Wäre diese «Kathedrale» ein Gotteshaus der Zukunft – für verschiedene Religionen?
Im Prinzip ist es ein kühner Versuch: Könnte es eine Kirche geben, in der sich verschiedene Religionen gleichzeitig beheimatet fühlen? Die «Kleine Kathedrale», mit der derzeit im neuen Ausstellungsgebäude der Fondation Cartier in Paris Besuchende empfangen werden, löst solch ein Gedankenspiel aus. Ein Spiel mit religiösen Codes.
Wolfgang Holz
Nein, eine Kathedrale ist dieses Kirchlein wirklich nicht. Auch keine «Kleine Kathedrale», so wie der Künstler, der inzwischen verstorbene italienische Designer und Architekt Alessandro Mendini (1931-2019) seinen Gotteshaus-Entwurf 2002 betitelte. Zu minimalistisch wirkt das Ganze für eine Kathedrale.
Eng und winzig und doch…
Die Kirche, die man nur gebückt betreten könnte, hat eher die Dimension einer kleinen Dorfkapelle im Tessin. Oder einer finnischen Holzkirche irgendwo in der Tundra. Das Innere der «Kleinen Kathedrale» ist so eng und winzig, dass vielleicht gerade mal zehn Personen darin Platz fänden. Höchstens. Wenn überhaupt.
Und doch wirkt diese Kirche gleichermassen anziehend und befremdlich auf viele Besucherinnen und Besucher in der jüngst neu eröffneten Fondation Cartier, direkt neben dem Louvre in Paris. Weil das Gotteshaus den spielerischen Versuch wagt, ein Gebäude zu kreieren, in dem sich verschiedene Religionen zuhause fühlen könnten.
Christentum mit traditioneller Architektur
Wobei der Titel «Kleine Kathedrale» schon mal garantiert, dass das Christentum sichtbar vertreten ist – ebenso in Form der Gesamtarchitektur mit Kirchenkörper und dazu gestelltem Glockenturm. Von der Ferne betrachtet könnte es, wie gesagt, eine Dorfkirche sein.
Ja, sogar eine kleine Basilika könnte es sein – was die hallenartige Architektur mit einem hohem Mittel- und zwei niedrigen Seitenschiffen andeutet. Nicht zu vergessen, die Rosette an der Kirchenfront. Auf jeden Fall scheint in diesem sakralen Bau eine Menge Christentum zu schlummern.
Aussenwände mit Mosaiken verziert
Trotzdem könnten Christen die «Kleine Kathedrale» als fremd empfinden, sind doch die Wände der Kirche rundum mit Mosaiken besprenkelt.
Man wähnt sich irgendwie sofort in einer islamischen Moschee, deren ornamentalen Innenwände für einmal nach aussen gestülpt wurden. Ebenso passt der teils minarettartig gestaltete Kirchturm mit Kassettenstrukturen eher in die sakrale Welt des Islam.
Eine christliche Kirchenform mit äusserlich ornamentalen Mosaikstrukturen könnte indes versöhnlich für das Verhältnis zwischen Islam und Christentum wirken – und könnte als Modell dem religiös-interkulturellen Dialog dienen.
Innenraum mit goldener Kultfigur
Vielleicht wäre eine solche Kirche, in demütigem Format ausgeführt und platziert in der Pariser Banlieue, durchaus fähig, die gesellschaftlichen Spannungen zwischen der dort mehrheitlich wohnenden islamischen Bevölkerung einerseits und Christen andererseits zu befrieden.
Allerdings könnten muslimische Gläubige wohl schnell durch das Innere der «Kleinen Kathedrale» abgeschreckt werden – beherbergt doch das Kirchlein im Innern ein grosses, goldenes Gesicht im Stil eines archaischen Antlitzes: eine Skulptur aus handgeschnittenen Bisazza-Mosaik-Goldziegeln. Eine Art abstrakte Ikone, wenn man so will.
Schmelztiegel verschiedener religiöser Zeichen
Während sich christliche Barocktraditionen und orthodoxe Vorstellungen von goldenen Ikonostasen mit dieser glänzenden Kultfigur im Innern des Gotteshauses wohl anfreunden könnten, dürften Muslime mit dem Bilderverbot im Islam sich dauerhaft befremdet fühlen.
Deshalb ist die «Kleine Kathedrale» von Alessandro Mendini unterm Strich eher als ästhetisches Spiel mit religiösen Zeichencodes zu verstehen, denn als real zu verwirklichender Sakralbau. Kunst, eben.
Mönchsgesänge und Minzeduft
Zum Spiel Mendinis mit religiösen Codes gehört auch, dass aus der goldenen Skulptur Gesänge von Mönchen verschiedener Glaubensrichtungen ertönen sowie ein Duft von frischer Minze verströmt wird. Sakrale Synästhesie sozusagen. Faszinierend.
*Die «Fondation Cartier» ist ein Museum für zeitgenössische Kunst in Paris. Die Stiftung wurde 1984 als Zentrum für zeitgenössische Kunst von der Firma Cartier gegründet. Seit dem 25. Oktober dieses Jahres zeigt das Museum seine Ausstellungen gegenüber vom Louvre unter der neuen Adresse 2, place du Palais-Royal. Der französische Architekt Jean Nouvel, der auch in Luzern das KKL baute (1998), gestaltete das historische Kaufhaus für die erste Weltausstellung 1855 zu einem Ausstellungsort mit rund 6500 Quadratmetern um.(woz)
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