Monika Renz, Sterbeforscherin und Expertin im Umgang mit Leidenden
Schweiz

Monika Renz: «Am Tiefpunkt einer Verzweiflung kann etwas Rettendes passieren»

Die Sterbeforscherin und Expertin im Umgang mit Krebskranken hat ihre Erfahrungen in einem neuen Buch gebündelt. Titel: «Meine Hoffnung lass’ ich mir nicht nehmen». Im Podcast «Laut + Leis» sagt Monika Renz, weshalb Hoffnung Entscheidung und Geschenk ist. 

Sandra Leis

Sie ist eine Pionierin der Sterbebegleitung und hat vor mehr als einem Vierteljahrhundert die Psycho-Onkologie am Kantonsspital St. Gallen (heute Hoch Health Ostschweiz) aufgebaut und bis vor kurzem geleitet. Nun ist Monika Renz teilpensioniert.

Über die Grundidee sagt sie: «Wir wollen ganz pragmatisch da sein für die Menschen – für die Leidenden, die Sterbenden, aber auch für jene, die wieder gesund werden, und für ihre Angehörigen.» Wichtig seien verschiedene Kanäle. Das könne ein Gespräch sein, Musiktherapie oder auch spirituelle Begleitung. 

Renz betont: «Ich möchte, dass wenn immer möglich dieselbe Person sich um einen Patienten kümmert und so eine tragfähige Beziehung aufbauen kann.»

Was Schwerkranke und Sterbende umtreibt

Die Frage «Warum gerade ich?» beschäftige einen kleineren Teil. Denn es sei allmählich durchgesickert, dass es auf diese Frage keine Antwort gebe. Man könne zurückfragen: «Soll es immer die anderen treffen?» Doch klar sei: «Krankheit und Sterben sind und bleiben eine Zumutung.»

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Viel häufiger seien Fragen wie: «Wie kann ich mein Leben noch sinnhaft leben?», «Wie könnte ein guter Alltag künftig aussehen?» oder «Wie kann ich Ja sagen zu meinem Schicksal?»

Erfahrung zählt

Renz erzählt von einer Frau, die auf ein schwieriges und konfliktreiches Leben zurückschaut und jetzt unter einem schwer metastasierenden Krebs leidet inklusive Veränderungen im Hirn. Die Frau sei völlig verzweifelt gewesen und habe erlebt, dass ein guter Freund immer wieder vorbeigekommen sei. 

Szene aus dem Film «L'Ordre des Médecins»: Während die Mutter loslassen kann, hat die Familie schwer zu kämpfen.
Szene aus dem Film «L'Ordre des Médecins»: Während die Mutter loslassen kann, hat die Familie schwer zu kämpfen.

Diese Frau habe Liebe erfahren und schliesslich folgendes geträumt: «Ich sehe ein Sternenmeer und bin ein Stern.» Das habe ihr das Gefühl gegeben: «Okay, ich war ein Stern und werde wieder ein Stern sein. Es darf sein, wie es ist.»

Die Frau habe loslassen können. «Am Tiefpunkt einer Verzweiflung kann etwas Rettendes passieren», so Renz. «Hätte ich diese Erfahrung nicht schon viele hundert Male miterleben und auch selber machen dürfen, wäre ich schon längst aus meinem Beruf ausgestiegen.»

Sterben gläubige Menschen besser?

Echte Erfahrung sei auch bei gläubigen Menschen entscheidend, sagt Renz. «Wenn Glaube tiefe spirituelle Erfahrungen bedeutet – in einem Gottesdienst, in der Natur oder im Meditieren –, dann ist er sehr heilsam.» 

Doch wenn Glaube ein starres Dogma sei, dann stehe diese Fixierung genauso im Weg wie bei anderen Menschen die Fixierung auf die Mutter oder das Haus. «Dann braucht es zuerst ein schmerzliches inneres Loslassen und ein neues Offenwerden, damit mehr geschehen kann.»

Die Entscheidung, offen zu bleiben

Monika Renz hat mehr als tausend Menschen in ihrem Sterbeprozess begleitet, viel Leid und Schmerz miterlebt und auch am eigenen Leib durchlitten. Sie hat mehrere Unfälle und Krankheiten überstanden, weiss, was bohrender körperlicher Schmerz ist und wie sich tiefe Verzweiflung anfühlt.

Ein hoffnungsvoller Satz.
Ein hoffnungsvoller Satz.

Trotzdem sagt sie Ja zum Leben: «Ich muss täglich die Entscheidung treffen, offen zu bleiben für das Gute, das mir heute widerfährt. Dass ich das Gute dann auch als solches erleben darf, das ist Geschenk oder Gnade.»

«Hoffen heisst hüpfen»

«Meine Hoffnung lass’ ich mir nicht nehmen», so lautet der Titel des neuen Buches von Monika Renz. Auf die Frage, was Hoffnung für sie sei, antwortet sie im Podcast «Laut + Leis»: «Hoffen heisst hüpfen etymologisch. Es ist die Kraft nach vorne, die mich immer wieder aufblühen lässt, und für Leidende ist Hoffen identisch mit Sinnhaftigkeit.»

Wer diese Sinnhaftigkeit im Leiden nicht erkennen kann, möchte seinem Leben vielleicht ein selbstbestimmtes Ende setzen und Sterbehilfe in Anspruch nehmen.

Umgang mit dem Wunsch nach Sterbehilfe

Renz steht der Sterbehilfe kritisch gegenüber. Sie hat einen Doktortitel in Psychologie und einen in Theologie und ist ausgebildete Musiktherapeutin. 

Was sagt sie einem Menschen, der Sterbehilfe für sich in Anspruch nehmen will? «Ich höre immer den Tonfall. Wie sagt mir jemand, dass er oder sie mit Sterbehilfe aus dem Leben scheiden möchte?»

Ein letztes Goodbye.
Ein letztes Goodbye.

Oft höre sie Angst heraus, weil die Person Mutter oder Vater schlimm hat sterben sehen. «Dann kann ich aus meiner Erfahrung etwas sagen.» Das entlaste und könne auch bewirken, dass diese Menschen sich auf Palliative Care einlassen möchten und dafür sehr dankbar seien.

«Wenn aber jemand dezidiert sagt, ich gehe so und fertig, dann muss ich nichts dazu sagen.»

Urvertrauen und Urangst

Mit Urvertrauen und Urangst beschäftigt sich Renz seit vielen Jahren und hat 1994 ihre erste Dissertation zu diesem Thema geschrieben. In ihrem neusten Buch hält sie fest: «Insgesamt gehört die Erkenntnis, dass Urvertrauen älter ist als Urangst, zu meinen wichtigsten Erkenntnissen. Diese Erkenntnis begründet, warum man selbst im Hoffnungslosen hoffen darf.»

Das Buch
Monika Renz: «Meine Hoffnung lass’ ich mir nicht nehmen. Wege der Erlösung und der Spiritualität heute». Herder-Verlag 2025, 224 Seiten.


Monika Renz, Sterbeforscherin und Expertin im Umgang mit Leidenden | © Sandra Leis
14. November 2025 | 07:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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