Auf dem Weg zur wöchentlichen Demonstration, Yezreel Valley, 20. März 2023.
Religion anders

Wir sind keine Mägde! Frauen demonstrieren weltweit in rot-weiss

Israel, London, Vereinigte Staaten. Sie sind überall: Frauen, die in roten Roben und mit weissen Hauben gleiche Rechte und Selbstbestimmung fordern. Ihre Kostüme sind nicht nur Hingucker, sondern nehmen Bezug auf die Mägde aus der Serie «The Handmaid’s Tale». Eine visuelle Kampfansage.

Natalie Fritz

Die rot-weisse Welle bewegt sich langsam durch Londons Innenstadt. Es ist der 8 März 2023, Weltfrauentag. Die Demonstrantinnen in roten Roben mit weissen Hauben tragen grossformatige Plakate mit Frauenporträts. Bei den abgebildeten Frauen handelt es sich um Iranerinnen, die sich gegen das frauenfeindliche Regime in ihrer Heimat auflehnen. Der Marsch in London ist ein Zeichen der Solidarität mit diesen mutigen Frauen.

Solidaritäts-Demonstration mit iranischen Frauen, London, 8. März 2023, Screenshot.
Solidaritäts-Demonstration mit iranischen Frauen, London, 8. März 2023, Screenshot.

Die Roben aus dem Roman

Die auffallenden Kostüme der Demonstrantinnen sind mittlerweile ein wiederkehrendes Bild in den Medien geworden – und zwar immer dann, wenn es um die Rechte der Frauen geht.

Foto Buchcover "The Handmaid's Tale" von Maragret Atwood.
Foto Buchcover "The Handmaid's Tale" von Maragret Atwood.

So marschieren aktuell in Israels Städten Woche für Woche Frauen durch die Strassen und protestieren gegen Benjamin Netanjahus Justizreform. Auch sie tragen die roten Roben und die weissen Hauben. Die Kostüme sind inspiriert von der Uniform der «Mägde» aus Margaret Atwoods dystopischem Roman «The Handmaid’s Tale» (Der Report der Magd).

Hat das Rot-Weiss der Mägde etwa das Violett der Frauenbewegung abgelöst? Die Kanadierin Margaret Atwood veröffentlichte 1985 ihren als feministische Science Fiction bezeichneten Roman «The Handmaid’s Tale». Zu der Zeit also, als der Republikaner Ronald Reagan Präsident der Vereinigten Staaten war und mit seinen Ansichten das Feld für erzkonservative Christen und fundamentalistische Abtreibungsbewegungen ebnete.

Frauen als Ware

Atwoods Roman spielt in einem Nordamerika der Zukunft. Nach einem Putsch durch eine fundamentalistisch-christlichen Gruppierung werden die Verfassung ausgehebelt und die Vereinigten Staaten zum totalitären und theokratischen Staat Gilead. In diesem Staat haben Frauen keine Rechte mehr.

Aufgrund einer weltweiten Sterilität werden die wenigen fruchtbaren Frauen zu Mägden – Gebärmaschinen auf zwei Beinen – degradiert. Sie sind nun Eigentum der Führungselite, die sich so fortpflanzen darf. Die Protagonistin des Romans ist eine Magd und heisst Desfred, weil sie Eigentum des Kommandanten Fred ist. Die frauenfeindliche Haltung legitimieren die männlichen Machthaber Gileads stets mit Verweisen auf die Bibel.

Schreckensvision geboren aus dem realen Leben

Obwohl der Roman in den 1980ern auf grosse Resonanz stiess und 1990 von Volker Schlöndorf verfilmt wurde, kam der weltweite Durchbruch erst 2017 mit der Serie «The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd» des US-Streamingdienstes Hulu. Von da an waren Gilead und die Mägde in aller Munde und schnell wurden Parallelen zwischen Roman und realen Vorkommnissen hergestellt.

Wenn nun Frauen in London auf die Strasse gehen, gewandet wie die Mägde aus der TV-Serie, dann erregen sie nicht nur Aufmerksamkeit, sondern setzen ein sichtbares Zeichen gegen Frauenhass und patriarchale Machtstrukturen und fordern weibliche Selbstbestimmung. Denn das Recht über den eigenen – in diesem Fall weiblichen – Körper ist längst nicht überall gegeben. Im Iran kann ein schlecht sitzendes Kopftuch tödlich sein.

Die Kostüme der Demonstrantinnen aus London stellen eine sichtbare Verbindungen zwischen dem politischen System des Iran und dem theokratischen Gilead her. Dadurch wird deutlich, dass Science Fiction einen starken Bezug zu unserer Lebensrealität hat und Krisen und Ängste künstlerisch verarbeitet.

Solidaritäts-Demonstration mit iranischen Frauen, London, 8. März 2023, Screenshot.
Solidaritäts-Demonstration mit iranischen Frauen, London, 8. März 2023, Screenshot.

Als Atwood «The Handmaid’s Tale» schrieb, verfolgte sie nicht nur den Machtausbau der konservativen Kräfte im Nachbarland, sondern beschäftigte sich auch mit den Reproduktions- und Geburtenkontrollen im Rumänien unter Ceaușescu, in Argentinien unter der Militärjunta oder in Deutschland im Dritten Reich. «The Handmaid’s Tale» spitzt insofern nur Zustände zu, die bereits in einer ähnlichen Form in der Realität vorgekommen waren. 2017 erklärte die Schriftstellerin in einem Interview mit dem People-Magazin, dass man solche Bücher schreibe, damit sich ihr Inhalt hoffentlich nie so realisiere.

