Arnd Bünker
Schweiz

Arnd Bünker: Die Absage der Reformierten kam ohne Vorwarnung

Wie geht es auf nationaler Ebene weiter mit Spiritual Care? Am 1. März sollte eine ökumenische Charta vorgestellt werden. Die Reformierten machen wegen interner Differenzen einen Rückzieher.

Raphael Rauch

Am 1. März sollte eine «Charta für Seelsorge / spezialisierte Spiritual Care im Gesundheitswesen» vorgestellt werden. Nun ist die Veranstaltung abgesagt. Warum?

Arnd Bünker*: Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) hat uns in der letzten Woche mitgeteilt, dass sie intern noch nicht so weit ist, die Charta zu verabschieden. Das kam für uns ohne jegliche Vorwarnung. Wir bedauern das. Schliesslich haben wir die Veranstaltung langfristig zusammen vorbereitet. Es war alles geplant. Jetzt stehen wir etwas ratlos vor der Situation. Doch es gibt eine gute Nachricht: Es gibt das klare Signal, dass die Reformierten trotz Absage weiterhin hinter dem Grundanliegen der Charta stehen. Die Absage der Charta ist mit einer Zusage in der Sache verbunden.

«Offenbar hat es an internen Abstimmungen gehakt.»

Am 1. Februar ging die Einladung für die Veranstaltung am 1. März raus. Wieso laden Sie zu einem Anlass ein, wenn die Charta noch gar nicht in trockenen Tüchern ist?

Bünker: Die Charta war in trockenen Tüchern, schon lange. Auch die EKS und der Berufsverband haben die Einladung verschickt. Wir haben uns alle auf den Anlass gefreut. Eine tolle Gelegenheit, am Ende der Corona-Zeit das Engagement der Kirchen für die Seelsorge auf nationaler Ebene zu demonstrieren. Warum jetzt der Rückzug? Ich kann nicht für die Reformierten sprechen. Aber offenbar hat es an internen Abstimmungen gehakt.

Im Fall einer Krankheit spielt Religion und Spiritualität bei Betroffenen eine Rolle.
Im Fall einer Krankheit spielt Religion und Spiritualität bei Betroffenen eine Rolle.

Wo genau liegt das Problem?

Bünker: Das müssen Sie die Reformierten fragen. Die Bischofskonferenz bemüht sich seit Jahren, das Thema Seelsorge auch auf nationaler Ebene ökumenisch voranzubringen. Das ist gar nicht so einfach, weil unsere Strukturen unterschiedlich sind. Ein katholischer Bischof ist es sich gewohnt, dass die Seelsorge oder spezialisierte Spiritual Care in jedem Kanton anders funktioniert. Denn die meisten Bistümer strecken sich auf mehrere Kantone aus, in denen unterschiedliche Spitalgesetze gelten. Mit der Vielfalt der Systeme gehen wir seit langem um. Bei den Reformierten ist das Gewicht der einzelnen Kantone und Kantonalkirchen stärker. Manche sehr starke Kantone haben wohl weniger Bedarf an einer nationalen Strategie.

«Ein Affront? Das ist so.»

Sie klingen recht nüchtern. Sind Sie nicht stinksauer? Dass eine ökumenische Veranstaltung auf nationaler Ebene kurzfristig abgesagt wird, ist doch ein Affront.

Bünker: Das ist so. Als einer von denen, die in den letzten Jahren intensiv an dem Projekt geschafft haben, bin ich jetzt vor allem fassungslos. Und damit bin ich nicht allein. Aber gleichzeitig bleibe ich überzeugt, dass wir langfristig als Kirchen nur glaubwürdig sein können, wenn wir unsere Anliegen auf nationaler Ebene bündeln, zusammen mit dem Berufsverband der Seelsorgenden. Auf nationaler Ebene werden extrem wichtige Strategien für das Gesundheitswesen definiert.

Palliativstation in einem Krankenhaus.
Palliativstation in einem Krankenhaus.

Ist die Charta gescheitert?

Bünker: Ja und nein. Die Charta ist super. Die Bischofskonferenz und der Berufsverband, der ja ökumenisch organisiert ist, stehen klar hinter der Charta. Das bleibt so. Und die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz stellt nicht das Anliegen der Charta infrage, sondern braucht jetzt eine interne Diskussionsphase, für was auch immer. Ich bin fest davon überzeugt: Wenn die Kirchen gesellschaftlich relevant bleiben wollen, dann müssen wir die Spitalseelsorge weiterentwickeln. Hier gibt es viel zu tun. Gerade auf nationaler Ebene müssen wir vorankommen.

«Je geschlossener wir auftreten, desto besser.»

