Götzen, Bilder, Sturm
Wir leben in einer Bilderflut und drohen, in ihr zu versinken. Was macht das mit uns? Und wie stellen wir uns als Christinnen und Christen zu religiösen Bildern? Diese für eine Gegenwartsdiagnose wie auch für eine reflektierte spirituelle Praxis so wichtige Fragen versuchte eine Tagung in Fribourg zu beantworten.
Francesco Papagni
Das an die Universität Fribourg angegliederte Zentrum für Glaube und Gesellschaft hat sich zu einem Fixpunkt in der theologischen Landschaft entwickelt. Durch Filme, Podcasts, Übersetzungen und durch die jährliche Organisation einer Tagung, die die Brücke zwischen akademischer Welt und der kirchlichen Praxis schlägt, strahlt es weit über die Landesgrenzen aus.
Eine der Besonderheiten stellt der Einbezug der heute so wichtigen englischsprachigen Theologie dar. Carmody Grey (Universität Nimwegen) und James K.A. Smith (Calvin University, MI, USA) waren denn auch die Stars der Veranstaltung. Mit «Götzen Bilder Sturm» griff die Tagung ein brandaktuelles Thema auf. Studien belegen, dass namentlich junge Menschen heute täglich eine ungeheure Masse an Bildern konsumieren. Andererseits ist die Bilderfrage ein zentrales Thema von Judentum und Christentum.
Abbild und Urbild
In einem brillanten Vortrag veranschaulichte Gregor Emmenegger, Professor für Patristik in Fribourg, wie die Frage nach den Bildern, insbesondere nach den Bildern Gottes, das Christentum seit seinen Anfängen umtreibt. Vom Judentum erbt es das Bildverbot, aber durch die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ändert sich Ausgangslage. Auf christlichen Siegelringen sind schon früh guter Hirte, Fisch und Anker als Motive belegt.
Die Frage nach den Bildern erfährt eine erste Klärung, als Papst Gregor der Grosse (540-604) auf einen Bildersturm in Marseille reagiert. Er schreibt: «Das eine ist, ein Bild anzubeten, das andere wenigstens auf den Wänden zu lesen, was sie in den Büchern nicht lesen können.»
«Nicht ich schaue die Ikone an, die Ikone schaut mich an».
Es ist das klassisch gewordene Argument der biblia pauperum – Bilder als die Bibel der Analphabeten. Aber wo ist die Grenze zwischen Betrachtung und Anbetung? Auch die Ostkirche hatte ihren Bilderstreit, aber ihre Bilder sind Ikonen, das ist etwas anderes. Ikonen sind Abbilder des Urbildes Gottes, so Johannes von Damaskus (675-749). Fenster zum Himmel, keine Bilder im westlichen Sinn. Sie erzählen nicht.
Stefan Schweyer, Professor für praktische Theologie an der STH Basel, brachte die Eigenheit der Ikonen so auf den Punkt: «Nicht ich schaue die Ikone an, die Ikone schaut mich an». Allerdings bewahrte das die Ostkirche nicht von ihrem eigenen Bildersturm, der sich im 8. Jahrhundert ereignete. Jene Klärung des Gebrauchs von Bildern bzw. Ikonen, die auch eine Folge dieses Ikonoklasmus waren, holte der Westen mit der Reformation nach, weil es die lateinische Kirche es versäumt hatte, Bilder zu regulieren, so Emmenegger.
Göttersturz
Noch weiter zurück ging Ludger Schwienhorst-Schönberger, emeritierter Professor für Altes Testament in Wien, der die Genesis als Göttersturz las. Tatsächlich ist die Radikalität des Schöpfungsberichtes heute kaum mehr nachvollziehbar: In einer Welt, in der Sonne und Mond als göttliche Wesen verehrt wurden, schuf der Gott Israels «das grosse und das kleine Licht» – eine ganz nüchterne Sicht auf die Gestirne. Der Sturz der Götter ist der Beginn der Aufklärung.
Der biblische Monotheismus, so der Emeritus, sei nicht der Feind sondern die Ermöglichung von Wissenschaft. Systematisch mag das stimmen, aber nicht historisch, denn die Wissenschaften entwickelten sich in Griechenland, nicht im Alten Israel. Allerdings ereignete sich mit Sokrates auch dort eine frühe Form von Aufklärung. Schwienhorst-Schönberger präsentierte eine israelitische Religionsgeschichte, die von Anfang an monolatrisch, das heisst, den einen Gott verehrend, war.
