Eine «Hebamme» für Menschen in Not: Rita Inderbitzin verlässt die Bahnhofkirche
Elf Jahre hat Rita Inderbitzin (61) als Seelsorgerin für die Zürcher Bahnhofkirche gearbeitet. Viele Tränen hat sie gesehen, von Gewalt und Missbrauch erfahren. Und versucht, neue Hoffnung zu spenden. Mit etwas Wehmut verlässt die Theologin und Handarbeitslehrerin diese Kirche, in der Menschen unterschiedlicher Religionen beten.
Wolfgang Holz
Enge befreit. Könnte man glauben. Der weisse Raum im Bahnhofuntergeschoss, in der Rita Inderbitzin am Tisch sitzt, wirkt winzig. Kein Fenster. Künstliches Licht strahlt von der Decke. Die Klimaanlage rauscht im Hintergrund. Vielleicht gerade mal sechs Quadratmeter gross ist das Gesprächszimmer für spontane Besucherinnen und Besucher. Eine Art Seelsorge-Zelle, wenn man so will.
Viele brachen in Tränen aus
«Übers Wetter haben die Menschen hier nie geredet, sondern sind meist sofort zur Sache gekommen.» Sagts und zeigt auf eine Box mit Papiertaschentüchern. «Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas so oft brauchen würde. Aber viele, deren Gesicht draussen vor der Bahnhofkirche noch strahlte, brachen in Tränen aus, sobald ich die Türe meines Büros zumachte», erzählt Rita Inderbitzin.
Elf Jahre hat die 61-jährige katholische Seelsorgerin sich den Sorgen und Nöten von Menschen gewidmet, die zu ihr in die Zürcher Bahnhofkirche gekommen sind. Zusammen mit ihren drei Seelsorger-Kollegen, zwei evangelisch-reformierten und einem katholischen Kollegen. In bester ökumenischer Atmosphäre, also.
Blumen und Dankesbriefe
Wer das erste Mal mit Rita Inderbitzin in Kontakt kommt, tankt sofort Zuversicht. Das mag auf den ersten Blick an ihrer stattlichen Grösse von 1,86 Meter liegen – die eine unerschütterliche Robustheit und Schutz ausstrahlt. Insbesondere ihr sympathisches Lächeln und ihre offene Art wirken sofort Vertrauen erweckend.
Das haben wohl nicht wenige Menschen gespürt. Auf ihrem Schreibtisch liegen Blumen und Dankesbriefe von Menschen, die sie als Seelsorgerin in den letzten Jahren begleitet hat. Ein bisschen wehmütig ist ihr schon ums Herz, dass nun ihr letzter Arbeitstag zu Ende geht.
Hebamme für Leidende
«Ich habe meinen Beruf immer sehr gerne gemacht, und es ist mir – glaube ich – gelungen, eine gute Seelsorgerin zu sein.» Sie habe sich dabei oft wie eine «Hebamme» gefühlt, die den Bekümmerten und Leidvollen, die ihr gegenübersassen, zum nächsten Lebensschritt verholfen zu haben. «Wobei es schon ein erster Schritt von Menschen ist, überhaupt zu uns zu kommen.»
Und es waren doch einige, die diesen Schritt wagten. Denn allein im vergangenen Jahr wurden 2169 Seelsorge-Gespräche in der Zürcher Bahnhofkirche geführt. «Besonders seit Corona haben viele Menschen ihre Einsamkeit gespürt. Und etwa zwei Drittel unserer Besucher und Besucherinnen suchen uns wiederholt auf», berichtet die gelernte Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin. Erst später studierte sie Theologie und arbeitete danach in einer Pfarrei.
Gewalt und Missbrauch
Unter ihren Hilfesuchenden war zum Beispiel eine Frau, die mit Unterstützung der Bahnhofkirche-Seelsorge ins Frauenhaus gebracht werden konnte. Da war ein Mann, der ihr eröffnete, dass er seinen Hang zur Gewalttätigkeit nicht mehr im Griff habe. Sie konnte ihn ermutigen, das «Mannebüro» zu kontaktieren. Eine Frau habe ihr über den Missbrauch in ihrer Familie berichtet. Ein Mann erzählte ihr, dass er auch ein «Verdingkind» sei und unter seiner Vergangenheit leide.
«Einmal flüchtete eine Frau direkt von ihrem Arbeitsplatz, kam zu mir und sagte, sie könne nicht mehr weiterarbeiten», erinnert sich Inderbitzin. Und da war jene Reisende, welche die Bahnhofkirche kontaktierte, nachdem sie auf dem Zürcher Hauptbahnhof angekommen war. Sie belastete ein Personenunfall, den sie im Zug miterlebt hatte.
Es gebe auch Fälle von Personen, die einfach in die Bahnhofkirche kommen, weil sie bestohlen wurden oder solche, die finanzielle Unterstützung suchten.
