Die Weggemeinschaft der Hoffenden
Der jüdisch-katholische Dialog war am späten Sonntagnachmittag in der Paulus Akademie in Zürich Thema einer Podiumsdiskussion. Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt und Kardinal Kurt Koch besprachen die Veränderungen, die die Konzilserklärung «Nostra Aetate» in den vergangenen 60 Jahren bewirkt hat. Vor dem Hintergrund der aktuellen Krisen in aller Welt zeigte sich, dass der jüdisch-katholische Dialog nicht nur für Juden und Katholiken wichtig ist.
Stefan Betschon
«Es gibt keinen heiligen Krieg, es gibt nur einen heiligen Frieden», sagte Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt am späten Sonntagnachmittag auf dem Podium der Zürcher Paulus Akademie. Er verwies damit – wie schon sein Vorredner Kardinal Kurt Koch – auf eine Aussage von Papst Leo XIV., der den Fanatismus von Religionskriegern verurteilt hatte. Da zeigt sich beim Blick auf die Kriege im Nahen Osten oder in der Ukraine das hässliche Gesicht der Gegenwart, entstellt durch Hass und durch Polarisierung.
Falsche Hoffnungen
Goldschmidt und Koch hatten auf dem Podium Platz genommen, um in einem freundschaftlichen und von gegenseitigem Respekt geprägten Gedankenaustausch «Nostra Aetate» zu gedenken. Die lateinischen Wörter verweisen auf eine Konzilserklärung, die 1965 die Beziehungen der katholischen Kirche gegenüber den nicht-christlichen Religionen neu gestaltete. Vor allem aber – und dafür steht «Nostra Aetate» – hat diese Erklärung eine Freundschaft gestiftet zwischen Juden und Katholiken.
«In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschliesst und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren» – so beginnt die Konzilserklärung. Damals in den 1960er Jahren war das Gesicht der Gegenwart ein freundliches. Es gab Hoffnung, dass alle Menschen bald in Wohlstand und in Frieden in einem globalen Dorf zusammenfinden würden. Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt.
Unter Geschwistern
Bevor er auf dem Podium Platz nahm, versuchte Kardinal Kurt Koch in einem kurzen Referat den Wesenskern von «Nostra Aetate» herauszuarbeiten. Er benutzte dazu eine Passage aus dem Römerbrief, in dem Paulus das Verhältnis von Juden und Christen anhand eines Ölbaumes erklärt, in den Sprösslinge eingepfropft wurden.
Dieses Bild, so Koch, mache deutlich, dass der aufgepfropfte Zweig, nämlich die Kirche, nur dank der Wurzel des Ölbaums, womit Israel gemeint sei, überleben könne. «Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich» (Röm. 11,18), schärft Paulus seinen Mitchristen ein. Laut Koch hat «Nostra Aetate» auf dem Fundament dieser paulinischen Sicht die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens hervorgehoben und «ein klares und verbindliches Ja zu dem den Juden und Christen gemeinsamen geistlichen Erbe» gesprochen».
Kardinal Koch leitet seit 2010 das Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen, dem auch die Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum angehört. Dieses Dikasterium ist innerhalb der römischen Kurie Nachfolgeorganisation jenes Sekretariats, das in den 1960er Jahren für die Ausarbeitung von «Nostra Aetate» zuständig war. Koch hat sich deshalb immer wieder zu «Nostra Aetate» geäussert, letztmals in einem längeren Aufsatz anlässlich des 50. Jahrestags dieser Konzilserklärung.
«Ihr seid unsere bevorzugten Brüder.»
Kardinal Kurt Koch
In der Paulus Akademie sagte Koch am Sonntag: «Mit diesem Bewusstsein des Erbes, das die Kirche mit den Juden gemeinsam hat, wird die eigentliche Stossrichtung der Konzilserklärung deutlich: Dass die katholische Kirche zur jüdischen Religion ein besonderes und einzigartiges Verhältnis hat, das sie zu keiner anderen Religion hat. Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas Äusserliches, sondern gehört in gewisser Weise zum Inneren unserer Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder.»
Diesen Gedanken verfolgte Koch, nachdem er sein Redemanuskript weggelegt und auf dem Podium Platz genommen hatte, weiter. «Ich habe es ja vorher schon angetönt, dass das, was uns mit dem Judentum am meisten verbindet, religiöse Gründe sind. Wir teilen denselben Glauben, wir glauben an denselben Gott. Uns darüber auszutauschen, scheint mir sehr wichtig, weil vier Augen mehr sehen als zwei. Man kennt das schöne Wort: ‹Wer nur England kennt, kennt England nicht›. Und wer nur das Christentum kennt, aber das Judentum nicht kennt, kennt das Christentum nicht ganz.»
Schwierige Fragen
In seinem Referat verwies Koch auf der Grundlage des Römerbriefs nicht nur auf Verbindendes, sondern auch auf Trennendes. «Das Bild vom edlen Ölbaum und den aufgepfropften Zweigen impliziert, dass zwischen Israel und Kirche nicht nur Einheit, sondern auch Verschiedenheit besteht. Erst wenn wir beides bedenken, erhält der jüdisch-christliche Dialog seinen tiefen Ernst.»
