Seelsorger für Digital Natives: «Sich von Bildschirmen zu befreien ist eine spirituelle Herausforderung»
Jean-Baptiste Bienvenu kümmert sich als Seelsorger um junge Menschen, die ständig aufs Smartphone starren. Der Priester der Diözese Versailles hat einen Leitfaden erarbeitet, der ihnen helfen soll, sich von den Bildschirmen zu befreien.
Carole Pirker, cath.ch / Adaption: Barbara Ludwig
Dabei arbeitet Jean-Bapstiste Bienvenu selbst mit digitalen Inhalten. Der Geistliche koordiniert einen Blog, der Videos von Priestern in den sozialen Netzwerken verbreitet – padreblog.fr heisst er. Im Interview mit cath.ch erklärt Bienvenue, wie er umgeht mit diesem scheinbaren Paradox zwischen der Sucht nach den Bildschirmen und den Möglichkeiten, die sie bieten.
Herr Bienvenu, Sie haben im Verlag Arpège das Buch «Ils nous bouffent» (Sie fressen uns auf) veröffentlicht, das sich auf unsere Computer- und Smartphone-Bildschirme bezieht. Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Jean-Baptiste Bienvenu*: Ich stelle fest, dass sich viele Menschen eines Problems im Zusammenhang mit ihren Bildschirmen bewusst sind. Sie wissen, dass sie offline gehen sollten, aber sie wissen nicht, wie. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben, um konkrete Hinweise zu geben, Schuldgefühle abzubauen und eine schrittweise Befreiung zu erreichen.
«Die Frage der Bildschirme ist eine Frage der Innerlichkeit und der Spiritualität.»
Denn es handelt sich um eine spirituelle Herausforderung. Die Frage der Bildschirme ist eine Frage der Innerlichkeit und der Spiritualität. Sie nehmen viel Platz in unserem Leben ein, und meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Menschen mit Gott in Verbindung treten können, was bedeutet, dass man Platz in seinem Innern haben muss. Junge Leute sagen mir oft: «Ich verbringe zu viel Zeit am Bildschirm. Das trennt mich von den anderen, das trennt mich von Gott.»
Sie bezeichnen Bildschirme als eine Waffe zur massiven Ablenkung…
Bienvenu: Ja, die Formulierung stammt von dem französischen Schriftsteller Georges Bernanos, der 1947 schrieb: «Man versteht die moderne Zivilisation nicht, wenn man nicht zugibt, dass sie eine universelle Verschwörung gegen jede Form von Innenleben ist.» Es liegt mir fern, Verschwörungstheorien aufzustellen, aber heutzutage ist es schwierig, ein Innenleben zu haben. Man wird von all den Benachrichtigungen abgelenkt, die zu jeder Tageszeit eintreffen und die uns immer wieder von der Kontinuität unseres Lebens abschneiden.
Ihr Leitfaden wird als praktisch, aber auch als spirituell bezeichnet. Was daran ist spirituell, wenn es zum Beispiel um unsere Beziehung zur Zeit geht?
Bienvenu: Die Zeit ist unser Leben. Die Beziehung zur Zeit ist unsere Fähigkeit, uns selbst zu verstehen, uns selbst zu kennen. Dafür brauchen wir Abstand, Innerlichkeit – und Zeit. Diese wird jedoch durch Bildschirme bedroht. Wenn Sie meditieren oder beten wollen, wie soll das gehen, wenn das Handy in Ihrer Tasche ständig vibriert? Das ist unmöglich. Wir sind Wesen mit einer Geschichte, die über lange Zeiträume gewachsen ist. Die Zeit am Bildschirm ist jedoch fragmentiert. Meiner Meinung nach sind die Kontinuität und die Geschichte von entscheidender Bedeutung. Der christliche Glaube ist ein Glaube, der historisch ist, der erzählt wird. Und um ihn aufzunehmen, brauchen wir Zeit.
Stehen die Zeit des Menschen und die Zeit der Bildschirme im Widerspruch zueinander?
Bienvenu: Ganz klar. Vor zwei Wochen sah ich eine junge Frau im Zug. Sie chattete über Instagram, während sie an ihrer Masterarbeit schrieb. Ich weiss nicht, ob sie erzählen kann, wer sie auf dieser Reise war. Eigentlich existiert sie nicht. Sie ist in tausend Aktivitäten zersplittert. Sie ist eine Sklavin dieser Zeitlichkeit, die eine Zeitlichkeit der Maschinen ist. Das Wichtigste ist, glaube ich, wieder in der Lage zu sein, die Einheit meiner Geschichte und meiner Geschichte mit Gott zu erzählen.
Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Ratschläge, um sich aus dem Griff der Bildschirme zu befreien und die Freiheit und Kontrolle über die eigene Zeit zurückzugewinnen?
Bienvenu: Ich sehe vier Tipps. Der erste ist, den Bildschirm auf Schwarz-Weiss umzustellen. Das reduziert die Anziehungskraft der Farben und es ist viel einfacher, sich von ihnen zu lösen. Zweitens sollte man Benachrichtigungen auf ein Minimum reduzieren. Drittens, sich bildschirmfreie Orte zu bewahren, insbesondere das Schlafzimmer. Zum Beispiel das Telefon im Badezimmer aufzuladen, wann man zu Bett geht. Viertens sollte man bildschirmfreie Zeiten einplanen, vor allem in der Freizeit und in den Ferien.
Seit 2021 koordinieren Sie padreblog.fr. Sie gehören zu den sogenannten digitalen Missionaren. Gleichzeitig versuchen Sie, uns von Bildschirmen zu befreien? Ein Widerspruch?
Bienvenu: Das ist eine gute Frage. Ich sehe, dass es im Vergleich zur Generation Z (die zwischen Ende der 1990er und Anfang der 2010er Jahre geboren wurde, Anm. d. Red.) eine gewisse Entwicklung im Umgang mit Bildschirmen gibt. Sie nutzen sie nicht mehr nur als Ort der Ablenkung, sondern auch als Ort der Sinnstiftung. Und wie wir sehen, findet die spirituelle Suche wirklich in den sozialen Netzwerken statt. Für mich stellen sie daher eine Möglichkeit dar, das Evangelium zu verkünden. Auf Padreblog versuchen wir, sinnstiftende Inhalte zu produzieren und dort präsent zu sein, wo die Menschen sind – und das sind die sozialen Netzwerke.
Man hat den Eindruck, dass die Kirche Mühe hat, mit Priestern wie Ihnen umzugehen, die Inhalte in sozialen Netzwerken erstellen. Begleitet oder reguliert die Institution diese Bewegung?
Bienvenu: In der Kirche gibt es immer zwei Zeiten: die Zeit des Wagemuts und der Kreativität, wie die Initiative der digitalen Missionare, die aus der Praxis kommt, und die Zeit der Unterscheidung, der Begleitung und der Strukturierung. Ich habe das Gefühl, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der dieser Dialog zwischen uns, den Erstellern von Inhalten, und den kirchlichen Behörden aufgebaut wird.
Kann es sein, dass die Kirche die Stimme der digitalen Missionare als Konkurrenz zu ihrer eigenen institutionellen Stimme betrachtet?
Bienvenu: Ich würde nicht von Konkurrenz sprechen. Ich würde eher sagen, dass diese Phase nicht einfach zu handhaben ist. Schwierig kann es allenfalls sein, weil die Persönlichkeiten, die in den sozialen Netzwerken aufgetaucht sind, dies nicht getan haben, weil sie einen Auftrag von der Kirche erhalten haben, sondern weil sie gut waren und so eine hohe Einschaltquote hatten. Es gab also diese Zeit der Aneignung durch die kirchliche Hierarchie. Aber heute stelle ich fest, dass die Verbindung zu meinem Bischof gut ist. Es ist nicht immer einfach, aber wir sind auf dem richtigen Weg.
In Frankreich gibt es führende Köpfe dieser Bewegung, etwa der Dominikaner Paul Adrien d’Hardemare oder die Ordensfrau Albertine Debacker. Sie werden oft zu grossen Versammlungen eingeladen. Besteht bei diesen christlichen Influencern die Gefahr des Starkults?
Bienvenu: Auf jeden Fall, denn soziale Netzwerke verherrlichen die Person. Das Besondere an padreblog.fr ist, dass wir drei Gesichter sind und zusammenarbeiten. Wir kritisieren uns gegenseitig und veröffentlichen nie ein Video ohne die Zustimmung der anderen.
Sie üben diese digitale Tätigkeit in Ihrer Freizeit aus, was die Frage nach der institutionellen Anerkennung aufwirft. Was erwarten Sie von der Kirche?
Bienvenu: Ich habe keine Erwartungen, denn das System, so wie es heute funktioniert, scheint mir gut zu sein. Ich denke jedoch, dass die Kirche in Zukunft Priester mit Missionen im digitalen Bereich beauftragen wird, aber bestimmt nicht in Vollzeit. Denn es ist sehr wichtig, dass diejenigen, die diese digitale Missionstätigkeit ausüben, im wirklichen Leben verwurzelt bleiben.
*Jean-Baptiste Bienvenu ist Priester der französischen Diözese Versailles und Mitglied der Gemeinschaft L’Emmanuel. Er unterrichtet Moraltheologie am Priesterseminar in Versailles.
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