Fra Angelico: Gipfelpunkt christlicher Ästhetik

Die Ausstellung des Frührenaissancemalers Fra Angelico (1395-1455) hat in Florenz Rekorde an Eintritten gebrochen. Erstmals seit siebzig Jahren sind seine grossen Flügelaltäre in ihrer ursprünglichen Form zu sehen. Noch ist die Doppelausstellung im Kloster San Marco und im Palazzo Strozzi nicht zu Ende und schon melden die Organisatoren ein enormes Publikumsinteresse. Das lässt tief blicken.

Francesco Papagni

Fra Angelico – die Silbe Fra steht für Frate, Mönch – gehört  zu jener genialen Künstlergeneration, die in Florenz die Renaissance begründet hat. Zusammen mit dem Maler Masaccio, dem Allrounder Ghiberti, dem Bildhauer Donatello und den Architekten Michelozzo und Brunelleschi vollzieht Fra Angelico den Übergang von der Spätgotik zur jener Epoche, die dann Rinascimento bzw. Renaissance genannt worden ist.

In der Florentiner Doppelausstellung lässt sich die Besonderheit dieses Mönchs und Malers verstehen: Er übernimmt die Zentralperspektive, die just in diesen Jahren in Florenz  entdeckt wird und hebt zugleich die Eleganz sowie die Farbigkeit der Spätgotik auf ein neues Niveau.

Raffinierte Bildkompositionen

Die jetzige Ausstellung an zwei Orten ist die erste seit genau siebzig Jahren und wirft einen neuen Blick auf diesen Künstler. Zwar sind seine Hauptwerke in Florenz zuhause, aber erst jetzt wird es möglich, Flügelaltäre vollständig zu sehen.

Die Florentiner Schau vereinigt, was zusammengehört, und lässt die geistlichen Kunstwerke in ihrer ganzen Pracht erscheinen. So lässt sich beispielsweise der San Marco-Altar bewundern, den Fra Angelico für sein Kloster San Marco geschaffen hat. Im Sockel sind Szenen aus dem Leben der Heiligen Cosmas und Damian zu sehen, die heute in verschiedenen Museen aufbewahrt werden.

Der Dom in Florenz
Der Dom in Florenz

Cosmas und Damian waren die Schutzpatrone der Familie Medici, die den Altar gestiftet hat. Im Hauptbild ist eine Natività, eine Geburtsszene dargestellt, aber im Bild malt Fra Angelico ein kleines Kreuzigungsbild – ein Bild im Bild. Diese raffinierte Idee macht sinnenfällig, dass der Bezug zum Heiligen medial vermittelt ist. Entweder durch die Schrift oder eben durch Bilder. Auch in der Eucharistie ist Christus in den Medien Brot und Wein präsent.

Im Dialog mit Zeitgenossen

Die Ausstellung lässt Fra Angelico in Dialog mit seinen Altersgenossen treten, mit Ghiberti, der ihn in seiner frühen Phase prägt, mit Michelozzo, dem Hausarchitekten der Medici, der San Marco erbaut hat. Das Kloster verfügte im ersten Stock über eine Bibliothek, der ersten öffentlichen Bibliothek zumindest der westlichen Welt.

Die Bücher sind in den napoleonischen Wirren weitgehend verloren gegangen, aber jetzt sind dort einige Kodizes ausgestellt, die Fra Angelico als Buchmaler zeigen. Und natürlich sind auch die Zellen der Dominikaner zu besichtigen, die der Maler mit Andachtsbildern ausgestattet hat – für jeden Mönch ein eigenes. Sein berühmtestes Werk, die Verkündigung, ist dort ebenfalls zu bewundern.

Die Eleganz des Engels, der gerade gelandet scheint und die Zartheit Mariens, die leicht vorüber gebeugt ist, machen aus diesem Bild ein absolutes Meisterwerk. Schon die Zeitgenossen nannten Fra Angelico Beato, den Seligen.

Ein Zeichen der Zeit

Anders als etwa Masaccio, der mit der Spätgotik bricht, malt Fra Angelico nach wie vor gerne mit Goldhintergrund, ist aber mit seinen Kompositionen auf der Höhe der Zeit. Er ist der Mystiker unter den Künstlern der Frührenaissance. Umso mehr stellt sich die Frage, wieso er heute einen so grossen Erfolg feiert. Bis vor wenigen Tagen hat allein Palazzo Strozzi zweihunderttausend Eintritte gezählt.

Marina Abramović und Ulay in «Rest Energy», 1980.
Marina Abramović und Ulay in «Rest Energy», 1980.

Zum Vergleich: die Marina Abramovic´-Ausstellung am gleichen Ort verzeichnete 180’000 und war damit bisherige Rekordhalterin. Was fasziniert zeitgenössische Menschen an den Bildern dieses malenden Mönchs des frühen 15. Jahrhunderts?

Gipfelpunkt christlicher Ästhetik

Die Qualität der Bilder ist hervorragend, aber dies allein erklärt das Phänomen Angelico nicht. Wer die Werke sieht, ist vom tiefen Glauben, der in ihnen zum Ausdruck kommt, berührt. Das Engelhafte vermag einen Abglanz des Göttlichen sichtbar werden zu lassen.

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Das macht ihn zu einem Gipfelpunkt christlicher Ästhetik. Mag die Säkularisierung auch fortschreiten, an der Florentiner Schau zeigt sich, dass die Sehnsucht nach spiritueller Tiefe ungebrochen ist. Dass diese Sehnsucht Hunderttausende dazu bringt, die Reise ins winterliche Florenz zu unternehmen, kann als Zeichen der Zeit verstanden werden. 

*Die Doppelausstellung im Palazzo Strozzi und im Kloster San Marco dauert bis zum 25. Januar.


Ausschnitt aus dem Fresko «Maria Verkündigung» des Malers Fra Angelico im Kloster San Marco in Florenz. | © Public domain, via Wikimedia Commons/Fra Angelico
24. Januar 2026 | 17:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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