Für eine katholische politische Theologie des Heiligen Landes
Jüdisch-christlicher und muslimisch-christlicher Dialog in schwierigen Zeiten: 30 Jesuiten haben sich in Berlin zu ihrem regelmässigen Austausch getroffen, die Gruppe «Jesuiten und Juden» sowie die Gruppe «Jesuiten unter Muslimen». Im Gespräch mit Christian Rutishauser SJ, der dabei war, kommt auch die Haltung des Vatikans zur Sprache – Rutishauser ist direkt Kardinal Kurt Koch unterstellt.
Francesco Papagni
Christian Rutishauser, vor kurzem haben sich zwei Jesuitengruppen in Berlin getroffen. Die eine Gruppe ist im jüdisch-christlichen Dialog engagiert, die andere im muslimisch-christlichen. Was ist der Hintergrund dieses Treffens?
Christian Rutishauser*: Das Treffen hat in der ersten Juliwoche in Berlin stattgefunden im «Zentrum für intellektuelle Diaspora» an der Katholischen Akademie. Wir haben die beiden Gruppen aus aktuellem Anlass zusammengenommen, einerseits angesichts des grassierenden Antisemitismus im Westen und andererseits angesichts der Situation im Vorderen Orient. Die Frage lautete, wo stehen wir im interreligiösen Dialog und wie soll es weitergehen. Wie waren 30 Jesuiten aus allen Kontinenten und engagieren uns im Dialog nicht nur auf akademischer, sondern auch auf sozialer Ebene.
«Die Zivilgesellschaft ist der eigentliche Ort, wo der Dialog angesiedelt ist.»
Mehr auf theologischer oder eher auf der politischen Ebene?
Rutishauser: Der Dialog ist in erster Linie auf der theologischen Ebene angesiedelt, wobei je nach Kontext auch die politische berücksichtigt werden muss. Überhaupt ist der gesellschaftliche Kontext wichtig, denn Religion prägt Menschen immer durch Kultur. Die Zivilgesellschaft ist der eigentliche Ort, wo der Dialog angesiedelt ist.
Es geistert der Begriff Trialog herum, als Dialog unter drei Partnern.
Rutishauser: Das Wort Trialog ist ein Unsinn. Die Vorsilbe Dia kommt nicht vom Griechischen düo, zwei, sondern von dia, d.h. durch. Dialog heisst «durch den Logos» durch die Sprache, durch das Vernünftige, das Symbolische, das Sinnhafte. Mir ist wichtig, dass der Dialog nicht auf eine banale Kommunikation reduziert wird. Es geht anthropologisch um sinnhafte Begegnung und theologisch um Gottes schöpferisches Wort. So ist der Dialog eine Alternative zu jeder noch so subtilen, auch verbalen Gewalt. Wir sprechen vom trilateralen Dialog der drei abrahamitischen Religionen.
Gesellschaftlich gesehen, ist der Dialog mit dem Islam heute sehr wichtig geworden. Müsste der jüdisch-christliche Dialog nicht stets mit dem jüdisch-muslimischen Dialog verbunden werden?
Rutishauser: Aus dem christlichen Glauben ergeben sich unterschiedliche Dialoge mit Juden und Muslimen. Beide Dialoge sind z.B. in unterschiedlichen Römischen Dikasterien angesiedelt: derjenige mit den Juden bei der Oekumene, derjenige mit den Muslimen beim interreligiösen Dialog. Mit den Juden teilen wir Christen die Heilige Schrift, mit den Muslimen nicht. Mit dem Judentum haben wir den Anspruch, dass wir beide Erben im Bund sind. Der Islam setzt mit dem Koran die Offenbarung Gottes nochmals anders an. Auch die Dialoggeschichten sind dementsprechend andere.
«Es geht darum, wie Gerechtigkeit gelebt wird.»
Wir leben in einer Zeit, in der Gleichheit ein fundamentaler Wert ist. Aber die Religionen, auch die abrahamitischen sind zuerst einmal ungleich: ungleich in ihrem Alter, ungleich in ihrer Grösse, ungleich in ihrem Glauben. Das muss man zuerst einmal benennen und man muss es aushalten. Sie sagen selbst, dass der Dialog mit dem Islam ein anderer ist. Ist die Vorstellung eines Dialogs unter gleichen nicht wohlmeinend aber irreführend?
