Papst Leo XIV. bei der Unterzeichnung der Enzyklika mit dem Substitut im Staatssekretariat
Analyse

Stein für Stein eine bessere Welt aufbauen: Wie der Papst mit seiner ersten Enzyklika die Menschen ermutigt

Die Antrittsenzyklika Leos XIV. war schon lange angekündigt und weckte viele Erwartungen. Nach den ersten Kommentaren lässt sich sagen, dass «Magnifica humanitas» eine wichtige Markierung in der kirchlichen Soziallehre darstellt. Inhaltlich steht diese Enzyklika in grosser Kontinuität mit den Texten früherer Päpste. Sie enthält aber auch Neues, das in dieser Klarheit im kirchlichen Lehramt bisher noch nicht gesagt wurde.

Mariano Delgado*

Die Ouvertüre ist apodiktisch: «Die von Gott geschaffene grossartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen» (Nr. 1); entweder, sie lässt sich von prometheischen Träumen verblenden, oder sie anerkennt in Demut die Brüchigkeit ihrer Existenz und unterwirft sich ethischen Vorgaben.

Indem er angesichts eines «Epochenwandels» (Nr. 6) diese Optionen beschreibt, möchte Leo XIV. mit seiner ersten Enzyklika «Magnifica humanitas» alle ermutigen, «die eigene Verantwortung zum Aufbau einer menschlicheren und geschwisterlicheren Gesellschaft entschlossen wahrzunehmen» (Nr. 91).

«Schatz an Weisheit»

Die Enzyklika will die Soziallehre der Kirche als «Schatz an Weisheit» und «lebendiges Korpus von Wahrheiten» fortsetzen (Nr. 3) und sich zur «künstlichen Intelligenz» äussern, da man diesen entscheidenden Fragen nicht ausweichen kann: «Wohin gehen wir? Auf welches Ziel wollen wir uns ausrichten? Welche Richtung sollen wir als Menschheit und als Völker einschlagen?» (Nr. 6). Anfang und Ende der Enzyklika sind aber – unüblich für die Soziallehre – sehr theologisch, ja, «christologisch» geprägt und klagen das Wesen des Christentums ein: den Blick auf den Menschgewordenen.

Im ersten und im zweiten Kapitel liefert die Enzyklika eine Zusammenfassung der kirchlichen Soziallehre, die auf das Lehramt der Päpste seit Leo XIII. beschränkt wird, ohne Berücksichtigung der theologisch-ethischen Reflexion. Gleichwohl wird auf die konziliare «Autonomie der irdischen Wirklichkeiten» (Nr. 18, 20, 22, nach «Gaudium et spes» Nr. 36) verwiesen, die eine positive Würdigung des Beitrags «der Philosophie sowie der Geistes- und Sozialwissenschaften» bzw. der wissenschaftlichen Forschung allgemein (Nr. 23) einschliesst.

Leo zitiert das hermeneutische Prinzip von Papst Franziskus in «Evangelii gaudium» (2013, Nr. 111), wonach die Zeit mehr wert sei als der Raum und es darum gehe, «Prozesse des Guten in Gang zu setzen und sie reifen zu lassen». Man solle dabei in der Kirche die Vielfalt nicht fürchten und sich das Bild des «Polyeders» mit vielen Facetten zum Beispiel nehmen, «in denen sich aus verschiedenen Blickwinkeln dieselbe Wahrheit des Evangeliums widerspiegelt» (Nr. 25, Evangelii gaudium Nr. 236). Auch dies ist eine Absichtserklärung des neuen Papstes über die Kontinuität mit seinem Vorgänger.

