Ivo Corvini-Mohn
Porträt

Rom, Röschenz, Reben: Ivo Corvini ist Anwalt, Weinhändler und Katholik aus Leidenschaft

Die Kantonalkirchen haben viele Gesichter. Franziska Driessen-Reding in Zürich grenzt sich gerne von den Bischöfen ab. Der Baselbieter Ivo Corvini (52) hingegen sucht die Nähe zu ihnen. Von kirchlichen Mitarbeitenden erwartet er Freude und Loyalität – und kein Schlechtmachen der Kirche. Er findet, nach jedem Gottesdienst sollte es einen Apéro geben.

Raphael Rauch

«Man muss Menschen mögen.» Es sind die berühmten vier «M», die Ivo Corvini wichtig sind. Und die er von kirchlichen Mitarbeitenden erwartet. 

Gesundes Misstrauen gegenüber Medienschaffenden

Zu Beginn des Gesprächs kommt ein fünftens «M» hinzu: ein gesundes Misstrauen gegenüber Medienschaffenden. Ivo Corvini fragt höflich, nicht uncharmant, ob nicht nur der Journalist, sondern auch er das Gespräch aufzeichnen dürfe. Sicher ist sicher. 

Ivo Corvini-Mohn, Präsident des Landeskirchenrates Basel-Land.
Ivo Corvini-Mohn, Präsident des Landeskirchenrates Basel-Land.

Ansonsten ist Ivo Corvini alles andere als misstrauisch. Der Anwalt hat ein sympathisches Hobby: Er ist Weinhändler im Nebenberuf. Dafür muss man Menschen definitiv mögen. Er ist kommunikativ. Er lacht gerne und viel.

Die «Squadra Azzurra»? Die beste Mannschaft der Welt

Ivo Corvini sagt, in ihm stecke nach wie vor etwas Italianità, die er seinen Urgrosseltern verdanke. Er erzählt von den letzten Ferien in Sperlonga an der Küste von Lazio: «Sperlonga liegt genau 112 Kilometer südlich von Rom und 112 Kilometer nördlich von Neapel.»

Ivo Corvini bedauert zutiefst, dass die italienische Nationalmannschaft nicht an der Fussball-WM in Katar teilgenommen hat. Schliesslich sei die «Squadra Azzurra» doch die beste Mannschaft der Welt. 

Teil des Baslers Konklaves

Ivo Corvini ist der oberste Katholik des Kantons Basel-Land. Von diesem Titel könne er sich jedoch nichts kaufen, sagt er und lacht: «Die meisten Leute wissen nicht, was eine Landeskirche oder eine Kirchgemeinde oder die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz ist.» Die Menschen interessierten sich für das Pfarreileben vor Ort oder für den Papst.

Bischofsweihe in Solothurn: Hansjörg Vogel wird 1994 zum Bischof geweiht.
Bischofsweihe in Solothurn: Hansjörg Vogel wird 1994 zum Bischof geweiht.

Und doch hatte Ivo Corvini in seiner Amtszeit so manche Highlights. Als Mitglied der Diözesankonferenz war er Teil des Baslers Konklaves. Das Bistum Basel hat ein weltweit einzigartiges Bischofswahlrecht. Vertreterinnen und Vertreter der Bistumskantone und der Kantonalkirchen kommen zusammen, um die Namen des Domkapitels zu prüfen und zu bestätigen. 

Hans Küng oder Brigitte Mürner-Gilli: Wer hat Ruedi Schmid verhindert?

In der Regel mischt sich die Politik nicht gross ein. Und doch kann sie Kandidaten zur Persona non grata erklären und so verhindern. Als unschönes Kapitel der jüngsten Basler Kirchengeschichte gilt der Fall Ruedi Schmid: Die Diözesankonferenz strich den beliebten Priester Rudolf Schmid von der Liste. Ansonsten wäre wohl er Bischof von Basel geworden – und nicht der spätere Familienvater Hansjörg Vogel.

