Jean-Marie Lovey, Bischof von Sitten
Schweiz

Bischof von Sitten: «Ich weiss nicht, ob es Worte gibt, die einem solchen Drama angemessen sind»

40 Tote und 119 Verletzte, die Bilanz der Brandkatastrophe von Crans-Montana ist verheerend. Jean-Marie Lovey, Bischof von Sitten, ist erschüttert. «Worte sind so zerbrechlich und armselig», sagt er im Interview mit cath.ch. Am Neujahrstag feierte Lovey in Montana in einer übervollen Kirche die Messe, bevor er sich mit Gläubigen, Touristen und Rettungskräften auf dem Vorplatz der Kirche traf.

Bernard Hallet (cath.ch)

Jean-Marie Lovey feierte am Neujahrsabend zusammen mit Pierre-Yves Maillard, Generalvikar für den französischsprachigen Teil des Bistums Sitten, eine Messe in Crans-Montana. Im Interview mit cath.ch vom 2. Januar erzählt der Bischof von Sitten, was er in den ersten Stunden nach der Brandkatastrophe in der Bar «Le Constellation» erlebte, bei der 40 Menschen in den Flammen umkamen und weitere 119 verletzt wurden.

Am Sonntag, 4. Januar, wird Lovey eine weitere Messe in der Kirche von Crans feiern, zusammen mit Charles Morerod, Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, und Alain de Raemy, Weihbischof und Apostolischer Administrator der Diözese Lugano. Bei diesem Gottesdienst wird Lovey die Predigt halten. Ebenfalls teilnehmen werden der Pfarrer von Crans-Montana, der Präsident des Synodalrats Stephan Kronbichler und Gilles Cavin, Präsident der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.

Wie haben Sie den Abend des 1. Januar erlebt?

Jean-Marie Lovey: Ich hatte mich ziemlich schnell entschlossen, mit dem Pfarrer von Crans-Montana die übliche Festmesse zu feiern. Angesichts des Dramas konnte es aber nicht die Messe vom 1. Januar, dem Hochfest der Gottesmutter Maria, bleiben. Es war unmöglich, nicht auf den Brand dieser Bar Bezug zu nehmen. Als wir die Sakristei verliessen und durch die übervolle Kirche gingen, war das ein sehr starker Eindruck.

«Ich war berührt, so viele Menschen zu sehen.»

Unglaublich, wie viele Menschen da waren. Viele Junge und junge Erwachsene, wahrscheinlich Freunde und Bekannte, die in den verschiedenen Lokalen von Montana Silvester gefeiert hatten. Wenn Menschen schwere Zeiten durchmachen, brauchen sie Gemeinschaft. Das gilt auch für mich. Ich war berührt, so viele Menschen zu sehen. Wir alle brauchen in solchen Situationen Unterstützung.

Nach der Messe hatten Sie Gelegenheit, sich mit den Menschen und Rettungskräften auszutauschen, die am Gottesdienst teilgenommen hatten. Was haben sie am häufigsten zum Ausdruck gebracht?

Lovey: Die Menschen drückten ihr Entsetzen und ihre Fassungslosigkeit angesichts eines solchen Dramas aus. «Wie konnte das passieren…?» Mehrere Rettungskräfte berichteten sehr realistisch und erschreckend von ihren Erlebnissen, als sie die Bar betraten, um den Opfern zu helfen. Das ist sehr heftig.

«Ich halte es für wichtig, einfach da zu sein.»

Was sagt man ihnen in einem solchen Moment?

Lovey: Worte sind so zerbrechlich und armselig. Ich weiss nicht, ob es Worte gibt, die zu einem solchen Drama passen. Es gibt nicht viel zu sagen. Ich halte es für wichtig, einfach da zu sein. Unabhängig von Worten können eine Geste, ein Blick, ein Lächeln als Unterstützung wahrgenommen werden.

Kennen Sie Menschen, die von diesem Drama betroffen sind?

Lovey: Ich weiss noch nicht genau, ob diese oder jene Familie zu den am stärksten Betroffenen gehört. Gestern Abend (am 1. Januar, d.Red.) kam jemand in die Sakristei und sagte zu mir: «Weisst du, der Neffe von soundso ist unter den Verbrannten und liegt im Krankenhaus.» Das Wallis ist ein Dorf. Die Menschen kennen sich und haben enge Beziehungen zueinander.

«Die Mitarbeitenden der Spitalseelsorge sind mobilisiert.»

Was hat die Kirche neben den Gottesdiensten und verschiedenen Gebetszeiten noch unternommen, um die Menschen zu begleiten?

Lovey: Die Pfarrei Montana hat ihre Türen für alle geöffnet, die sich äussern und in einem dafür vorgesehenen Heft ihre Erwartungen, ihr Leid und ihre Hoffnungen niederschreiben möchten. Die Mitarbeitenden der Spitalseelsorge sind mobilisiert. Die Pfarreien haben Begegnungs-, Gesprächs- und Gebetszeiten organisiert.

Wie bereiten Sie sich auf eine solche Messe vor, die zwar keine Trauermesse ist, aber dennoch in diesem dramatischen Kontext gefeiert wird?

Lovey: Am Sonntag ist Dreikönigstag. In gewisser Weise ist das eine Fügung, denn die Epiphanie ist ein Licht, das die Dunkelheit vertreibt, und Gott weiss, dass es genau jetzt und für alle Menschen, die von diesem Drama betroffen sind, notwendig ist. Die Liturgie wird also die des Dreikönigsfestes mit den dazugehörigen Texten sein. In der Predigt, die ich gerade vorbereite, möchte ich eine Parallele ziehen zwischen dem Drama von Montana und dem Drama der Menschheit seit jeher: das Volk, das in der Dunkelheit wandert und ein Licht aufgehen sieht. Ich werde versuchen, eine mögliche Öffnung zu einem Licht zu schaffen, das von oben zu uns kommt und das Weihnachten durch die Geburt Jesu versprochen hat.

(Aus dem Französischen übersetzt und adaptiert von bal)

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Jean-Marie Lovey, Bischof von Sitten | © Bernard Hallet
3. Januar 2026 | 09:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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