Simone Curau-Aepli vom Frauenbund an einem Treffen der Allianz Gleichwürdig Katholisch, 2021
Schweiz

Simone Curau-Aepli: «Ich war nie Einzelkämpferin, fühlte mich getragen durch verbündete Menschen»

Sie hat sich immer wieder pointiert zu Kirchenfragen geäussert, als liberal-katholische Stimme. Am 23. Mai tritt Simone Curau-Aepli als Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes zurück, will sich aber weiter für Reformen einsetzen. Sie habe eine unglaubliche Horizonterweiterung erlebt, sagt sie. Und erzählt von positiv-coolen und unangenehmen Momenten.

Regula Pfeifer

Sie treten wegen Amtszeitbeschränkung als Präsidentin des Frauenbunds zurück.

Curau-Aepli: Ja, jetzt ist definitiv fertig, nach zwölf Jahren im Verbandsvorstand des SKF, des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds. Vor drei Jahren wurde mir eine weitere Amtszeit erlaubt – trotz Amtszeitbeschränkung von neun Jahren im Verbandsvorstand.

«Wie es mir damit geht, merke ich wohl erst nachher.»

Mit welchem Gefühl treten Sie zurück?

Curau-Aepli: Ich weiss zwar seit drei Jahren, dass ich 2025 gehen werde. Und ich sage mir immer wieder: Und das ist jetzt das letzte Mal. Doch ist für mich noch nicht vorstellbar, dass ich zurücktreten werde. Ich habe noch kein Gefühl dafür. Wie es mir damit geht, merke ich wohl erst nachher. Ich bin auch noch unglaublich dran an der Arbeit…

Delegiertenversammlung des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds, 2024
Delegiertenversammlung des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds, 2024

Dass allerdings das Co-Präsidium steht, ist für mich wunderbar. Ich weiss: Da übernehmen zwei Frauen in ihrer Art, mit ihrer Kompetenz, mit Herzblut. Das ist für mich super.

«Für mich spricht viel dafür, das ‹K› aus dem Namen herauszunehmen.»

Hätten Sie sich ein Präsidium ohne «K» im Verbandsnamen vorstellen können?

Curau-Aepli: Ja, für mich spricht viel dafür, das «K» aus dem Namen herauszunehmen. Als ich 2013 in den Vorstand kam, war das Positionspapier «Katholisch unterwegs» in Arbeit. Denn die Ortsvereine fragten: Wieso habt ihr das «K» noch im Namen? Da definierten wir katholisch für uns und vertraten dies verbandsintern. Wir schafften es aber nicht, das «K» anders zu definieren, als es in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Da ist der neue Name «Frauenbund Schweiz» mit dem Claim «überraschend anders katholisch» für mich eine gute Lösung, über den die Delegiertenversammlung abstimmen wird.

«Beim Frauenbund habe ich in Sachen Kirchenpolitik eine unglaubliche Horizonterweiterung erlebt.»

Wie hat das SKF-Präsidium Sie verändert und geprägt?

Curau-Aepli: Mit Führung hatte ich Erfahrung, als ich im Vorstand anfing. Denn ich habe bis vor drei Jahren mit meinem Mann ein Unternehmen geführt. Wir waren Verwaltungsrat und Geschäftsleitung zusammen. Aber bezüglich Verbandsarbeit habe ich im Frauenbund viel Neues gelernt – auch die Medienarbeit.

Simone Curau-Aepli in ihrer Firma Curau in Weinfelden, 2016
Simone Curau-Aepli in ihrer Firma Curau in Weinfelden, 2016

Über den Frauenbund war ich in der eidgenössischen Kommission für Frauenfragen aktiv, sogar als Vizepräsidentin. Ich war damit auch auf Bundesebene ganz anders in die politische Arbeit eingebunden als vorher, als ich zehn Jahre Präsidentin der CVP-Frauen Thurgau (heute Die Mitte Frauen) und Vizepräsidentin der CVP-Frauen Schweiz war. Beim Frauenbund habe ich in Sachen Kirchenpolitik eine unglaubliche Horizonterweiterung erlebt. Ich war Quereinsteigerin, als ich im Vorstand anfing.

«Dieses Bundeshaus voller Frauen, das war einfach megacool!»

Was war Ihr schönster Moment als SKF-Präsidentin?

Curau-Aepli (lacht): Ich war letzte Woche in einem Ortsverein. Dort zu merken: Wow, was diese sechs oder sieben Frauen um die 40 für das Dorf und die Familien machen, ist unglaublich. Und die Frauensession im Nationalrat vom Oktober 2021, die wir mit den anderen Frauendachverbänden organisiert hatten. Dieses Bundeshaus voller Frauen, das war einfach megacool! Oder ich war 2017 in Bolivien, wo ich in zweieinhalb Wochen elf Elisabethenwerk-Projekte besuchte. Zu sehen, was wir mit unserem Kleinsthilfswerk bewirken, wie wir Frauen stärken und befähigen können, war ein Highlight. All diese Momente bewegen mich bis heute unglaublich, auch in ihrer Vielfalt.

