gedenkgottesdienst an die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana, Sonntag, 4. Januar 2026

Diese Bilder führen einem nicht nur plastisch vor Augen, was dieser junge Mann erleiden musste und noch immer erleiden muss. Sein Gesicht, die Identität eines furchtbaren und tragischen Opfers, unterstreicht vor allem, dass man diese Opfer der Brandkatastrophe nie vergessen darf. Das ist wohl die wichtigste unausgesprochene Botschaft der Doku. Eine Botschaft, die besonders wertvoll erscheint in Zeiten von jüngsten Medienberichten, die postulieren, dass die Justiz die Leiden der Opfer nicht sühnen könne – sondern eben strafrechtlich ahnden könne, wofür sich jemand schuldig gemacht habe.

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Wobei neben den sichtbaren Wunden auch seelische bleiben. «Ich könnte jeden einzelnen Toten beschreiben», erschaudert Ferdinand bei der Erinnerung an die Unglücksnacht. Die Bilder dieser Nacht verfolgen ihn bis heute. Das meiste behält er aber für sich, denn: «Es wäre ja fast egoistisch, diese Bilder zu teilen.» Sein Studium will er abbrechen, stattdessen erst einmal reisen, den Kopf freibekommen und dann anderswo neu starten.

Am Ende sieht man Valentin, wie er auf einem Golfplatz wieder Bälle schlägt. Was früher eine spielerische Leidenschaft des Jugendlichen war, wird nun zu einer Leidenschaft, um in die Normalität des Lebens zurückzufinden.

* Der TV-Doku-Film «Crans-Montana – Leben nach dem Feuer» ist auf der ARD-Mediathek zu finden und kann dort heruntergeladen werden.


Der 16-jährige Valentin überlebte mit schwersten Brandverletzungen die Feuerkatastrophe von Crans-Montana. | © ARD-TV-Doku:/Filmstill
24. Juli 2026 | 17:00
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