Der Gott Israels sei ein «Single-Gott» gewesen. Konrad Schmid, Zürcher Koryphäe für Altes Testament, würde hier widersprechen, zeugen doch frühe Inschriften, dass Jahve von einer «Aschera», einem weiblichen Gegenpart, begleitet wurde. Erst die Kultreform König Joschias, ca. 622 v.Chr., beseitigte die Aschera-Stelen wie auch andere Figuren. Wie auch immer man die Genese des Monotheismus rekonstruiert, an der Geltung ändert sich nichts: Der Glaube an den einen Gott ist weit mehr als eine religionshistorische Eigenheit, er führt zu einer anderen Lebensweise. Die Reinigung von den Kultbildern, die den Blick gefangen halten, ist eine notwendige Voraussetzung, um zu Gott zu kommen.
K.I.-Evangelium
Welche Bilder besetzen heute unsere Vorstellung? James K.A. Smith zeigte in seinem Vortrag, wie Apple die eigenen Läden zu eigentlichen Kathedralen stylt. Es sind minimalistisch gestaltete Räume, die ganz auf die Lichtsymbolik setzen. In Chicago, Schanghai und Paris stehen diese Tempel, die etwas von der Reinheit eines Klosters haben, aber das Begehren nicht abtöten sondern ausrichten wollen auf die Produkte. Apple will keine Kunden vielmehr Gläubige, die die heiligen Objekte verehren. Wer diese besitzt, ist den anderen Menschen überlegen, so die Suggestion.
«Wir können uns eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen.»
Und diese ist sehr mächtig: «Wir können uns eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen», sagt der kanadische Philosoph. Mit der stetigen Verfügbarkeit von K.I. steigert sich das Ganze noch einmal. Was hilft gegen die «Zeitgeist-Dämonen» (Johannes Hartl)? Nach Smith eine apokalyptische Kulturkritik – Apokalypse im ursprünglichen Sinn als Enthüllung des Verhüllten. Vorbild dafür ist die Johannesapokalypse mit ihren Gegenbildern zu den machtvollen Bildern, mit denen sich Rom selbst darstellte. Wie einst das römische Reich einst seine eigene frohe Botschaft verkündete, so verkündet heute Silicon Valley sein «K.I.-Evangelium» (Sarah Spiekermann).
Sakrament als Medizin
Carmody Grey trieb die Argumentation noch weiter. Nach ihr gibt es eine dunkle Allianz zwischen dem Konsumkapitalismus und den Bildern. Wir werden verleitet, Geld auszugeben, um einem Bild ähnlich zu werden. Dabei weist Grey auf eine Verschiebung der Bedeutung des Begriffs Bild hin: Es gibt das Bild als Foto und das Bild, dem wir entsprechen wollen.
Zudem heisst «Image» heute das Bild von uns selbst, wie die anderen es wahrnehmen. Und das will gepflegt sein, sodass wir in einer Bilderwelt gefangen sind. Pornographie ist für die britische Theologin die letzte Konsequenz dieser Bild-Gefangenschaft. Gegen diesen Unheilszusammenhang hilft das Sakrament, in dem die Beziehung Gottes mit dem Menschen konkret wird.
Sakramente werden als Zeichenhandlungen verstanden, wobei ein materielles Element in einer rituellen Handlung Wirkung entfaltet. Grey hält den Begriff Zeichen für problematisch, denn in der Neuzeit ist die innere Verbindung zwischen Zeichen und Bezeichnetem zerbrochen. Sie plädiert in ihrer katholischen Sakramententheologie für ein symbolisches Verständnis, weil das Symbol der Ausdruck dessen ist, was es symbolisiert. Es ist kein Zufall, dass es in der Geschichte des Christentums immer wieder zu einem Streit um das Sakramentenverständnis gekommen ist, denn es geht letztlich um das Verständnis von Inkarnation, dem Dreh- und Angelpunkt des Christentums.
