Trotz Skandalen: Sexualmoral ist kein Thema im synodalen Bericht des Tessin
Anders als die anderen Schweizer Bistümer bringt der synodale Bericht des Bistums Lugano keine heissen Eisen aufs Tapet. Machtmissbrauch, Sexualmoral und die Ungleichbehandlung der Frauen sind darin nicht zu finden – nur sehr leise Kritik.
Regula Pfeifer
Im Bistum Lugano haben in den letzten zwei Jahren einige Priester für negative Schlagzeilen gesorgt. Ein Priester wurde im Februar 2021 wegen Vergewaltigung einer 18-Jährigen verurteilt. Das Opfer, ein Firmkind des Priesters, beging später Suizid.
Ein anderer Priester soll eine Frau in einer Diskothek belästigt, ein Dritter 800’000 Franken veruntreut haben – das Geld brauchte er unter anderem für einen männlichen Sexualpartner. Und dann gibt es noch die Geschichte eines ehemaligen Generalvikars, in dessen Wohnung eine vernachlässigte Finnin wohnte.
Die Skandale haben keinen Niederschlag im Synthesepapier des Bistums Lugano gefunden. Weder Machtmissbrauch noch Sexualmoral sind darin Thema.
Tessin ortet Mangel an Dialog
Nur eine sanfte Art von Klerikalismus-Kritik ist dem Papier zu entnehmen. Wobei Klerikalismus als Begriff nicht erscheint. So heisst es unter «Autorität und Beteiligung»: Einige Priester hielten wenig von Dialog und Teamarbeit. Der Austausch zwischen Klerikern und Laien müsse gefördert werden.
Auch die Weihefrage ist im Tessiner Dokument nicht thematisiert. Ebenso wenig wird Gleichberechtigung gefordert. Es heisst bloss: Frauen und Junge fühlten sich zu wenig gehört. Es brauche Anlässe und Orte, wo sie Gehör finden könnten.
Andere Bistümer kritisieren Klerikalismus und fehlende Gleichberechtigung
Anderes haben die synodalen Umfragen in den Bistümern Basel, St. Gallen und Lausanne, Genf und Freiburg ergeben. In Basel forderten die Teilnehmenden, die Kirche müsse Lehren aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen ziehen: Insbesondere müsse sie das Weihesakrament für Frauen und Verheiratete öffnen. Und die Sexualmoral anpassen.
Im Bistum Chur und im Bistum St. Gallen wurde die fehlende Gleichberechtigung ebenso kritisiert – sowie den Ausschluss von queeren Menschen und Geschiedenen.
In der Westschweiz prangerten die Befragten den Klerikalismus, Machtmissbrauch und die Verkennung der Realität an. Sie kritisierten das vertikale Konzept der Kirchenleitung. Und sie forderten die Beteiligung aller Getauften, auch der Frauen, in der Leitung. Eine Minderheit verlangte dabei das Weiheamt für Frauen und die Abschaffung des Pflichtzölibats für Priester.
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