Margaret Atwood an der Frankfurter Buchmesse 2019.
Margaret Atwood an der Frankfurter Buchmesse 2019.

Fortpflanzung als politisches Thema

In vielen Ländern hat in den vergangenen Jahren eine politische Entwicklung eingesetzt, die Atwoods Hoffnung jedoch Lügen straft. Die vielfältigen Krisen der Gesellschaft haben die Menschen verunsichert. Der Wunsch nach Orientierung und eindeutigen Kategorien ist gross; Gut und Böse, schwarz und weiss, Frau und Mann. Ausgehend von einem naturalisierten, binären Geschlechtermodell, wird nicht nur die Familie normiert, sondern die gesamte Gesellschaft. Was nicht in die Norm passt, wird marginalisiert oder pathologisiert.

In diesem Zusammenhang spielt die Kontrolle über die Reproduktion eine zentrale Rolle in den gesellschaftspolitischen Machtdiskursen. Die Kontrolle über die Fortpflanzung kann aber nur über die Kontrolle des weiblichen Körpers geschehen. Und hier verbinden sich konservative politische und religiöse Kräfte, um die eigene Vorherrschaft zu stabilisieren und sich gegenseitig zu legitimieren. Fortpflanzung und somit auch der weibliche Körper werden moralisch aufgeladen.

Mein Körper, meine Entscheidung

Als am 24. Juli 2022 der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten den Grundsatzentscheid Roe v. Wade zum Abtreibungsrecht aufhob, gingen die Frauen ebenfalls in roten Roben und mit weissen Hauben auf die Strasse.

Demonstration in Boston vor der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs bezüglich Abtreibungsrecht, 7. Mai 2023, Screenshot.
Demonstration in Boston vor der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs bezüglich Abtreibungsrecht, 7. Mai 2023, Screenshot.

Sie protestierten für weibliche Selbstbestimmung. Sie wollten keine Gebärmütter auf zwei Beinen sein, sondern die Wahl haben, über ihren Körper und ihr Leben selbst zu entscheiden. Mit den Kostümen konstruierten die Demonstrierenden eine konkrete Verbindung zur Fortpflanzungskontrolle in «The Handmaid’s Tale».

Demonstration in Boston vor der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs bezüglich Abtreibungsrecht, 7. Mai 2023, Screenshot.
Demonstration in Boston vor der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs bezüglich Abtreibungsrecht, 7. Mai 2023, Screenshot.

Denn die Aufhebung des Roe v. Wade-Entscheides erlaubt es den einzelnen Bundesstaaten, nun eigene Abtreibungsgesetze zu formulieren. In einigen Bundesstaaten ist aktuell auch dann kein Schwangerschaftsabbruch möglich, wenn die Mutter in Lebensgefahr schwebt oder Opfer eines Inzests oder einer Vergewaltigung wurde.

Wir haben eine Stimme – Israels Mägde

Wenn es im Kern des Romans und der Serie darum geht, dass die Entscheidungsmacht über den weiblichen Körper nicht bei den Frauen liegt, sondern bei den Männern, dann ist es nur logisch, dass die Frauen in Israel in den Magd-Kostümen auf die Strassen gehen. Sie wollen eine dystopische Zukunft für ihr Land verhindern. Denn Israel ist gerade in Begriff, sich von einem demokratischen Staat in eine männliche Autokratie zu verwandeln.

Demonstration in Haifa gegen Justizreform, 11. März 2023.
Demonstration in Haifa gegen Justizreform, 11. März 2023.

Das rechtskonservative Parlament unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu möchte mit einer Justizreform den Einfluss des höchsten Gerichts untergraben. Die Knesset möchte Entscheidungen des Gerichts per Mehrheitsentscheid kippen können und mehr Einfluss auf die Ernennung von Richtern erhalten. Da Israel keine endgültige Verfassung hat, wäre der Schutz der Bürgerinnen und Bürgern vor willkürlichen Polit-Entscheiden nicht mehr gewährleistet. Eine Aufhebung der Gewaltenteilung käme einer Aushebelung der Demokratie gleich.

Screenshot AP Short über "Handmaid's Tale"- Kostüme an Demonstrationen in Israel.
Screenshot AP Short über "Handmaid's Tale"- Kostüme an Demonstrationen in Israel.

Die rot-weisse Welle rollt an

Weil Netanjahus Parlament eine konservative Ausrichtung in Bezug auf Frauenrechte hat, befürchten die protestierenden Frauen das Schlimmste. Denn die ultraorthodoxen Stimmen im Parlament sähen die Frauen am liebsten zuhause, züchtig gekleidet und ohne politische Stimme. Die seit Monaten andauernden Proteste mit hunderten von Mägden in allen grossen Städten Israels zeigen offenbar Wirkung: die Justizreform ist auf der Knesset-Agenda nach hinten geschoben worden.

Vielleicht sehen wir am Frauenstreik nächste Woche ja auch rot und weiss? Das wäre zumindest eine Überlegung wert, denn die Anliegen, die mit den Kostümen verbunden werden, sind spätestens jetzt allen bekannt. Die rote-weisse Welle rollt, oder wie Magd Desfred in der Serie erklärt: «Sie hätten uns niemals Uniformen geben sollen, wenn sie nicht wollten, dass wir eine Armee sind!»


Auf dem Weg zur wöchentlichen Demonstration, Yezreel Valley, 20. März 2023. | © Bina Nir
10. Juni 2023 | 07:00
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