Hans Küng, 2021
Hans Küng, 2021

Bis heute gibt es zur Verhinderung von Ruedi Schmid zwei Thesen. Die eine lautet, dass damals Hans Küng, der berühmteste Priester des Bistums Basel, von Tübingen aus intervenierte und sagte: Man müsse aus Prinzip mal einen Kandidaten von der Liste streichen, um die Besonderheiten des Basler Bischofswahlrechts in Rom in Erinnerung zu rufen. Die zweite These lautet, dass die damalige Luzerner Regierungsrätin Brigitte Mürner-Gilli wegen einer unguten Begegnung mit Ruedi Schmid sich gegen ihn aussprach.

Die Luzerner Regierungsrätin Brigitte Mürner-Gilli im Jahr 1991.
Die Luzerner Regierungsrätin Brigitte Mürner-Gilli im Jahr 1991.

Foto von Kurt Koch auf dem Schreibtisch? Stimmt nicht!

Dazu kann Ivo Corvini nichts sagen – schliesslich war er damals nicht dabei. Und selbst wenn er damals im Basler Konklave gewesen wäre, würde er wohl nichts sagen: Als Anwalt im Allgemeinen und romtreuer Katholik im Besonderen nimmt er das päpstliche Geheimnis ernst.

Kurt Koch war früher Bischof von Basel und ist heute Kurienkardinal in Rom.
Kurt Koch war früher Bischof von Basel und ist heute Kurienkardinal in Rom.

Apropos Romtreue: Über Ivo Corvini kursiert im Bistum Basel ein hübsches Gerücht. Auf seinem Schreibtisch soll ein Foto des Schweizer Kurienkardinals Kurt Koch stehen. «Das stimmt nicht», sagt Ivo Corvini und lacht. «Ich habe mehrere Schreibtische, aber ohne ein Foto des Kardinals.» Um gleich hinzuzufügen, wie sehr er Kurt Koch schätze und dass er jedes Mal, wenn er in Rom sei, sich bei ihm melde. Kurt Koch sei ein sehr bescheidener Kardinal ohne Standesdünkel. «Er kann sich auch gut mit meinen Kindern unterhalten», sagt Ivo Corvini.

Mit Felix Gmür auf ein Bier, mit Kurt Koch «ein spirituelles Ereignis»

Der Kirchenpolitiker betont, er arbeite gerne mit den Bischöfen zusammen. Kurt Koch, der frühere Bischof von Basel, und sein Nachfolger Felix Gmür seien sehr unterschiedlich. Er wolle kein Ranking vornehmen, denn jeder habe seine Vorzüge. Mit Felix Gmür könne man unkompliziert ein Bier trinken. Die Sitzungen mit Kurt Koch seien «immer auch ein spirituelles Ereignis gewesen», sagt Ivo Corvini.

Gut drauf: Bischofsvikar Valentine Koledoye (links) mit Bischof Felix Gmür und Tobias Fontein
Gut drauf: Bischofsvikar Valentine Koledoye (links) mit Bischof Felix Gmür und Tobias Fontein

Als Ivo Corvini Präsident der Landeskirche wurde, musste er sogleich eine Feuertaufe bestehen. Denn er übernahm sein Amt auf dem Höhepunkt der Röschenz-Tragödie. Oder, in anderen Worten: dem Tiefpunkt der jüngeren Basler Kirchengeschichte. 

Gesichtswahrende Lösung für Kurt Koch und Franz Sabo

Röschenz war ein Machtkampf zwischen Bischof Kurt Koch und dem renitenten Priester Franz Sabo. Kurt Koch hatte das kanonische Recht auf seiner Seite, Franz Sabo das Schweizer Arbeitsrecht und die Sympathien der Röschenzer. Trotz mancher juristischen Erörterung gilt der Konflikt von damals als nicht aufgearbeitet. 

Er wird des Missbrauchs bezichtigt: Priester Franz Sabo von Röschenz BL, 2005
Er wird des Missbrauchs bezichtigt: Priester Franz Sabo von Röschenz BL, 2005

Unklar ist auch, warum Franz Sabo überhaupt sein Heimatbistum Bamberg verlassen hat. Ivo Corvini kann dazu nichts sagen. Nur so viel: Er ist froh, dass es am Ende eine gesichtswahrende Lösung für beide Seiten gab. Also sowohl für Kurt Koch, der Kardinal in Rom wurde, und für Franz Sabo, der nach wie vor als Priester tätig ist. «Mir war es wichtig, einen Boden zu schaffen für eine Versöhnung.»