«Theologie der Gemeinschaft»

Von «Rerum novarum» (1891) Leos XIII. bis «Dilexit nos» (2024) Franziskus’ werden im ersten Kapitel alle päpstlichen Schreiben zur Soziallehre – einschliesslich des Konzilstextes «Gaudium et spes» – vorgestellt. Im zweiten Kapitel werden die «Grundlagen und Prinzipien» der Soziallehre zusammengefasst (unveräusserliche Würde des Menschen, Gemeinwohl, allgemeine Bestimmung der Güter, Subsidiarität, Solidarität, soziale Gerechtigkeit und ganzheitliche menschliche Entwicklung).

Während Paul VI. in «Octogesima adveniens» (1971, Nr. 4) und Johannes Paul II. in «Sollicitudo rei socialis» (1987, Nr. 41) die Soziallehre der Kirche als «Summe von Leitprinzipien, von Urteilskriterien und von Richtlinien für das konkrete Handeln» definiert haben, wird sie nun von Leo als «Weg gemeinschaftlicher Unterscheidung» im Lichte des Evangeliums, als «Theologie der Gemeinschaft in der Geschichte» verstanden, nicht «als Handbuch von anzuwendenden Prinzipien und Normen» (Nr. 27), sondern als «ein lebendiges Gebilde, das im Dialog mit der Geschichte, den Kulturen und den Wissenschaften steht und zugleich einen unvergänglichen Kern von Wahrheiten bewahrt» (Nr. 46).

Menschenwürde und KI: ein Weckruf!

Im dritten und im vierten Kapitel wird das eigentliche Thema der Enzyklika behandelt: die Sorge um die «grossartige Menschheit», um die Würde des Menschen angesichts des von Papst Franziskus in «Laudato si’» (2015, Nr. 106-109) kritisierten «technokratischen Paradigmas». Dieses führt «zu einem ›Mehr-Haben’, aber nicht zu einem ›Mehr-Sein’, und der Mensch läuft Gefahr, in erster Linie aufgrund der Leistungen bewertet zu werden, die er erbringt» (Nr. 94). Der Papst erinnert daher an eine Kernaussage christlicher Anthropologie: dass der Wert des Menschen nicht davon abhängt, «was er leistet oder produziert», und dass es unveräusserliche Rechte gibt, «die allen allein aufgrund der Tatsache zustehen, dass sie Menschen sind». Diese Rechte kann keine menschliche Macht «rechtmäßig verweigern oder willkürlich einschränken» (Nr. 51).

Leo gibt keine «eindeutige und umfassende Definition» von KI, wirft ihr aber generell vor, kein moralisches Gewissen, kein Herz und keine Gefühle zu haben. Es reiche nicht aus, sie als «ambivalentes» System zu sehen, das so oder so benutzt werden könne. Man müsse vielmehr fragen, «wie es konzipiert ist und welches Bild von Mensch und Gesellschaft in die Daten und Modelle eingeschrieben ist, die es leiten» (Nr. 104); ebenso wer für Entscheidungen «Rechenschaft ablegen» muss (Nr. 105).

Das sind Grundsatzfragen, die aus Sorge um die Menschheitsfamilie angemessene «rechtliche Rahmenbedingungen» (Nr. 106) erforderlich machen. Die «Regulierung» von KI ist Leos’ Weckruf, und die Massstäbe für die geistige und moralische Unterscheidung sieht er in den schon genannten Prinzipien der Soziallehre. Er nennt das auch, «KI zu entwaffnen», sie der «Logik des bewaffneten Wettbewerbs … um den leistungsfähigsten Algorithmus und die grösste Datenbank» zu entziehen (Nr. 110). Der Appell richtet sich an die Regierungen, besonders aber «an diejenigen, die Künstliche Intelligenzen entwickeln» (Nr. 111) und Gefahr laufen, sich vom Transhumanismus und Posthumanismus verblenden zu lassen, vom prometheischen Traum nach dem «verbesserten Menschen» oder «Hybriden aus Mensch und Maschine» (Nr. 115) jenseits moralischer Massstäbe.

