Wo war Gott in Crans-Montana?
Ein vorsichtiger Versuch einer theologischen Antwort.
Paul Martone*
Es ist eine Frage von vielen Fragen, die angesichts der Brandes in Crans-Montana mit seinen zahlreichen Toten und Verletzten, wohl nicht nur ich mir gestellt habe: Wo war Gott in der Silvesternacht? 2025/2026? Warum hat Gott all dieses Leid, diese Schmerzen und den Tot so vieler junger Menschen zugelassen?
Erschüttert und sprachlos
Es ist schwer darauf eine Antwort zu geben, die nicht oberflächlich ist und mehr schmerzt als heilt, denn dieses Geschehen hat uns erschüttert und sprachlos gemacht. Menschen wurden aus dem Leben gerissen, andere schwer verletzt, Beziehungen abrupt unterbrochen, Sicherheiten zerstört.
Was geschehen ist, entzieht sich unserem Verstehen. Ich möchte diesen Zeilen ein biblisches Wort voranstellen, das uns begleitet – nicht nur im Geschehen von Montana, sondern überall. Es spricht nicht vom Warum des Leids. Es spricht von Nähe: «Nahe ist der Herr den zerbrochenen Herzen und dem zerschlagenen Geist bringt er Hilfe.»
Die Bibel verschweigt nicht, dass das Leben zerbrechen kann. Sie kennt Angst, Klage, Wut und Verzweiflung. Sie ist kein Buch fertiger Antworten, sondern ein Zeugnis davon, dass menschliches Leiden ausgesprochen werden darf – ohne Beschönigung, ohne fromme Abkürzungen.
Wenn wir auf Jesus schauen, war er, angenagelt am Kreuz, auch kein strahlender Held, sondern er schrie in seiner Verlassenheit: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Er ist aber nicht mit diesem Schrei der Verzweiflung gestorben, sondern im Vertrauen darauf, dass Gott ihn auch in dieser Situation nicht verlassen hat. Daher konnte er auch sagen: «In deine Hände lege ich meinen Geist!
Bekenntnis zur Würde jedes Lebens
Dieses Wort erinnert uns daran, dass Leid nicht zuerst ein Problem ist, das gelöst werden muss, sondern eine Wirklichkeit, die getragen werden will. Wo Denken an seine Grenzen kommt, bleibt die Frage nach Beziehung: Bin ich mit meinem Schmerz allein – oder gibt es eine Nähe, die trägt, auch wenn sie sich nicht erklären oder beweisen lässt?
In den vergangenen Tagen wurde immer wieder geschrieben, wie gross die Solidarität der Menschen hier im Wallis und auch darüber hinaus mit den Opfern und ihren Familien war. Auch die Kirchen haben in diesen Tagen ihren Beitrag geleistet, um den Menschen nahe zu sein und sie zu unterstützen. Diese Solidarität war und ist hilfreich. Sie nimmt zwar das Leid und die Schmerzen nicht weg, aber sie hilft, diese zu tragen.
Die Menschen, die in Crans-Montana ihr Leben verloren haben, erscheinen immer wieder in der Erinnerung jener, die sie gekannt haben, deren Leben Teil unseres Lebens war. Ihre Namen, ihre Geschichten, ihre Spuren bleiben. Wir können sie nicht festhalten, und ihr Tod entzieht sich jeder Rechtfertigung. Und doch widerspricht die biblische Tradition der Vorstellung, dass ein gelebtes Leben einfach ins Nichts fällt. Erinnerung ist mehr als Rückblick – sie ist Widerstand gegen das Vergessen und ein Bekenntnis zur Würde jedes einzelnen Lebens.