Demonstration "Es reicht" im März 2014 in St. Gallen
Demonstration "Es reicht" im März 2014 in St. Gallen

Was war Ihr unangenehmster Moment?

Curau-Aepli (überlegt): Es war im Nachgang der grossen Kundgebung von 2014 in St. Gallen. Auslöser dafür war Bischof Huonder, der gesagt hatte: Alle Menschen, die gemäss katholischer Kirche in irregulärer Situation leben – also geschieden und wiederverheiratet, homosexuell oder verhütend leben –, müssen im Gottesdienst mit verschränkten Armen vor den Priester treten und bekommen den Segen statt der Kommunion. Da fanden Jacqueline Keune und Regula Grünenfelder und ich: Das geht gar nicht. Wir lancierten die Petition «Segen statt Brot». Daraus entstand die Kundgebung «Allianz Es reicht!»

«Ich erinnere mich an einen langen, dunklen Tisch, an dem Bischöfe wie Vitus Huonder und Marian Eleganti sassen.»

Ein halbes Jahr später wurden wir zu viert an die Bischofskonferenz in Einsiedeln vorgeladen, wo wir unsere Forderungen zur Gleichwürdigkeit aller Menschen vorbrachten. Ich erinnere mich an die Atmosphäre in jenem dunklen Saal, da war ein grosser langer, dunkler Tisch, an dem Bischöfe wie Vitus Huonder und Marian Eleganti sassen. Sie hörten uns nicht wirklich zu. Ich dachte: «Meine Güte». Am Schluss ging ich erschüttert hinaus.

«Mich erschütterte, dass kein Dialog möglich war.»

Ähnlich erging es mir, als wir etwa zwei Jahre später dem Nuntius in Bern eine Petition überbrachten. Thomas Gullickson interessierte sich null, sondern hielt uns einen langen Vortrag darüber, was in der Kirche Schweiz anders funktionieren sollte. Wir gingen raus und rieben uns die Augen. Mich erschütterte, dass kein Dialog möglich war. Ich dachte: Und diese Leute führen unsere Kirche? Das waren schwierige Erfahrungen.

Sie haben sich immer wieder pointiert zu Kirchenfragen geäussert. Wie waren die Reaktionen?

Curau-Aepli: Reaktionen hat es immer gegeben, das ist positiv. Das zeigt: Der Frauenbund hat eine Stimme, die gehört wird. Als der Papst etwa sagte, dass Ärzte bei Abtreibungen Beihilfe zum Mord leisten, kamen die Medien auf uns zu und fragten: Was meint ihr dazu? Weil sie wissen, dass wir uns anders positionieren. Wir sind die liberal-katholische Stimme.

Sanija Ameti, Co-Präsidentin Operation Libero, an einer Medienkonferenz zur Lancierung der Europa-Initiative, 2. April 2024 in Bern.
Sanija Ameti, Co-Präsidentin Operation Libero, an einer Medienkonferenz zur Lancierung der Europa-Initiative, 2. April 2024 in Bern.

Wir wollten aber über die kirchliche Medienbubble hinaus wahrgenommen werden. Das gelang uns bei Sanja Ametis Schüsse auf ein Marienbild. Wir verurteilten klar die Hasstiraden gegen sie. Das fand breite Resonanz – bis heute. Die einen sagen mir: Wenn das katholisch ist, trete ich aus der Kirche aus. Andere: Wenn das katholisch ist, trete ich wieder in die Kirche ein (lacht).

Woher haben Sie den Mut für solche Aussagen genommen?

Curau-Aepli: Ich war nie Einzelkämpferin, auch wenn ich mich aus dem Fenster lehnte. Ich fühlte mich getragen durch verbündete Menschen. Das gilt für den Frauenbund ebenso wie für die «Allianz Es reicht!», der heutigen «Allianz Gleichwürdig Katholisch», in der ich mich seit zwölf Jahren stark engagiere. Von daher war da nie eine Angst. Am Anfang war es eine Mutfrage, aber das lernt man ja.

«Die katholische Kirche ist meine religiöse Heimat.»

Wie stehen Sie zur katholischen Kirche?

Curau-Aepli: Ich identifiziere mich sehr mit der katholischen Kirche. Sie ist meine religiöse Heimat. Ich bin in der kirchlichen Jugendarbeit sozialisiert und politisiert worden. Ich war auch angestellt in der Landeskirche Thurgau, bei der Jugendseelsorge. Dort habe ich meinen Mann kennen gelernt. Und ich bin heute noch in der Pfarrei engagiert. Ich sage immer: Es gibt zwei Wege, etwas zu verändern: drinbleiben und probieren zu verändern oder rausgehen und neumachen. Ich finde beide Wege legitim. Mein Weg ist: drinbleiben und verändern.