Mit Schicksalsschlägen kämpfen
«Grundsätzlich ist es erstaunlich, mit welchen Schicksalsschlägen Leute zu kämpfen haben und welche Sorgen sie mit sich rumtragen», berichtet Rita Inderbitzin. Sorgen über schwere Krankheiten etwa, Todesfälle von Freunden, schwierige Familienverhältnisse. «Viele versuchen, sich wieder hochzurappeln – und immer wieder gelingt es uns, solchen Menschen einen Schritt weiter zu helfen», sagt sie. Aber es gebe da auch die andere Kundschaft, «die sofort hässig wird, wenn sie bei uns keinen Stutz erhält, um ihre Geldprobleme zu lösen.»
Als Missionarin in Afrika
Mit schwierigen Lebenssituationen umzugehen – damit hat die in Küssnacht am Rigi Lebende viel Erfahrung. Denn als junge Frau im Alter von 24 Jahren ging sie das erste Mal mit der Bethlehem Mission Immensee in die Entwicklungszusammenarbeit nach Afrika. Insgesamt verbrachte sie sieben Jahre in Sambia. Lebte zeitweise in einem Elendsviertel ohne fliessend Wasser und ohne Strom. Half Menschen in ihrer kargen Existenz.
«Die Leute dort waren trotz ihrer grossen Armut sehr herzlich und lebensfroh – und man hat mich schnell akzeptiert und respektiert. Ich wollte einfach etwas dafür tun, dass mehr Gerechtigkeit auf der Welt herrscht.» Noch immer erinnert sie sich an die wunderschöne Natur und die stundenlangen Zugfahrten durch die afrikanische Savanne: «Miles and miles of bloody bushes.»
Das «Wegwort» am Morgen
Doch zurück in die Zürcher Bahnhofkirche – die eingebettet ist in den riesigen Bahnhof, in dem auf mehreren Stockwerken täglich rund 450’000 Menschen verkehren. Nicht nur die persönlichen Gespräche mit Menschen in Not haben der Bahnhofseelsorgerin viel Zufriedenheit und Erfüllung beschert. Es gibt auch noch den Raum der Stille, unmittelbar neben den Büros der Seelsorger.
«Dort wird jeden Morgen mehrmals ein «Wegwort» und vor dem Schliessen ein Abendgebet im Rahmen einer Kurzandacht gehalten», sagt Rita Inderbitzin. Wortgottesdienste von drei bis fünf Minuten Länge. In ihrem letzten «Wegwort» vom 30. September blickte sie nochmals auf ihre Zeit bei der Zürcher Bahnhofkirche zurück.
«Ich nehme mit: Menschen, die sich mir im Gespräch geöffnet haben.»
Rita Inderbitzin
«Ich nehme Abschied von der Bahnhofkirche, und dieses ist mein letztes Weg-Wort. Was ich aus den elf Jahren Bahnhofkirche mitnehme in meinem Herzen: Menschen, die sich mir im Gespräch geöffnet haben und deren Lebensgeschichten sich mir ins Herz und ins Gebet eingeprägt haben. Menschen, die als Freiwillige unzählige Stunden in der Bahnhofkirche gearbeitet haben. Sie sind ein Segen für die Bahnhofkirche und für mich.»
In der kleinen Bahnhofkirche, die nach aussen hin mit zwei bunten Glasfenstern als sakraler Raum gekennzeichnet ist, stehen nur sechs, sieben Stühle. Ein Lesepult mit der Bibel darauf. Es gibt einen Ort, an dem man selbst Kerzen anzünden kann.
Auch da: ein Gebetsteppich für Muslime
Und – das ist schliesslich das ganz Besondere an der ökumenischen Bahnhofkirche. Etwas, das in keiner anderen Kirche in der Limmatstadt wohl möglich ist, einzig in der winzig kleinen Kirche, direkt unter dem Engel von Niki de Saint-Phalle: In einem Plexiglasbehälter an der Wand ist ein Teppich mit orientalischem Muster aufgerollt.
«Hier können Muslime jederzeit diesen Teppich herausnehmen, ausrollen und Richtung Mekka beten», erzählt Rita Inderbitzin. Ein Ereignis, das offenbar mehrmals täglich vorkommt. Besonders schön sei es, wenn dann Menschen verschiedener Religionen und Konfessionen, Menschen christlichen und muslimischen Glaubens, im selben Raum beten würden. Interreligiöser Dialog pur.
«Wie ein Samenkorn des Friedens in der Welt.»
«Das harmoniert zumeist bestens und ist für mich stets wie ein Samenkorn des Friedens in der Welt gewesen. So tolerant sollten verschiedene Religionen überall auf miteinander umgehen», ist Rita Inderbitzin überzeugt.
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