Gott begleitet
Vergessen wir auch jene nicht, die bei diesem Brand verletzt wurden – an Körper und Seele. Manche von ihnen tragen sichtbare Wunden, andere Verletzungen, die sich nicht zeigen und doch tief prägen. Für viele hat sich das Vertrauen in den eigenen Körper, in die Welt, in die Sicherheit des Alltags verändert. Auch dieses Leid braucht Zeit, Geduld und Aufmerksamkeit. Heilung ist kein gerader Weg, und sie lässt sich nicht erzwingen.
Die Bibel kennt diese Langsamkeit des Heilwerdens. Sie spricht von einem Gott, der nicht drängt, sondern begleitet; der den Schwachen nicht überfordert, sondern ihnen Raum lässt. Darin liegt eine leise Hoffnung: dass Verletzungen nicht das letzte Wort behalten müssen – auch wenn Narben bleiben.
Angesichts eines solchen Geschehens stellt sich für viele die Frage: Warum lässt Gott das zu?
Warum lässt Gott das zu?
Diese Frage ist verständlich. Sie entspringt der Erschütterung und der Suche nach Sinn. Die Bibel nimmt sie ernst – aber sie beantwortet sie nicht mit einfachen Erklärungen. Stattdessen lenkt sie den Blick auf den Menschen als ein Wesen, dem Freiheit und Verantwortung anvertraut sind.
Nicht alles, was geschieht, ist Schicksal. Vieles entsteht im Zusammenspiel menschlicher Entscheidungen, Strukturen und auch von Unterlassungen. Man muss sich beim Brand von Crans-Montana nicht nur fragen, warum Gott dies zuliess! Wir müssen auch fragen, warum Menschen dies zuliessen?
Wo Menschen planen, bauen, organisieren oder schützen, tragen sie Verantwortung – auch dann, wenn die Folgen erst später sichtbar werden. Diese Verantwortung zu benennen heisst nicht, Schuld festzulegen, sondern der Wahrheit Raum zu geben. Darum darf die Frage nach Gott nicht dazu dienen, die Frage nach dem Menschen zu verdrängen.
Aufgabe rechtsstaatlicher Verfahren
Biblisch gesprochen entlastet der Verweis auf Gott den Menschen nicht von seiner Verantwortung. Im Gegenteil: Gerade weil dem Menschen Freiheit anvertraut ist, bleibt er aufgefordert, sorgfältig, vorausschauend und dem Leben verpflichtet zu handeln.
Die Klärung von Verantwortung ist Aufgabe rechtsstaatlicher Verfahren. Sie braucht Zeit, Sachlichkeit und Zurückhaltung. Für die Betroffenen ist sie zugleich mehr als ein formaler Prozess: Sie ist Ausdruck von Respekt gegenüber den Opfern und Verletzten und Voraussetzung dafür, dass Vertrauen wieder wachsen kann. Verantwortung zu klären heisst nicht, Menschen vorschnell zu verurteilen, sondern dem Leid gerecht zu werden, das geschehen ist.
Hoffnung
Zugleich richtet sich der Blick auf uns alle. Trauer und Erschütterung verändern den Blick auf die Welt. Sie machen verletzlich. Aber gerade in dieser Verletzlichkeit zeigt sich, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Trost entsteht oft nicht durch Worte, sondern durch Nähe: durch gemeinsames Schweigen, durch gemeinsames Beten, durch Aushalten, durch das Wissen, nicht allein zu sein.
Vielleicht liegt die Hoffnung dieser Tage und Wochen nicht in Antworten, sondern darin, dass wir diesen Schmerz teilen können. Dass Nähe möglich bleibt – zwischen uns Menschen und, für manche, auch im Vertrauen auf eine Nähe Gottes, die dort ist, wo Herzen zerbrochen sind.
Die deutsche Schriftstellerin Gertrud von Le Fort hat einmal geschrieben: «Gerade die Ungeheuerlichkeit der Nacht stellt zuletzt die Voraussetzung dar für eine ganze neue Erfahrung des Lichtes».
*Paul Martone ist römisch-katholischer Priester, Domherr und Sprecher für den deutschsprachigen Teil des Bistums Sitten
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