Junge Menschen am nationalen Weltjugendtag in Lugano vom 2. bis 4. Mai 2025
Schweiz

Studie überrascht: Junge Männer gehen häufiger zur Messe als junge Frauen

Das SPI Suisse Romande hat im vergangenen Jahr die Spiritualität junger Erwachsener in der französischsprachigen Schweiz unter die Lupe genommen. Die Studie zeigt: Die religiöse Praxis von Männern und Frauen verändert sich unterschiedlich.

Barbara Ludwig

Was glauben junge Erwachsene in der Romandie? Was bedeutet ihnen der Glaube? Und welche Beziehung haben sie zum Glauben und zur Kirche als Institution? Diesen Fragen ist eine Untersuchung des SPI Suisse Romande im vergangenen Jahr nachgegangen. Das noch junge SPI Suisse Romande ist eine Zweigstelle des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen.

Im Austausch mit kirchlichen Akteuren habe sich gezeigt, dass ein Anliegen immer wieder auftauchte, heisst es in Studienbericht in französischer Sprache, der am Montag publiziert wurde: die Frage der jungen Erwachsenen. In Absprache mit der Westschweizer Ordinarienkonferenz (COR) entschied sich die Forschungsstelle deshalb, ihre erste Untersuchung der Beziehung junger Erwachsener zur Spiritualität zu widmen.

Umfrage bei 16- bis 30-Jährigen

Zu diesem Zweck führte sie im Frühjahr und Sommer eine Fragebogenerhebung durch, die 500 verwertbare Antworten von 16- bis 30-Jährigen aus den sechs Westschweizer Kantonen ergab. 422 der Befragten gaben an, katholisch zu sein. Knapp 40 Prozent der Befragten waren Männer, 58 Prozent Frauen. Zwei Prozent beantworteten die Frage nach dem Geschlecht nicht. Parallel zur Fragebogenerhebung wurden neun qualitative Interviews geführt.

Glaube, Beziehung zu Gott und Kirchgang für Männer und Frauen (Antworten „Ja“ + „Ja, sehr“). SPI St. Gallen
Glaube, Beziehung zu Gott und Kirchgang für Männer und Frauen (Antworten „Ja“ + „Ja, sehr“). SPI St. Gallen

Die Untersuchung wartet mit einem überraschenden Befund auf. Seit ihren Anfängen habe die Religionssoziologie eine grössere religiöse Praxis bei Frauen im Vergleich zu Männern beobachtet, heisst es einer Zusammenfassung der Ergebnisse, die das SPI am Montag auf seiner Webseite veröffentlichte.

Religiöse Praxis der Geschlechter wandelt sich

Doch nun zeigt sich ein Wandel unter den 16- bis 30-Jährigen in der französischsprachigen Schweiz. «Während junge Frauen nach wie vor etwas gläubiger sind und häufiger angeben, eine Beziehung zu Gott zu haben, besuchen junge Männer dagegen häufiger als Frauen die Messe», schreibt Studienautorin Isabelle Jonveaux, die Leiterin des SPI Suisse Romande. Der Unterschied beträgt demnach 9,4 Prozentpunkte beim Besuch der Messe. Das sei relativ neu, stehe aber im Einklang mit Beobachtungen, die kürzlich in evangelikalen Kreisen in den USA gemacht worden seien.

Revirilisierung des Katholizismus?

Die Tatsache, dass junge Männer häufiger die Messe besuchten, könnte auf pastorale Bemühungen zurückgehen, die explizit für diese Zielgruppe unternommen worden seien, so die Religionssoziologin. Aus statistischer Sicht hätte dies jedoch zu einer Angleichung der Praxis von Frauen und Männern führen müssen. Dies ist nicht der Fall.

«Die Frage lautet also, ob diese jungen Frauen weniger zur Messe gehen, weil sie sich dort weniger wohl oder willkommen fühlen. Grund könnte eine Tendenz zur Revirilisierung des Katholizismus sein oder eine grössere Unzufriedenheit mit der Stellung, die Frauen in der Kirche eingeräumt wird», schreibt Jonveaux.

Im Bericht zitiert die Religionssoziologin Aussagen einer Frau, die den «Sexismus» in der Kirche nicht mehr ertragen kann, während sich eine andere darüber ärgert, dass die Rollen von Müttern und Nonnen in der Kirche aufgewertet werden, aber nicht die Frauen um ihrer selbst willen.