Rutishauser: Dialog gehört zur Aussenpolitik der Religionsgemeinschaften. Dialog bedeutet, sich mit dem Anderen auseinanderzusetzen. Man muss sich zuerst akzeptieren und eine gemeinsame Sprache finden. Das Suchen des Gemeinsamen steht immer am Anfang. Im Dialog selbst sind Differenzen dann aber sofort sehr wichtig. Es geht nicht darum, eine Einheitsreligion zu schaffen. Auf den anderen hören, ihn in seinem Selbstverständnis wahrzunehmen ist entscheidend. Nur mit einem selbständigen Gegenüber ist Dialog möglich. Aussagen wie «es geht allen Religionen letztlich nur um Gerechtigkeit und Liebe» sind viel zu oberflächlich. Es geht darum, wie Gerechtigkeit gelebt wird. Namentlich das Judentum ist auf Unterscheidungen zu den anderen Religionen bedacht. Differenzen sind bereichernd, wenn man sie annehmen kann.
Ich möchte gerne den Fokus etwas öffnen. Alle Dialoge, von denen Sie gesprochen haben, stehen in einem politischen Kontext. Viele Länder des Nahen Osten sind im Krieg: Bürgerkriege in Syrien, in Jemen, im Sudan und in weiteren Ländern sowie natürlich der Krieg in Gaza.
Rutishauser: Selbstverständlich spielt der politische Kontext des Nahen Ostens in der gegenwärtigen Situation eine grosse Rolle. Dabei darf nicht nur Gaza im Blick sein, sondern die Situation auch im Westjordanland und an der israelische Nordgrenze. Es gilt, dabei auch die ganze Region im Blick zu haben. Der Iran steht hinter Hamas und Hisbollah. Es ist ein politischer Konflikt, der stark religiös aufgeladen ist. Davon zu unterscheiden sind die Unruhen und der Antisemitismus in der westlichen und ganzen muslimischen Welt. Es braucht differenzierte Analysen. Einfache schwarz-weiss Meinungen sowie Schlagzeilen und Bilder in den sozialen Medien richten oft nur neuen Schaden an.
«Da hat die Arbeit seit dem II. Vatikanischen Konzil Wirkung gezeigt.»
Hat die Bekämpfung des Antisemitismus der letzten Jahrzehnte versagt? Warum bricht er sich in der Gesellschaft jetzt wieder Bahn?
Rutishauser: Die Erhebungen zeigen, dass Menschen, die aktiv in der Kirche sind, weniger zu antisemitischen Klischees neigen. Da hat die Arbeit seit dem II. Vatikanischen Konzil Wirkung gezeigt. Wir stellen aber fest, dass alte christliche antijüdische Stereotype gerade bei Kirchenfernen, in der säkularen Gesellschaft und auch in der muslimischen Welt auftauchen. Auch hier braucht es eine differenzierte Wahrnehmung, um nicht einfach falsch und pauschal zu urteilen.
Die katholische Kirche hat auf den 7. Oktober eher zaghaft reagiert. Kardinal Koch hat sich nicht geäussert, Papst Franziskus kommt nicht über allgemeine Friedensappelle an alle Parteien hinaus. Hätte man nicht mehr erwarten dürfen?
Rutishauser: Ich hätte mir gewünscht, die Kirche hätte das Pogrom vom 7. Oktober rascher und eindeutiger verurteilt, ohne Wenn und Aber. Aus humanitären Gründen, aber weil sie auch um den Antisemitismus und den Antijudaismus aus den eigenen Reihen und der eigenen Geschichte weiss. Schliesslich hat die Kirche im Dialog der letzten Jahrzehnte das gemeinsame geistliche Band zwischen Juden und Christen immer wieder betont.
«Die Kirche darf sich von keiner Seite vereinnahmen lassen.»
Dies gesagt, sind zwei weitere Aspekte zu berücksichtigen: Erstens, die Kirche hat verschiedenste Loyalitäten im Nahostkonflikt, zuallererst gegenüber den christlichen Palästinensern und Arabern, dann aber auch gegenüber den Muslimen, mit denen sie im Dialog ist. Franziskus ist der Dialog mit dem Islam sehr wichtig. Die Stichworte Fratelli tutti und Abraham-Initiative in Abu Dhabi mögen genügen. Die Kirche darf sich von keiner Seite vereinnahmen lassen. Ihre Aufgabe ist es zu vermitteln, zu deeskalieren, Brücken zu bauen.
Zweitens darf die Kirche auch nicht bei allgemeinen humanitären Apellen bleiben. Aussagen wie «wir sind für Frieden, wir verurteilen alle Gewalt und sind auf Seiten aller Opfer»«sind völlig unzureichend. Sie treffen auf jede Situation und zu jeder Zeit zu; sie sind christliche Gemeinplätze. Daher erreichen sie die konkrete Situation, die konkreten Menschen und die konkrete Ungerechtigkeit gerade nicht.