Simone Curau-Aepli vom Frauenbund an einem Treffen der Allianz Gleichwürdig Katholisch, 2021
Simone Curau-Aepli vom Frauenbund an einem Treffen der Allianz Gleichwürdig Katholisch, 2021

«Ich begrüsse, wie Papst Franziskus mit dem synodalen Prozess umgeht.»

Sie haben sich stark für die Frauen in der Kirche eingesetzt. Leider ist Gleichberechtigung noch nicht Realität. Sind Sie enttäuscht?

Curau-Aepli: Nein, denn ich weiss: Es geht um Kulturwandel. Deshalb begrüsse ich, wie Papst Franziskus mit dem synodalen Prozess umgeht. Er akzeptierte das Abschlussdokument, wie es war. Er entschied nicht autoritär von oben herab etwas, obwohl er es könnte. Denn er weiss, dass es von unten her verändert werden muss. Im Unterschied zu anderen feministischen Freundinnen und Freunden finde ich: Der Weg ist richtig, synodal. Eine Hauruck-Herrschaft nach dem Vorbild heutiger Autokraten – etwa von US-Präsident Trump – möchte ich nicht in meiner Kirche.

Nun bin ich gespannt, wie die synodalen Bälle in den Ortskirchen aufgenommen werden. Und zwar nicht nur bezüglich Gleichberechtigung, sondern auch bezüglich Ämter und Sexualmoral: Da liegt noch viel im Argen, das unbedingt verbessert werden sollte.

Frauenstreik und Frauenkirchenstreik: Sitzstreik im Aargau – mit Vroni Peterhans (vorne, mit Mitra)
Frauenstreik und Frauenkirchenstreik: Sitzstreik im Aargau – mit Vroni Peterhans (vorne, mit Mitra)

Beim Weg der Erneuerung konntet ihr vom Frauenbund 2020 als erste mit den Schweizer Bischöfen reden. War das eine gute Erfahrung – im Vergleich zu früher?

Curau-Aepli: Ja, wir gingen in einer Position der Stärke dahin. Das Treffen war angestossen vom Frauenstreik und Frauenkirchenstreik 2019, als wir unter dem Motto «Gleichberechtigung.Punkt.Amen» auf die Strasse gingen. Damals merkten viele in der Kirche: Jetzt muss etwas gehen. Wir stellten unsere Forderungen auf, die dazu führten, dass der Weg der Erneuerung grösser gedacht wurde. Das war wie der Vorprozess für den nachfolgenden synodalen Prozess. Wir sagten später: Das löst sich nun darin auf.

Wir trafen uns also mit den Bischöfen in Delémont, arbeiteten einen Tag zusammen und formulierten sieben Erwartungen. Eine davon war das Verständnis von Sakramentalität, wozu wir dann eine Tagung an der Universität Freiburg (Schweiz) organisierten. Bei anderen Erwartungen liefen wir auf. So hat die Bischofskonferenz bis heute keine ständige Frauenvertretung. Ich verstehe das echt nicht.

Helena Jeppesen-Spuhler und Bischof Felix Gmür, auf dem Petersplatz in Rom, Oktober 2024
Helena Jeppesen-Spuhler und Bischof Felix Gmür, auf dem Petersplatz in Rom, Oktober 2024

Anderswo tat sich doch etwas. Helena Jeppesen war eine Vertreterin der «Allianz Gleichwürdig Katholisch», sie verstand sich auch so. Diese Stimme haben wir sehr prominent in der synodalen Versammlung in Rom eingebracht. Das brauchte viel: dranbleiben, hartnäckig sein. Schliesslich war sie auf Augenhöhe mit Bischof Felix Gmür dabei. In den Medien hatte sie gar mehr Resonanz als er.

Streben Sie ein anderes politisches Amt an?

Curau-Aepli: Politische Ämter strebe ich mit 64 nicht mehr an. Ich werde den SKF weiterhin im Trägerverein der «Allianz Gleichwürdig Katholisch» vertreten, da bin ich fürs Fundraising zuständig. Auch beim Catholic Women’s Council, der weltweiten Organisation, bei der wir einen Schweizer Trägerverein haben, werde ich mich weiter engagieren. Sonst strecke ich keine Fühler aus. Aber ich bin überzeugt, da kommen noch Ideen und Anfragen, eine habe ich bereits. Ich brauche erst einen leeren Kopf, um zu überlegen, was ich will. Es ist ein Privileg, sich ehrenamtlich engagieren zu können mit Menschen, die ähnliche Anliegen vertreten. Das macht auch mein Mann, wir bestärken uns gegenseitig darin.

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Simone Curau-Aepli vom Frauenbund an einem Treffen der Allianz Gleichwürdig Katholisch, 2021 | © Manuela Matt
21. März 2025 | 17:00
Lesezeit : ca. 6  Min.
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