«Das duale System ist ein Schönwetter-System»

Im Röschenz-Konflikt hat Ivo Corvini gelernt: «Das duale System ist ein Schönwetter-System.» In guten Zeiten laufe alles bestens. Doch wenn es knalle, dann sei das System dysfunktional.

Der Schein trügt: Franziska Driessen-Reding und Luis Verandas zoffen sich hin und wieder.
Der Schein trügt: Franziska Driessen-Reding und Luis Verandas zoffen sich hin und wieder.

Die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) besteht aus sehr unterschiedlichen Kirchenfürstinnen und Kirchenfürsten. Da gibt’s die Zürcher Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding, die gerne ihren Generalvikar und ihren Bischof vor sich hertreibt und auch zu theologischen und pastoralen Themen Stellung nimmt. Und es gibt Ivo Corvini, der als ausgesprochen bischofstreu gilt. Von Zürich sei er nicht genervt, sagt Ivo Corvini: «Es gibt keine Zürcher Dominanz in der RKZ, sondern nur auf kath.ch», sagt er und lacht.

Nach jedem Gottesdienst sollte es einen Apéro geben

In die Pastoral wolle er sich nicht einmischen. Er sehe seine Rolle darin, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Seelsorgerinnen und Seelsorger einen guten Job machen könnten. «Während der Corona-Pandemie war klar: Wir müssen etwas machen. Weihnachten darf nicht ausfallen. Also gab’s Broschüren, die wir an alle Kirchenmitglieder geschickt haben», sagt Ivo Corvini.

«Uscire!» antwortet er auf die Frage, welches Bild von Kirche ihm wichtig sei. «Wir müssen auf die Leute zugehen.» Von selbst gingen nur noch wenige Menschen in die Kirche. Wenn die Kirche nicht aktiv werde, passiere nichts mehr. Ginge es nach Ivo Corvini, dann gebe es nach jedem Gottesdienst einen Apéro. «Da entsteht auch Gemeinschaft.» Die Kirche müsse den Menschen nahe sein.

Die Caritas als wichtiger Platz der Kirche in der Welt von heute

Ivo Corvini findet, dass der synodale Prozess zu weit weg von den wirklichen Bedürfnissen der Menschen und Gläubigen ist. Sehr viele Punkte seien lediglich struktureller und kirchenpolitischer Art. Aus diesen Gründen habe Papst Franziskus ja schon oft den Synodalen Weg in Deutschland kritisiert.

Archivbild von 2015: Von links Lukas Stutz, Kurienkardinal Kurt Koch und Sabrina Corvini.
Archivbild von 2015: Von links Lukas Stutz, Kurienkardinal Kurt Koch und Sabrina Corvini.

Ivo Corvini (52) ist in zweiter Ehe mit Sabrina Corvini-Mohn (38) verheiratet, das Paar hat zwei Kinder: Lino (8) und Lorina (7). Die Familie wohnt in Allschwil BL. Seine Frau engagiert sich in der Caritas beider Basel als Präsidentin. Gerade in der diakonischen Arbeit sieht Ivo Corvini einen wichtigen Platz der Kirche in der Welt von heute.

Seine Lieblingsrebe? Die «Petite Arvine»

Ivo Corvini ist Hobby-Weinhändler. Trotz aller Italianità verkauft er nur Walliser und Waadtländer Weine. Und zwar nur von Winzern, die er persönlich schon lange kenne. «Ich habe schon immer gerne Wein gekauft», sagt Ivo Corvini – auch für Freunde und Bekannte. Irgendwann sei es so viel geworden, dass er nebenberuflich die Weinhandlung «CorVins» aufmachte. Aber kein Geschäft, sondern einen Keller, wo man auf Bestellung einkaufen könne. Regelmässig organisiert er mit seiner Frau Degustationen.

