Dieses Plakat (Ausschnitt) ist Teil der Ausstellung "Take Care", die im Kunsthaus Zürich zu sehen ist und war Teil einer "Stop Aids"-Kampagne.
International

«Homosexualität ist keine Krankheit»: Synodaler Weg beschliesst Reform-Papier

Nach einer schweren Krise hat der deutsche Synodale Weg drei wichtige Reformtexte beschlossen – unter anderem eine Neubewertung von Homosexualität.

Ludwig Ring-Eifel

Auch unter den Bischöfen fand der Text zu den Frauen in der Kirche eine breite Mehrheit. Von 62 anwesenden Bischöfen stimmten 45 mit Ja.

Homosexualität neu bewerten

Zudem votierte die Versammlung für eine lehramtliche Neubewertung von Homosexualität in der katholischen Kirche. Niemandem dürfe die Übernahme kirchlicher Ämter oder der Empfang der Priesterweihe wegen ihrer Homosexualität verwehrt werden.

Weiter heisst es in dem Papier, das am Freitagabend von der Vollversammlung des Synodalen Weges in Frankfurt mit 92,4 Prozent Mehrheit und auch mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit der Bischöfe beschlossen wurde: «Homosexualität ist keine Krankheit.»

Systemische Ursachen der Missbrauchsverbrechen

Deshalb seien sogenannte Konversionstherapien abzulehnen. «Die aus der bisherigen Sexuallehre der Kirche entstandene Tabuisierung und Angstbesetztheit des Themas Sexualität im Allgemeinen und Homosexualität im Speziellen sind systemische Ursachen der Missbrauchsverbrechen in der Kirche, da in vielen Fällen dadurch die Entwicklung einer reifen Sexualität behindert oder verhindert wird.»

Ferner verabschiedete die Vollversammlung mit 95,6 Prozent Mehrheit ein Papier, das sich gegen arbeitsrechtliche Sanktionierung von wiederverheirateten Geschiedenen oder schwulen und lesbischen Paaren ausspricht. «Der persönliche Familienstand darf keine Relevanz für die Anstellung oder die Weiterbeschäftigung im kirchlichen Dienst haben», heisst es wörtlich. Drei Bischöfe stimmten gegen den Text.

Intimsphäre kein Anlass für Kündigungen

Die Stossrichtung des Papiers deckt sich mit den aktuellen arbeitsrechtlichen Reformbestrebungen der katholischen Bischöfe in Deutschland. Im Entwurf der Bischöfe für eine neue «Grundordnung des kirchlichen Dienstes» heisst es unter anderem, die private Lebensgestaltung, «insbesondere Beziehungsleben und Intimsphäre» der Beschäftigten, solle keinen Anlass mehr für Kündigungen bieten, falls diese nicht im Einklang mit der kirchlichen Lehre stehe.

Die Kirchen in der Bundesrepublik haben ein eigenes Arbeitsrecht. Dieses Selbstbestimmungsrecht ist im Grundgesetz verankert. In der katholischen Kirche gehören dazu auch Anforderungen an die private Lebensführung der 790’000 Mitarbeiter von Caritas und Kirche.

Irme Stetter-Karp und Bischof Georg Bätzing auf der vierten Synodalversammlung am 8. September 2022 in Frankfurt.
Irme Stetter-Karp und Bischof Georg Bätzing auf der vierten Synodalversammlung am 8. September 2022 in Frankfurt.

Eklat am Donnerstag

Zuvor hatte die Versammlung am Freitagvormittag nach einem Eklat vom Vorabend wieder Tritt gefasst. Einige Delegierte, die am Donnerstagabend unter Protest ausgezogen waren, nahmen wieder teil. Als Ko-Präsident der Synodalversammlung rief der Bischofskonferenz-Vorsitzende, Bischof Georg Bätzing, die Teilnehmer auf, zusammen zu bleiben.

Ko-Präsidentin Irme Stetter-Karp vom katholischen Laien-Dachverband ZdK deutete an, dass ihre Organisation den gemeinsamen Weg mit den Bischöfen verlassen könnte, falls diese ihr Verhalten nicht änderten.

Frauenanliegen drohte an Bischöfen zu scheitern

Der am Freitagnachmittag angenommene Text, der Frauen in der Verkündigung und in der Kirchenleitung eine stärkere Stellung eröffnen könnte, drohte zunächst an der Sperrminorität der Bischöfe zu scheitern. Die Debatte gab den Gegnern des Textes deutlich mehr Raum als die Debatte am Vortag, die mit einem Scheitern der Vorlage zum Thema Sexualmoral geendet hatte.

Zudem wurde der Text zur Gleichstellung der Frauen in der Kirche auf Vorschlag von Bischof Bätzing so geändert, dass er nicht als verbindlicher Beschluss, sondern als Vorschlag zur Prüfung durch den Papst verstanden werden konnte.

Sexualmoral als Eklat-Auslöser

Auch dies trug zur Überbrückung von Gegensätzen bei. Der Riss durch die Synodalversammlung war nach dem Eklat vom Vortag zwischenzeitlich so tief gewesen, dass einige Teilnehmer vorschlugen, die gemeinsame Eucharistiefeier am Freitagmittag aus dem Programm zu nehmen. Auslöser der schweren Krise war am Donnerstagabend das Scheitern des Grundsatzpapiers zur Liberalisierung der katholischen Sexualmoral. 27 der 60 anwesenden Bischöfe hatten dem Text ihre Zustimmung verweigert, 33 stimmten ihm zu. (kna)


Dieses Plakat (Ausschnitt) ist Teil der Ausstellung «Take Care», die im Kunsthaus Zürich zu sehen ist und war Teil einer «Stop Aids»-Kampagne. | © Raphael Rauch
10. September 2022 | 09:55
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