Premiere: Synagogenchor in einer katholischen Kirche
Der Chor der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich trat anlässlich des Tages des Judentums in der Zürcher Liebfrauenkirche auf. Der stimmungsvolle Gesang berührte die Herzen. Christian Rutishauser, Jesuit und Judaist, sprach einleitende Worte. Der Anlass war ein Erfolg, die Kirche war sehr gut besucht.
Francesco Papagni
Die römisch-katholische Kirche in der Schweiz feiert am 2. Fastensonntag den Tag des Judentums. Leider wird dieser Tag nur in wenigen Pfarreien begangen. Doch dieses Jahr fand in der Zürcher Liebfrauen-Kirche ein denkwürdiger Dies Judaicus statt: Zum ersten Mal überhaupt trat der Synagogenchor der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) in einer katholischen Kirche auf. Nicht während der Eucharistie, sondern danach als eigenständige Veranstaltung.
Der Männerchor mit seinem hervorragenden Chasan (Vorsänger) Michael Azogui sang unter der Leitung von Robert Braunschweig Stücke aus dem Repertoire des Synagogengottesdienstes – Traditionelles neben neuen Kompositionen des israelisch-amerikanischen Komponisten Meir Finkelstein.
Liturgie und jüdischer Jahreskreis
Die Gesänge folgen der jüdischen Liturgie und dem Jahreskreis. Höhepunkt bilden die hohen Feiertage im Herbst zwischen Rosch ha Schana und Jom Kippur, die Zehn Tage der Busse und Einkehr. Man muss seine Vergehen an den Mitmenschen in Ordnung bringen, kann aber auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes hoffen. Das dazu gehörige «Kol Nidre» – in einer Komposition des jüdischen Musikreformers Louis Lewandowski (1821-1894) – berührte die Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer sichtlich.
Zu Jom Kippur wird gefastet. Die Vorstellung, dass man nur bei ehrlicher Busse ins «Buch des Lebens» eingetragen wird, durchzieht die Tagesliturgie. Der Text des dann gesungenen «Ki wi Jirbu» lautet: «Und es heisst: Vermehre unsere Tage (…). Mögest Du uns zu gutem Leben besiegeln, lebendiger Gott; schreibe uns ein in das Buch des Lebens! Heute verleihe uns Kraft, segne uns, erhöre unser Flehen und vergib uns unsere Sünden».
Eine positive Beziehung zum Judentum
Die Ähnlichkeiten in Ton und Inhalt mit den Gesängen und Litaneien des katholischen Kirchenjahres sind ausgeprägt, und das darf nicht erstaunen: Die jüdische und die christliche Liturgie sind beide in den ersten Jahrhunderten nach Christus entstanden und beziehen sich teilweise auf gemeinsame heilige Texte.
Der Luzerner Judaistik-Professor Christian Rutishauser stellte denn auch in der Einleitung die gemeinsame Berufung von Juden und Christen heraus. Den manifesten Antijudaismus hätten die Katholiken überwunden. Nun gelte es, darüber hinaus eine positive Beziehung zum Judentum zu entwickeln.
Eine Lerngemeinschaft
In der Predigt, die Rutishauser in der Morgenmesse hielt, holte er weiter aus und zitierte die Verklärungsszene Jesu, die in allen drei synoptischen Evangelien vorkommt. Jesus spricht auf dem Berg Tabor mit Mose und Elias.
Die Schlussfolgerung des Jesuiten: Wir sind in einer Lerngemeinschaft miteinander verbunden und hören gemeinsam, was unsere Berufung ist. Das Alte Testament sei von der christlichen Seite lange als Verheissung gelesen worden, worauf im Neuen Testament die Erfüllung folge. Wie schon die ehemalige Luzerner Alttestamentlerin Ruth Scoralick wandte sich Rutishauser gegen dieses eindimensionale Schema: Das Alte Testament habe einen Wert in sich.
Ein voller Erfolg
Das Konzert in Liebfrauen wurde ein voller Erfolg. Die Zürcher Kirche war fast ganz voll, obwohl der Anlass – aus Sicherheitsbedenken – nicht gross beworben worden war. Die Musik – zeitweise zerknirscht, zeitweise fröhlich – war immer berührend.
Das Publikum zeigte seine Begeisterung mit tosendem Applaus. Viele Stücke waren von der Romantik inspiriert. Die Tradition des Belcanto wirkt auch im jüdischen Synagogengesang nach. Mehrstimmigkeit sowie der Einsatz des Chores als Gegenpart zum Vorsänger sind als Stilelemente der westlichen Musiktradition wiedererkennbar.
Reale Begegnungen
Der ganze Anlass kam auf Initiative des Pfarreiratspräsidenten Stephan Oetterli zustande. Er forderte das Publikum auf, gerade in «dieser ernsten weltpolitischen Lage» den jüdischen Chor zu begrüssen. Dass ein Synagogenchor in einer mit Bildern vollen katholischen Kirche auftritt, ist keine Selbstverständlichkeit. Dafür musste die Erlaubnis des Rabbiners eingeholt werden.
Im christlichen Gottesdienst ist ständig von Zion, von Jerusalem, von Israel die Rede. Aber was wissen die Gläubigen wirklich über diese Orte? Das Konzert in der Liebfrauen-Kirche ermöglichte Begegnungen mit realen Juden, die unsere Schweizer Mitbürger sind und unsere «älteren Brüder im Glauben» (Papst Johannes Paul II). Der gut besuchte Apéro bot Gelegenheit für Kennenlerngespräche.
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