Brot und Wein
Brot und Wein

Ivo Corvini erzählt von seiner Ferienwohnung im Wallis und von seiner Lieblingsrebe «Petite Arvine», einer autochthonen Sorte aus dem Wallis. Einen klassischen Messwein habe er nicht im Angebot. Aber Süsswein, den man als Messwein nehmen könnte. «Ein Messwein darf nur aus einer Sorte bestehen. Der Süsswein hat praktische Gründe: Man kann ihn auch noch trinken, wenn die Flasche schon länger geöffnet ist und nicht gekühlt wurde.» 

Kritik an Monika Schmid

Zu biblischen Wein-Themen wie dem «Weinberg des Herrn» oder der Hochzeit von Kana habe er keinen besonderen Bezug, sagt Ivo Corvini. Lieber spricht er über seine Wein-Expertise, als krampfhaft Analogien zu bemühen.

Monika Schmid während ihres Abschiedsgottesdienstes.
Monika Schmid während ihres Abschiedsgottesdienstes.

Anlässlich von 15 Jahren im Landeskirchenrat stellte der Newsletter der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Basel-Landschaft Ivo Corvini 15 Fragen. Darin kritisiert er indirekt die Zürcher Seelsorgerin Monika Schmid. Ohne sie beim Namen zu nennen, sagt er über Tiefpunkte in seiner Zeit als Kirchenpolitiker:

«Eine katholische Seelsorgerin, welche vor Kurzem in einem anderen Bistum pensioniert wurde, sagte am Schweizer Radio, dass die Kirche ‘zusammenfallen’ müsse, damit etwas Neues entstehen könne. Eine solche Aussage ist für mich total deplatziert und ein Schlag ins Gesicht von allen, die sich für die Kirche engagieren und für welche die Kirche eine Heimat ist. Zudem: Sie hatte während vieler Jahre eine Stelle bei der Kirche, hat dafür einen Lohn erhalten und wünscht sich nun, dass die Kirche ‘zusammenfällt’. Das ist inkonsequent, widersprüchlich und schadet dem Bild der Kirche. Derartiges illoyales Verhalten ist für mich ein negatives Erlebnis.»

Monika Schmid widerspricht

Monika Schmid fühlt sich missverstanden, wie sie zu kath.ch sagt. Das System Kirche mit Korruption, Intrigen und Missbrauch müsse zusammenfallen, damit Neues entstehen könne. «Die Botschaft Jesu bleibt und all die Menschen, die sich für das Evangelium einsetzen», findet Monika Schmid.

Monika Schmid
Monika Schmid

Im Hauptjob ist Ivo Corvini nicht Weinhändler und Kirchenpolitiker, sondern Anwalt und Gerichtspräsident des kantonalen Steuer- und Enteignungsgerichts. 

Regierungsrat, wäre das was?

Wer als ehemaliger CVP-Politiker in den Kantonalkirchen Karriere macht, war entweder bereits Regierungsrat oder will es noch werden. Wie sieht’s aus, Herr Corvini? Der 52-Jährige ist Profi genug, um auf diese Frage nicht zu antworten. Er lächelt freundlich und sagt weder Ja noch Nein. 

Felix Gmür soll sich beim Papst für ein Schweizer Partikularrecht einsetzen (Aufnahme von 2020).
Felix Gmür soll sich beim Papst für ein Schweizer Partikularrecht einsetzen (Aufnahme von 2020).

Sollte Bischof Felix Gmür noch in Rom Karriere machen, könnte es sein, dass Ivo Corvini ein weiteres Basler Konklave erlebt. Vielleicht nicht mehr mit dem Hut der Landeskirche, sondern mit jenem eines Regierungsrats. Der Weinhändler Ivo Corvini hält das für Kaffeesatzleserei. Trotzdem dürfte ihm dieses Szenario gefallen.

21.03.2023, 7.00 Uhr: In einer ersten Fassung hatten wir Toni Schmid mit Ruedi Schmid verwechselt. Ruedi Schmid ist richtig. Wir bitten um Entschuldigung.

01.06.2023: Ein Satz zum verstorbenen Generalvikar des Bistums Bamberg wurde aus diesem Artikel gelöscht.


Ivo Corvini-Mohn | © Raphael Rauch
21. März 2023 | 05:00
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