Besondere Bedeutung wird dem Nachdenken über die «Begrenztheit» und die «Grösse» des Menschen beigemessen, über das demütige Erkennen unserer Kontingenz und Korrumpierung einerseits und das Bewusstsein unserer göttlichen Berufung zu moralischen Subjekten andererseits. Den radikalen Unterschied zu den prometheischen Träumen von KI nach dem «Babel-Syndrom» sieht Leo in der Öffnung zur göttlichen Gnade, die uns zu Beziehungen und Gemeinschaft befähigt.

Die Zivilisation der Liebe als Vision

Wurde am Anfang apodiktisch von der Alternative zwischen dem prometheischen Babel-Syndrom und dem Weg Nehemias zum Aufbau einer Stadt Gottes und des Menschen «Stein für Stein» (Nr. 184) gesprochen, so ist im fünften und letzten Kapitel von der «Zivilisation der Liebe» als Vision und Kontrast zur «Kultur der Macht» die Rede. Die «Zivilisation der Liebe» taucht seit Paul VI. in Texten des päpstlichen Lehramtes wiederholt auf.

Erstmals sprach davon der mexikanische Philosoph José Vasconcelos in seinem Werk «La raza cósmica. Misión de la raza iberoamericana» (1925). Iberoamerika war für ihn der Ort, wo sich im Verlauf der Geschichte die vier Menschenrassen zu einer fünften «vermischen» werden. Diese sei in der letzten Phase der Geschichte zum Aufbau einer globalen «Zivilisation der Liebe» berufen, weil dies das Grundmerkmal des christlichen Gottes sei. Der Weg von der Utopie Vasconcelos’ in das kirchliche Lehramt mit Paul VI. ist bisher nicht untersucht worden.

Die «Zivilisation der Liebe» ist aber für Leo «keine naive Utopie, sondern ein anspruchsvolles Projekt. Sie besteht darin, Nächstenliebe in Strukturen der Gerechtigkeit zu verwandeln» (Nr. 186). Dem steht die «Kultur der Macht» entgegen, zu der die Normalisierung des Krieges im Schatten einer falsch verstandenen Theorie des gerechten Krieges gehöre und die mit dem Verlust des historischen Gedächtnisses (Shoah u.a.) einhergehe. Leo setzt auf «Dialog, Diplomatie und Vergebung» (Nr. 192) bei der Konfliktlösung; er kritisiert den Rüstungslauf oder die Theorie der Abschreckung sowie die Entwicklung und den Einsatz «von KI auf dem Gebiet der Kriegsführung» (Nr. 197). Denn «es existiert kein Algorithmus, der Krieg moralisch vertretbar machen könnte» (Nr. 198).

Leo stellt die Krise des Multilateralismus fest, kritisiert vereinfachende, polarisierende Schemata wie «ich zuerst», «Freund-Feind», «wir-ihr» (Nr. 202) und betont, dass der Friede nicht die blosse Abwesenheit von Krieg ist, sondern «das stets mögliche Ergebnis von Gerechtigkeit und Nächstenliebe» (Nr. 205). Kritisiert werden moderne «Ismen» wie Nihilismus, religiöser Extremismus, identitärer Fanatismus und irrationaler Ökonomismus (Nr. 206), die ein fruchtbarer Boden für neue Kriege seien, weil sie «die Lunte für neue Ausbrüche von Intoleranz und Aggression im Herzen der Menschen» entzünden (Nr. 207).

Die Enzyklika, die mit dem Lob der «grossartigen Menschheit» eröffnet wurde, endet mit dem Lob des grossartigen Schöpfers aus dem Munde Mariens als »Poetin und Prophetin der Erlösung« (Nr. 244), weil Gott in ihr »bereits die Hochmütigen zerstreut, die Mächtigen gestürzt, die Niedrigen erhöht» hat (Nr. 243). Diese messianische Hoffnung bildet den Horizont der christlichen Erlösung, steht aber kontrafaktisch gegen den Lauf der Geschichte. Sie wird hier bekanntlich nur in der Form des «Schon -jetzt-aber-noch-nicht» erfahren – denn «der Feind hat zu siegen nicht aufgehört» (Walter Benjamin).