Warum?

Bünker: Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig die Heim- und Spitalseelsorge ist. In manchen Kantonen konnten die Seelsorgenden auch im Lockdown in die Krankenhäuser und in die Pflegeheime gehen. In anderen Kantonen war das nicht möglich. Hier brauchen wir übergreifende professionelle Standards, die in Appenzell ebenso gelten wie in Zürich, Lausanne oder Genf. Und dazu braucht es nicht nur eine kantonale Gesundheitspolitik, sondern auch eine nationale. Je geschlossener wir zusammen mit dem Berufsverband Seelsorge gegenüber dem Bundesamt für Gesundheit und gegenüber den wichtigen Playern im Gesundheitswesen auftreten, desto besser. Im Bereich Palliative Care ist die Dringlichkeit für die nationale Ebene gut sichtbar geworden. Nun geht es darum, die Anliegen der Seelsorge und der spezialisierten Spiritual Care auch in anderen Gesundheitsfragen auf nationaler Ebene voranzubringen – im Interesse der Patientinnen und Patienten.

Eine Pflegerin massiert den Arm eines bettlägerigen Mannes in einer Palliativstation
Eine Pflegerin massiert den Arm eines bettlägerigen Mannes in einer Palliativstation

Sie sprechen von Seelsorge und von spezialisierter Spiritual Care. Was hat es damit auf sich?

Bünker: Das entspricht der Vielfalt der Modelle, in denen Seelsorge im Gesundheitswesen der Schweiz organisiert ist. Seelsorge als spezialisierte Spiritual Care greift die Tatsache auf, dass die Gesundheitsberufe im Spital oder Heim, zum Beispiel Ärztinnen oder Pflegende, sich zunehmend auch für Fragen der Spiritualität mitverantwortlich sehen. Die Seelsorgenden, die dafür jedoch eine fachspezifische Ausbildung mitbringen, sind hier gewissermassen die Spezialisten. Wenn zum Beispiel die Aufmerksamkeit für spirituelle Bedürfnisse von Patienten bei Pflegefachpersonen gross ist, können sie schneller auf Seelsorgende zugehen. Diese können dann im Rahmen von spezialisierter Spiritual Care professionell, also auch im Rahmen des Seelsorgegeheimnisses, tätig werden.

«Offenbar kam der Protest erst kürzlich auf.»

Die EKS lässt mitteilen: «Seit Anfang Jahr fand auf reformierter Seite eine intensive und kontroverse Diskussion über verschiedene Lesarten der Charta statt.» Wenn es heikle Punkte gab: Warum hat man diese nicht geklärt?

Bünker: Der Text der Charta war mit der Evangelisch-Reformierten Kirche Schweiz schon lange abgestimmt. Offenbar kam der Protest erst kürzlich auf. Wir wären dazu bereit gewesen, noch kurzfristig an einzelnen Formulierungen zu feilen. Die Charta ist ja kein Gesetzestext, sondern eine Absichtserklärung, eine Art Leitbild für unser nationales ökumenisches Engagement. Aber die internen Auseinandersetzungen bei den Reformierten waren wohl zu stark.

Im Herbst und Winter gab es eine Debatte in der NZZ über die Zukunft der Spitalseelsorge. Hat diese Debatte etwas mit der Charta zu tun?

Bünker: Ich habe die Debatte am Rande verfolgt, doch ich finde, hier ging es um etwas anderes: Nämlich um unterschiedliche Modelle für die Spitalseelsorge. Der Kontext der Debatte war erkennbar die Situation in Zürich. Die Modellfrage für Spitalseelsorge wird ja auch kantonal geklärt, was der rechtlichen Zuständigkeit entspricht. Mit dem Anliegen ökumenischer Kooperation auf nationaler Ebene hatte die NZZ-Debatte nichts zu tun. Darum geht es uns aber in der Charta.

Wie geht es jetzt weiter?

Bünker: Jetzt ist die EKS dran, die offenen Fragen intern zu klären. Sie steht ja hinter dem Anliegen der Charta. Ich hoffe, dass die Zwischenetappe nicht zu lange gedauert. Wir Kirchen können es uns nicht erlauben, auf nationaler Ebene untätig zu bleiben. Ich habe Sorge, dass sich sonst die Stimmen mehren, die sagen, dass es die Kirchen für die Fragen der Spiritualität im Gesundheitswesen gar nicht mehr braucht.

* Arnd Bünker ist Sekretär der Pastoralkommission der Schweizer Bischofskonferenz und leitet das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) in St. Gallen.


Arnd Bünker | © Sylvia Stam
18. Februar 2022 | 10:40
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