Schaurig-grusig: Ein Totenkopf lässt an dem Kreuz am Zuger Regierungsgebäude grüssen. Es erinnert an eine Schlacht.
Schweiz

Zwischen «Vergeltung» und Totenkopf: Wenn Kreuze zuerst einen Schreck einjagen

Wegkreuze sind eigentlich Ausdruck der Volksfrömmigkeit und eine Art «spirituelle Tankstelle». Sie bescheren Menschen im Alltag unterwegs an Kreuzungen oder an markanten Stellen eine Rückversicherung auf Religion und Gott. In Baar schockiert eine Botschaft auf einem Wegkreuz dagegen erst einmal.

Wolfgang Holz

Man fühlt sich in seinem christlichen Glauben spontan verwirrt. «Vergeltung» steht da frontal auf einem Wegkreuz hinter dem katholischen Pfarrhaus in Baar. Das Ganze ist nur noch schütter lesbar zwischen Moosflecken und umgarnt von gotischen Bögen.

«Das Wegkreuz kenne ich gut»

Das schockiert. Will der Gekreuzigte uns durch seinen Tod nicht eigentlich von den Sünden erlösen? Von Erlösung keine Spur, stattdessen ist «Vergeltung» zu lesen. Wer um das Kreuz herumläuft, entdeckt plötzlich weitere Schlagworte: Gericht, Auferstehung, Ewigkeit.

«Vergeltung» statt Erlösung? Kryptische Botschaft an einem Sandsteinkreuz in Baar.
«Vergeltung» statt Erlösung? Kryptische Botschaft an einem Sandsteinkreuz in Baar.

«Das Wegkreuz kenne ich gut», gibt Philippe Bart, Baarer Gemeindearchivar, gegenüber kath.ch Auskunft. «Das Kreuz wurde 1755 beim Haus von Josef Gasser hinter dem Pfarrhof errichtet, unter Kostenteilung zwischen Gemeinde, der Korporation Baar-Dorf und Gasser selbst», sagt der Gemeindearchivar. Und verweist dabei auf den Band «Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug» von Josef Grünenfelder. In diesem Buch von 1999 sind sämtliche Wegkreuze und Bildstöcke von Baar beschrieben.

Völlig morsch, dann ersetzt

Besagtes Kreuz sei ursprünglich ein eichenes Kruzifix gewesen, so Bart. Um 1930 sei es in der Form des 18. Jahrhunderts erneuert worden. 1997 völlig morsch wurde es durch das neugotische Sandsteinkreuz vom alten Friedhof ersetzt.

Besagtes Baarer Kreuz in voller Grösse.
Besagtes Baarer Kreuz in voller Grösse.

Achtkantig über hohem, gestuftem Sockel prangen an den Seiten des Kreuzes die erwähnten Frakturinschriften «Gericht», «Ewigkeit», «Auferstehung», «Vergeltung». Hier spricht ein strafender Gott. Es geht um unser Seelenheil als Christinnen und Christen nach dem Tod – gefangen zwischen jüngstem Gericht, Strafe, Auferstehung und dem ewigen Leben.

Hölle oder Paradies

Die serielle, plakatsäulenartige Platzierung der religiösen Begriffe auf vier Seiten des Sockels scheint infolge des jeweils ausschliesslichen Blicks auf nur einen Begriff die Wahl des eigenen Schicksals in die Hand zu geben. Sprich: Hölle oder Paradies.  

Das Kreuz am Zuger Regierungsgebäude von 1714, das an den Villmergerkrieg erinnert.
Das Kreuz am Zuger Regierungsgebäude von 1714, das an den Villmergerkrieg erinnert.

Kreuze, die am Wegesrand stehen, tragen aber nicht immer nur eine religiöse Botschaft. In Zug am Regierungsgebäude etwa steht ein anderes markantes Sandsteinkruzifix. Dass dieses trotz Totenkopf von Passantinnen und Passanten oft unbemerkt bleibt, mag daran liegen, dass es ursprünglich am Zuger Postplatz stand. Zwei Steinwürfe entfernt.

Kriegsreminiszenz

Es wurde nämlich 1714 neben dem längst abgerissenen Baarertor in Zug anstelle eines älteren Kreuzes von 1698 errichtet, wie Zugs Stadtarchivar Thomas Glauser gegenüber kath.ch wissen lässt. «Vielleicht entstand das Kreuz von Josef Leonz Brandenberg unter dem Eindruck des Zweiten Villmergerkriegs von 1712 – der endete bekanntlich für die katholischen Orte der Eidgenossenschaft mit einer Niederlage», sagt Glauser.

In Rotkreuz, der Boomtown im Kanton Zug mit ultramoderner Hochhaus-Skyline, hat ein schlichtes rotes Kreuz dem Ort seinen Namen gegeben. Seit 1603 ist es erstmals urkundlich erwähnt. Seit 1891 steht es so in Sandstein, von Anwohnern gestiftet, an der Bahnhofsunterführung des Rischer Ortsteils. Im Windschatten des rosaroten Migros-Gebäudes.

Der Totenkopf auf dem Sockel des Kreuzes
Der Totenkopf auf dem Sockel des Kreuzes

Ursprünglich ein Pestkreuz?

Laut Rotkreuzer Heimatkundlern weiss man bis heute nicht, ob das rot angemalte Kreuz in Rotkreuz ursprünglich ein Pestkreuz war oder als religiöses Objekt an eine Schlacht erinnert. Wahrscheinlich war das rote Kreuz auf freiem Feld ein Wegkreuz.

Es stand nämlich zuerst Pate für den Rotkreuzhof jenes Bauernhauses, das als erstes Gebäude 1807 in Rotkreuz errichtet wurde. Daraus entstand 1810 die Wirtschaft Zum Roten Kreuz, die 1864 wiederum zur Bahnstation Rotkreuz und damit zum Namensgeber des aufstrebenden Zuger Eisenbahnerdorfs wurde.

Baarer Andachtskreuz auf dem alten Kirchweg nach Inwil
Baarer Andachtskreuz auf dem alten Kirchweg nach Inwil

«Bedeutung von Kreuzen nimmt ab»

Das älteste bekannte Kreuzzeichen im Kanton Zug stammt übrigens aus einem frühmittelalterlichen Grab in Baar, das aus dem 7. Jahrhundert datiert.

«In der säkularisierten Welt von heute nimmt die traditionelle katholische Bedeutung von Kreuzen deutlich ab, ja werden sie oft gar nicht mehr wahrgenommen», sagt Beat Dittli, Zuger Sprachhistoriker und Ortsnamenforscher. Dafür taucht das Kreuz oder «Chrüz» – in anderen inhaltlichen Bezügen auf: Als Siedlungs- und Flurbezeichnung. Oder etwa als Name für Gasthäuser: «Zum Kreuz» ist ein Klassiker. Ausgangspunkte für solche Bezeichnungen sind zumeist Wegkreuze in unmittelbarer Nähe gewesen.


Schaurig-grusig: Ein Totenkopf lässt an dem Kreuz am Zuger Regierungsgebäude grüssen. Es erinnert an eine Schlacht. | © Wolfgang Holz
19. August 2023 | 10:00
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