Kritische Würdigung

Wie «Laudato si’» (2015) von Papst Franziskus, die als Hommage an Leo XIII. auch an einem 15. Mai unterschrieben wurde, wird «Magnifica humanitas» Tagungen und Debatten hervorrufen. Nach den ersten Kommentaren kann man sagen, dass sie eine wichtige Markierung in der kirchlichen Soziallehre ist. Der Text hat nicht die stilistische Qualität des sprachverliebten Papstes aus Argentinien, der Literaturwissenschaft studiert hatte und Jorge Luis Borges bewunderte. Inhaltlich steht Leos Antrittsenzyklika jedoch in grosser Kontinuität mit seinem Vorgänger.

Sie enthält auch Neues, bisher in dieser Klarheit im kirchlichen Lehramt noch nicht Gesagtes. So wenn es am Ende des zweiten Kapitels (Nr. 86-89) um eine «Vergewisserung für die Kirche» geht und betont wird, dass die Soziallehre und ihre Prinzipien auch «im Inneren» der Kirche gelebt werden sollten. Das ist ein guter Anfang für ein weiteres Nachdenken.

Neu ist auch, dass Leo den Kampf gegen die neuen Formen der Sklaverei im Schatten von KI mit der bisher deutlichsten Bitte um Vergebung für die Rolle der Kirche bei der Entstehung des Sklavenhandels im 15. Jahrhundert und die zu späte Verurteilung der Sklaverei verbindet: «Dies ist eine Wunde im christlichen Gedächtnis, die wir als unsere ansehen müssen … Dafür bitte ich im Namen der Kirche aufrichtig um Vergebung» (Nr. 176). Die kuriale Erklärung vom 30. März 2023 über die Mitverantwortung der Kirche an der Entstehung von «Entdeckungsdoktrin und Sklavenhandel» war noch «sibillynisch» ausgefallen.

Das Kerngeschäft der Theologie

Die Rezeption der Enzyklika in Politik, Wirtschaft und Kultur wird – wie so oft bei ähnlichen Dokumenten und wie die ersten Kommentare bereits zeigen – nach dem «Steinbruchprinzip» erfolgen. Man wird sich herausholen, was zum eigenen Diskurs passt, und anderes geflissentlich übergehen.

Manche werden sich auch fragen, wer denn für die ungleiche Chancenverteilung in unserer Welt verantwortlich ist und was Theologie und Lehramt dazu sagen. Denn vieles in der «Schöpfungsordnung» scheint von einer Art «Algorithmen» abhängig zu sein, für die nicht KI verantwortlich gemacht werden kann: ob wir in Elend oder Wohlstand geboren werden, krank oder gesund, in einer Diktatur oder in einem Rechts- und Sozialstaat, in einem Land mit einer Lebenserwartung von nur 30 oder in einem von mehr als 80 Jahren; ob wir Opfer von Niedertracht und Gewalt werden oder ein ruhiges und glückliches Leben führen können. Eine Enzyklika über diese Fragen (Vorsehung, Gnade, Freiheit, Schuld, Leid, Tod), die zum Kerngeschäft der Theologie gehören, würde sicherlich weltweite Resonanz finden.

**Mariano Delgado ist em. Prof. für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät Freiburg. Vom 11.-13. Juni 2026 hat er gemeinsam mit Volker Leppin und Lorenzo Planzi eine interdisziplinäre Tagung über das «Reformprinzip» in der Kirchengeschichte organisiert.


Papst Leo XIV. bei der Unterzeichnung der Enzyklika mit dem Substitut im Staatssekretariat | © Vatican Media/Romano Siciliani/KNA
14. Juni 2026 | 12:00
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