Kloster Saint-Maurice VS
Schweiz

Missbrauch: Kommission sucht Zeugen in Abtei Saint-Maurice

Eine unabhängige Arbeitsgruppe will in der Abtei Saint-Maurice Licht in die Missbrauchsfälle bringen. Zuvor wurde neun Chorherren vorgeworfen, sich an Kindern und Jugendlichen vergangen zu haben. Nun werden Zeuginnen und Zeugen gesucht.

Wolfgang Holz

Die Kommission zur Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe gegen Ordensmänner der Abtei Saint-Maurice hat nun ihre Arbeit aufgenommen. Die Arbeitsgruppe setzt sich aus Pierre Aubert, Generalstaatsanwalt des Kantons Neuenburg, sowie Magali Delaloye, Lorraine Odier, Anne-Françoise Praz und Stéphanie Roulin, Historikerinnen an der Universität Freiburg, zusammen.

Ende Februar hatte die Augustiner-Chorherren im Kanton Wallis bereits die Einrichtung der Kommission angekündigt, die die vom Schweizer Fernsehen recherchierten Missbrauchsvorwürfe unabhängig aufklären soll.

Pierre Aubert, Generalstaatsanwalt des Kantons Neuenburg.
Pierre Aubert, Generalstaatsanwalt des Kantons Neuenburg.

Wie die Abtei Saint-Maurice in einer Medienmitteilung nun erklärt, arbeitet diese unabhängige Kommission auf der Grundlage von Archiven und Zeugenaussagen zu Fällen oder angeblichen Fällen, die in der Abtei oder ihren Institutionen in der Schweiz und im Ausland von den 1960-er Jahren bis heute stattgefunden haben.

Ergebnisse 2025

«Die Forschung befasst sich mit den Mechanismen und Bedingungen, die diese Missbräuche ermöglichten, sowie mit denjenigen, die ihre Verheimlichung oder Aufdeckung begünstigten. Die Ergebnisse sollen zwischen Mai und Juli 2025 veröffentlicht werden», heisst es in der Medienmitteilung.

Die Mitglieder dieser Arbeitsgruppe rufen deshalb nun Betroffene von sexuellem Missbrauch auf, um ihre Erfahrungen zu sammeln und den Kontext zu erfahren, in dem der Missbrauch stattgefunden hat – sowie die Schritte, die sie unternommen haben und die Folgen, die daraus entstanden sind.

Funktionsweise der Abtei aufspüren

Ausserdem werden Zeugen gesucht, die Informationen über die Funktionsweise der Abtei, die Beziehungen zwischen Kanonikern, Schülern und Novizen oder auch andere Elemente liefern können. Und die Aufschluss über die Bedingungen geben, die den Missbrauch begünstigt oder verhindert haben könnten.

Abtei Saint-Maurice
Abtei Saint-Maurice

Die Mitglieder der Gruppe arbeiten unter Wahrung des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte aller Personen, die von dieser Studie betroffen sein könnten. Die Anonymität ist gewährleistet. Die Gruppe hat laut Medienmitteilung keine andere Aufgabe, als Fakten und einen Gesamtzusammenhang zu ermitteln.

«Die Archivarbeit ist sehr wichtig und diese wird parallel zu den Zeitzeugenbefragungen fortgesetzt werden.»

Stéphanie Roulin, Historikerin Universität Freiburg

«Zwischen Ende Februar und Ende April wurde die Gruppe zusammengestellt, eine Vereinbarung zwischen der Abtei und der Universität Freiburg ausgehandelt und zwei Forscherinnen rekrutiert und angestellt», berichtet Stéphanie Roulin, Historikerin der Universität Freiburg, gegenüber kath.ch.

Archivarbeit und mündliche Befragungen

Die ersten Wochen seien zunächst der Archivarbeit gewidmet gewesen. «Die Archivarbeit ist sehr wichtig und diese wird parallel zu den Zeitzeugenbefragungen fortgesetzt werden. Wir hoffen, dass der Aufruf möglichst viele Betroffene und Zeitzeugen erreichen wird. Wir erwarten zunächst, dass wir diese Personen anhören können», skizziert Roulin.

Danach erhoffe man sich aufgrund dieser kombinierten Ansätze (Archivarbeit und mündliche Befragungen), «dass wir die Bedingungen für die Möglichkeit des Missbrauchs sowie die Mechanismen, die seine Verschleierung oder Enthüllung begünstigt haben, beleuchten», so Roulin.

Rechtliche und historische Kriterien

Die Untersuchung der Missbrauchsfälle der Abtei Saint-Maurice soll die letzten Jahrzehnte abdecken. Sie soll nach rechtlichen und historischen Kriterien geschehen. Die Abtei Saint-Maurice hofft, dass mit dieser Aufarbeitung Vorwürfe gegen sie aufgeklärt würden. Ziel des Vorgehens sei, jeden einzelnen Fall zu klären, die Wahrheit herauszufinden und eine «angemessene Anerkennung der Opfer» zu erreichen.

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Nach einer Vorstudie der Universität Zürich hatte der unter dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs und dessen Vertuschung stehende Abt Jean Scarcella sein Amt niedergelegt, «um die Unabhängigkeit der Untersuchung zu gewährleisten». Sein Interimsnachfolger Roland Jaquenoud trat ebenfalls zurück, nachdem er des sexuellen Missbrauchs eines volljährigen Novizen beschuldigt worden war.

Kurz darauf ernannte Papst Franziskus den ehemaligen Oberen der Kongregation des Grossen Sankt Bernhard, Jean Michel Girard, zum Apostolischen Administrator der Abtei. Girard kündigte bereits im Dezember gegenüber der Presse an, externe Hilfe bei der Aufarbeitung hinzuzuziehen.

Neun Chorherren beschuldigt

Insgesamt wurden im Herbst letzten Jahres aufgrund Recherchen der Fernsehsendung «Mise au Point» neun Chorherren in dem Augustinerorden bekannt, die in den letzten drei Jahrzehnten sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche begangen haben sollen. Teilweise sind diese kriminellen Vergehen polizeilich untersucht, teilweise aber auch wieder fallen gelassen worden. Gewisse Missbrauchsfälle reichen 60 Jahre zurück. Fünf der neun Beschuldigten sollen laut Abtei in den vergangenen 15 Jahren verstorben sein. Entsprechend leben vier der beschuldigten Chorherren noch.

Nach Angaben der Abtei ist derzeit kein Verfahren gegen eines ihrer Mitglieder bei der Staatsanwaltschaft hängig.

Jean Scarcella, nun nicht mehr Abt von Saint-Maurice
Jean Scarcella, nun nicht mehr Abt von Saint-Maurice

Die Abtei Saint-Maurice ist ein Kloster der Augustiner-Chorherren im Schweizer Kanton Wallis. Sie gilt als ältestes ohne Unterbrechung bestehendes Kloster des Abendlandes. Als Territorialabtei ist das Kloster und ein zu ihm gehörendes Gebiet von fast 100 Kilometern einem Bistum gleichgestellt.

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3. Juni 2024 | 17:00
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