Gegen binäres Denken
In der Diskussion fragte der Moderator Oliver Dürr Grey, ob nun alle katholisch werden sollen. Die blitzgescheite Frau war einen Moment lang sprachlos, fing sich aber schnell. Sie wende sich gegen ein falsches Sakramentenverständnis, zu dem die katholische Tradition selbst einiges beigetragen habe. Tatsächlich sei es der Nominalismus gewesen, der im Mittelalter den Weg zu einem verhängnisvollen Verständnis von Zeichen gebahnt hätte. Grey und Smith waren sich einig, dass die Dichotomie Gott/Welt in die Irre führen würde. Christsein gegen die Welt sei keine Option. Überhaupt sei Nostalgie gefährlich.
Der Künstler Manuel Dürr, Oliver Dürrs Bruder, ergänzte die intellektuell anspruchsvolle Diskussion mit einer subtilen Reflexion auf seine Kreuzweg-Bilder, die in St. Peter in Rom gezeigt werden. Ohne Kunst erklären zu wollen, eröffnete er einen bewusst subjektiven Zugang zum Christusbild.
Die Frage nach dem Menschen
Aber sind wir Menschen nicht selbst Ikonen, Ikonen Gottes? Stefanos Athanasiou, Professor für systematische Theologie an der Universität München, klärte diese Frage aus orthodoxer Perspektive. Die Rede von der Gottesebenbildlichkeit im Buch Genesis solle nicht als poetische Metapher verstanden werden vielmehr ontologisch und dennoch nicht statisch: Der Mensch sei ein Wesen im Werden, dass auf Gott, das Ziel (Telos) hinstrebe.
Der oft missverstandene Satz des Kirchenvaters Athanasius (296-373) «Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde», meint gerade nicht Selbstvergottung wie im Transhumanismus. Athanasius denkt den Menschen von seiner Beziehung zu Gott her, nicht von seiner Autonomie. Die Herausforderung durch die K.I. zwingt uns, so Athanasiou, die Frage nach dem Menschen neu zu stellen.
Wir müssen erblinden
Führt der Weg der Befreiung für die Katholikin Grey über das Sakrament, so für den Protestanten Smith über die Mystik. In einer Welt voller Bilder können wir die Wirklichkeit nur finden, wenn wir erblinden. Die Abkehr von der Bilderwelt führt uns zunächst in die Leere, Voraussetzung für die Erfahrung Gottes. Smith findet mystische Erfahrung auch in der zeitgenössischen, abstrakten Malerei und im Film, etwa in Terence Maliks «The Thin Red Line».
Dieser Rückzug in Räume der Stille und der Konzentration ist notwendig, denn wir sind abgelenkt und beschäftigt wie nie zuvor, obwohl uns immer wieder versprochen wird, die Technik entlaste uns. Allerdings sei die Erfahrung mit Kunst keine Alternative zur Begegnung mit Gott. Smith schlug auch selbstkritische Töne an: Christentum sei nicht immer ein Antidot, in den USA machten gewisse Strömungen innerhalb des Christentums die Situation nur noch schlimmer. Die Früchte der Aufklärung seien systematisch verschleudert worden, Konsumismus und Stammesdenken führten zur Dehumanisierung. Mit seinem Plädoyer für Mystik trifft Smith einen Nerv der Zeit.
Fazit
Der Überflutung mit Bildern und Desinformation können wir nicht durch mehr Information begegnen. Es geht nicht um Wissen sondern um Weisheit. Allerdings ist diese nicht billig zu haben. Theresa von Avila (1515-1582) und Johannes vom Kreuz (1542-1591) waren sich bewusst, dass der Preis Leiden heisst. Sie sprechen von der dunklen Nacht der Seele. Und das ist mit einem bequemen bürgerlichen Leben nicht vereinbar. Wie können wir nun das wahre Gottesbild von den Götzenbildern unterscheiden?
Der schon erwähnte Konrad Schmid sagte einmal, die Götter der einen seien die Götzen der anderen. Valentin Lustig, jüdischer Intellektueller und Künstler, antwortet ihm: Ist Gott wirklich Gott, führt er mich in die Freiheit, ist es ein Götze, hält er mich in Abhängigkeit. Der Schlüsselbegriff Freiheit wurde an der Tagung zwei Mal ausgesprochen: einmal durch Bischof Felix Gmür in seinem Grusswort, ein andermal durch Smith. Diese Spur würde es verdienen, weiterverfolgt zu werden.
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