«Wenn der Mächtige nicht schützt oder nur zuschaut, verstört es das Vertrauen und die Beziehung.»
Könnten Sie das weiter ausführen?
Rutishauser: Täter und Opfer müssen klar benannt werden. Lassen Sie mich ein Beispiel nehmen: Wenn jemand bedroht ist und zum Opfer von Gewalt wird, daneben steht aber ein Freund, der nicht reagiert und nicht eingreift, wird sein Nicht-Handeln vom Opfer als zusätzliche Verletzung erlebt. Wenn der Mächtige nicht schützt oder nur zuschaut, verstört es das Vertrauen und die Beziehung. Das Schweigen der Kirche und das zögerliche Handeln nach dem 7. Oktober hat daher auf der jüdischen Seite eine Traumatisierung zur Folge gehabt. Aber auch die palästinensische Seite erlebt sich als vom Westen und von der Kirche verraten und verletzt, wenn wir auf das Leid der Zivilopfer in Gaza nicht reagieren. In diesem Sinne möchte ich dafür werben, sich nicht in Schuldzuweisungen zu verstricken, wer wann und wo falsch gehandelt hat. Vielmehr alles dafür tun, konkret Position zu beziehen und dabei die komplexe Situation nicht aus den Augen zu verlieren.
Welche positive Rolle kann die Kirche und können die Religionsgemeinschaften im Nahostkonflikt einnehmen?
Rutishauser: Nochmals: Der Konflikt ist zuerst ein politischer Konflikt, den die Politik lösen muss. Er hat aber eine grosse religiöse und theologische Bedeutung. Daher bewegt er die Menschen, die sich nicht für Politik interessieren, dennoch weltweit. Das Religiöse darf nicht den Extremisten überlassen werden. Daher darf die Kirche auch nicht nur ethisch, sozial und humanitär helfen. Sie muss auch aus einem reifen Glauben heraus Stellung beziehen. Das heisst zum Bespiel, dass er nicht nur die Interessen der eigenen der Seite berücksichtigt. Genau dieser reife Glauben ist aber eine Frucht des interreligiösen Dialogs.
«Es gibt verschiedene jüdische Auffassungen dazu.»
Eine letzte Frage, Pater Rutishauser. Die Päpste haben immer eine Schutzfunktion gegenüber den Juden ausgeübt, gestützt auf die Lehre des Augustinus von den Juden als den Zeugen des Alten Testaments. So bezeugen die Juden die Grundlagen des Christentums. Dieses im Blick hat der jüdische Künstler Valentin Lustig folgende Überlegung angestellt: Wir waren über die Jahrhunderte eure Zeugen, nun seid ihr unsere Zeugen. Bezeugt, dass wir einen legitimen Anspruch auf das Land Israel haben.
Rutishauser: Die Überlegung gefällt mir sehr gut. Die Frage, die sich daraus ergibt, lautet: Welche Rolle spielt dieses Land theologisch? Es gibt verschiedene jüdische Auffassungen dazu. Dies haben die Christen im Dialog anzuerkennen. Bei einigen können sie zustimmen, bei anderen nicht. Dann hat die Kirche ihre eigene Theologie des Landes zu entwickeln. Dabei müssen biblisch-hermeneutische Überlegungen, die katholische Soziallehre, das Völkerrecht, politisch-theologische Reflexionen etc. eine Rolle spielen.
«Genau solche Fragen haben wir Jesuiten in Berlin auch diskutiert.»
Sie plädieren also für katholische politische Theologie des Heiligen Landes?
Rutishauser: Ja genau, eine katholische Theologie des Landes hat nichts mit einem christlich, biblisch-evangelikalem Zionismus zu tun. Sie hat an die politischen Theologien des 19. und 20. Jahrhunderts und an die reiche katholische Intellektuelle Tradition anzuknüpfen. Genau solche Fragen haben wir Jesuiten in Berlin auch diskutiert.
*Pater Christian M. Rutishauser SJ ist Judaist und engagiert sich im christlich-jüdischen Dialog. Von 2012 bis April 2021 war er Provinzial der Schweizer Provinz. 2021 zog er nach München und wurde Delegat für Schulen und Hochschulen der neu gegründeten Zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten. Am 1. August tritt er seine Professur für Judaistik an der Universität Luzern an.
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