Es gehe hier um die «schwierigste und zugleich sensibelste Frage»: «Wie auf der einen Seite die Glaubensüberzeugung der Juden, die von uns Christen bejaht und geteilt wird, dass der Bund, den Gott mit Israel geschlossen hat, aufgrund der unbeirrbaren Treue Gottes zu seinem Volk nie aufgekündigt worden ist, sondern gültig bleibt. Und wie auf der anderen Seite die christliche Überzeugung von der Neuheit des in Jesus Christus uns geschenkten neuen Bundes, – wie beides theologisch so zusammen gedacht werden kann».
Koch: «Um des Juden Jesus’ willen gibt es keine endgültige Trennung von Kirche und Israel. Um des Evangeliums willen gibt es auch keine Verschmelzung. Aber es gibt die Weggemeinschaft der Hoffenden. Eine solche Weggemeinschaft der Hoffenden ist auch und gerade in der heutigen Welt dringend notwendig.»
Über die Zwei-Staaten-Lösung
Es sind nicht so sehr theologische Fragen, als vielmehr politische Verwerfungen, die den jüdisch-katholische Dialog heute bestimmen. Goldschmidt und Koch kamen auf dem Podium denn auch rasch auf Fragen der Realpolitik zu sprechen. Koch deutete an, dass es für das Nahost-Problem im Vatikan Sympathien für eine Zwei-Staaten-Lösung gebe. Er versuchte das mit einem Verweis auf das Alte Testament zu erklären, wo Abraham und Lot einen Streit um Land friedlich lösten.
Goldschmidt antwortete: Er könne sich eine Zwei-Staaten-Lösung sehr wohl vorstellen. Aber nicht, wenn die Bewohner eines der beiden Staaten überzeugt seien, den anderen Staat vernichten zu müssen. «Ich sage ‹Ja› zu einer Zwei-Staaten-Lösung, aber nur, nachdem es möglich wird, einen wirklichen demokratischen palästinensischen Staat in den Blick zu fassen.»
Gemeinsame Werte pflegen
Pinchas Goldschmidt, in Zürich geboren und aufgewachsen, ist Vorsitzender der Europäischen Rabbinerkonferenz. Seinen Aussagen zufolge wird der jüdisch-christliche Dialog inzwischen auch von orthodoxen Rabbinern grösstenteils unterstützt und befürwortet. Sorgen bereitet ihm die Säkularisierung. So sei ein religiös motivierter Antisemitismus, der sich gegen Juden richtete, ersetzt worden durch einen politisch motivierten, der sich gegen die Bevölkerung Israels richte.
Die modernen westlichen Staaten, so deutete Goldschmidt an, und mit ihnen Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, beruhten auf ethischen Grundlagen, die durch die hebräische und durch die christliche Bibel propagiert werden. Diese Grundlagen drohten durch die Säkularisierung erodiert zu werden.
Parabel vom Rabbi
Um diese Zeitanalyse zu verdeutlichen, erzählte er eine Geschichte: Ein Rabbi in einem katholischen Dorf in Osteuropa will eine Reise machen ins Nachbardorf. Er setzt sich in eine Kutsche. Kaum ist die Kutsche abgefahren, bittet der Rabbi den Kutscher umzukehren und ihn wieder nach Hause zu bringen. Später stellt sich heraus: Der Kutscher und seine Freunde wollten dem Rabbi eine Falle stellen und ihn ausrauben. Wie hat nun der Fahrgast die Pläne des Kutschers erraten können? Es sei ihm aufgefallen, dass sich dieser Christ, als sie an der Kirche vorbeikamen, nicht bekreuzigte. Da habe er sich zur Umkehr entschlossen. Was man daraus lernen kann: Wer Gott nicht fürchtet, wird auch seine Mitmenschen nicht schonen.
«Wenn die Kirchen leer sind», so Goldschmidt, «ist das ein Problem auch für uns Juden». Christen und Juden müssten die gemeinsamen Werte pflegen. «Wir brauchen die Werte, die wir gemeinsam haben, die Werte der Familie, die Werte der Gemeinschaft, die Werte des Pluralismus und der Demokratie und der Freiheit. Wir müssen diese Werte schützen, wir müssen sie verbreiten, Tag für Tag in den Kirchen und Synagogen. Und so können wir hoffen, mit Gottes Segen, die grossen Turbulenzen unserer Zeit zu überleben.»
«Die Kirche muss handeln.»
Die Podiumsdiskussion am Sonntag in der Paulus Akademie war von der Schweizer Jüdisch-römisch-katholischen Gesprächskommission organisiert worden. Diese Kommission hat am Sonntagabend – unterstützt von der Schweizer Bischofskonferenz und vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund – eine Erklärung veröffentlicht. Sie soll «Nostra Aetate» als «belastbare Dialoggrundlage» und als «Selbstverpflichtung, die bleibt» zukunftstauglich machen.
Von den Christen fordert diese Erklärung: «Keine christliche Identität ohne Judentum», «Keine Israelsvergessenheit beim Blick in die Bibel» und «keine christliche Praxis ohne Bezug zum Judentum».
Es gelte den Antisemitismus und auch den Antijudaismus zu bekämpfen, und zwar auch dort, wo er sich in «subtilen Formen» zeigt, die darin bestehen, das Judentum einfach zu verschweigen. «Die Kirche muss handeln.»
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