Religiosität in der Stadt höher als auf dem Land

Ein weiterer Befund der Untersuchung mag überraschen. So praktizieren die jungen Menschen in städtischem Milieu häufiger und zeigen sich gläubiger als ihre Altersgenossen auf dem Land. 89 Prozent der jungen Menschen in der Stadt gaben demnach an, an Gott zu glauben, während es auf dem Land nur 77 Prozent waren.

«Dieses Ergebnis zeigt eine Trendumkehr im Vergleich zum 20. Jahrhundert, als die Städte am stärksten von der Entchristlichung betroffen waren, während die ländlichen Gebiete einer kulturell verankerten religiösen Identität treuer blieben», erklärt die Studienautorin.

Jonveaux sieht die Trendumkehr im Zusammenhang mit dem soziographischen Profil der jungen Erwachsenen: Der Anteil der Schweizerinnen und Schweizer sei auf dem Land höher, während der Anteil der EU-Bürgerinnen und EU-Bürger wiederum in den Städten höher sei. Junge Erwachsene aus einem EU-Land praktizierten ihren Glauben im Durchschnitt mehr als Ihre Altersgenossen mit Schweizerpass.

Glaube an Auferstehung nährt Hoffnung

Die Untersuchung ist auch der Frage nachgegangen, was die jungen Menschen von der Spiritualität und der Kirche erwarten. Ein «Mehrwert des Glaubens und der gelebten Spiritualität» zeige sich bei dem, was man heute mentale Gesundheit nenne, heisst es im Bericht.

Ressourcen, die von 16- bis 30-Jährigen in Anspruch genommen werden, abhängig von der Intensität ihrer Beziehung zu Gott. SPI St. Gallen
Ressourcen, die von 16- bis 30-Jährigen in Anspruch genommen werden, abhängig von der Intensität ihrer Beziehung zu Gott. SPI St. Gallen

Zunächst lasse sich feststellen, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod einen grossen Einfluss habe. 80 Prozent derjenigen, die an die Auferstehung der Toten glauben, sagen demnach, dass ihnen dieser Glaube Hoffnung oder viel Hoffnung für ihr Leben auf Erden gebe. «Der Glaube an ein Leben nach dem Tod scheint also spürbar das Gefühl von Hoffnung im Alltag zu stärken», schreibt Isabelle Jonveaux.

Glaube hilft gegen Angst

Bei den Personen, die eine Beziehung zu Gott haben, wird laut Studie das Gebet oder die Meditation zur erste Ressource, die bei Angstzuständen mobilisiert wird. Die qualitativen Interviews und die Antworten auf die offene Frage des Fragebogens zeigen die Wichtigkeit auf, in Situationen des Leidens, der Krankheit oder der Prüfung Hilfe im Glauben zu finden.

Kirche relevant bei existentiellen Fragen

Die befragten jungen Menschen anerkennen die Kompetenzen der Kirche in verschiedenen Bereichen: Bei den grossen existentiellen Fragen (80 Prozent), bei sozialen Fragen (72 Prozent), bei Ungerechtigkeiten und ethischen Fragen (69 Prozent).

Antworten auf die Frage: "Glaubst du, dass die Kirche etwas Relevantes zu diesen Themen zu sagen hat?" Antworten: "Ja" und "Ja, sehr". SPI St. Gallen
Antworten auf die Frage: "Glaubst du, dass die Kirche etwas Relevantes zu diesen Themen zu sagen hat?" Antworten: "Ja" und "Ja, sehr". SPI St. Gallen

Mehr als Viertel (27 Prozent) der Personen ohne Kirchenmitgliedschaft anerkennen ebenfalls, dass die Kirche Wichtiges zu sagen hat, wenn es um die grossen existentiellen Fragen geht. Die Kirche «scheint also ein relatives Monopol auf existenzielle und ethische Fragen zu behalten, das anderen Institutionen nicht gleichermassen zuerkannt wird».

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Junge Menschen am nationalen Weltjugendtag in Lugano vom 2. bis 4. Mai 2025 | © zVg
2. Juni 2025 | 17:27
Lesezeit : ca. 4  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!