Zur Bewahrung der Schöpfung gehört in der Kirche auch der Blick auf Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit

Freiburg, 2.9.15 (kath.ch) Vom 1. September bis 4. Oktober lenken die Kirchen in der Schweiz die Aufmerksamkeit in besonderem Mass auf die Bewahrung der Schöpfung – oder umgangssprachlich gesagt: auf den Umweltschutz. Doch Umweltprobleme stehen nicht für sich alleine, sondern sie sind oft Folge und haben direkte Auswirkungen auf das soziale Umfeld und die Weltwirtschaft. kath.ch hat Wolfgang Bürgstein, Generalsekretär der bischöflichen Kommission Justitia et Pax, über die Zusammenhänge von Umwelt, Wirtschaft und sozialen Fragen sowie der Rolle der Kirchen in diesem Spannungsfeld befragt.

Martin Spilker

Der Papst hat dieses Jahr erstmals zu einem Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung aufgerufen. Was kommt Ihnen beim Stichwort bedrohte Schöpfung zuerst in den Sinn?

Wolfgang Bürgstein: Mir kommt – wie vielen anderen vermutlich auch – der Klimawandel in den Sinn. Unsere dahinschmelzenden Gletscher sind quasi zu einem sichtbaren Ausdruck für die bedrohte Schöpfung geworden. Dabei sind die Folgen des Klimawandels in anderen Regionen dieser Erde viel dramatischer: Die zunehmenden Dürreperioden in der Subsahara sind für die Menschen dort lebensbedrohlich, der Anstieg des Meeresspiegels bedroht die Existenzgrundlage vieler Menschen in Küstenregionen weltweit, die Zunahme extremer Wetterphänomene trifft Menschen im Süden besonders, weil sie neben dem unmittelbaren Schaden kaum Ressourcen haben, um sich vor künftigen Katastrophen zu schützen.

Wir sind Teil dieser Schöpfung. Doch durch die Art und Weise, wie wir uns der Umwelt und den Mitmenschen gegenüber verhalten, gefährden wir deren fragiles Gleichgewicht.

Beim Thema Umweltschutz wird oft der Begriff Nachhaltigkeit erwähnt und damit auf die gleichwertige Wichtigkeit von Ökologie, Wirtschaft und sozialen Fragen hingewiesen. Sind diese Themen wirklich nicht zu trennen?

Bürgstein: Meiner Meinung nach – und ich bin kein Umweltexperte, kenne mich aber in wirtschaftlichen und sozialen Fragen hinreichend aus – sind diese Bereiche unmöglich zu trennen. Wer sich mit ökologischen Fragen beschäftigt, stösst zwangsläufig auf wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge; und wer soziale Belange analysiert, kommt um wirtschaftliche und ökologische Faktoren nicht umhin. Allerdings muss die Mehrheit der Ökonomen und Wirtschaftspolitiker noch viel weitreichender erkennen, dass sie sich nicht in einem neutralen Raum bewegen und ihre Theorien und Erkenntnisse zwingend ökologische und soziale Auswirkungen mit im Blick haben müssen. Eine rücksichtslose Ausbeutung von Bodenschätzen und Produktion von Gütern schadet unmittelbar unserer Mitwelt und unseren Mitmenschen. Mittel- bis langfristig kann auch die Wirtschaft davor nicht die Augen verschliessen.

Wo steht es Ihrer Meinung bei der «Schöpfung» am schlimmsten: Bei der Umwelt, bei sozialen Fragen oder in der Wirtschaft?

Bürgstein: Wenn wir die Frage so stellen, sind wir schon wieder dabei, die Probleme zu trennen. In allen drei Bereichen geht es letztlich um Wertfragen: Wie wollen wir Menschen miteinander leben? Welche Rolle spielt dabei die Natur? Was wollen und können wir uns an sogenanntem Wohlstand in Form von Konsum, Mobilität und Sicherheit «leisten»? Die Beantwortung dieser Fragen hängt wesentlich mit unserem Welt-, Menschen- und Gesellschaftsbild zusammen. Wir Menschen, denen die Schöpfung theologisch gesprochen anvertraut ist, sind also das eigentliche Problem. Unsere Entscheidungen stellen die Weichen für mehr oder weniger weltweite Gerechtigkeit, für mehr oder weniger Schöpfungsverantwortung, im Grossen wie im Kleinen.

Die Enzyklika «Laudato si'» von Papst Franziskus ist hier wegweisend. Sein Begriff von Ökologie beschränkt sich nicht auf die Sorge um das Klima, die Weltmeere oder die Bodenerosion. Er schliesst die Sorge um den Menschen, die Folgen des technologischen Materialismus, die Rücksichtslosigkeiten und destruktiven Potentiale des Wirtschaftens in sein umfassendes Verständnis von Ökologie mit ein. Dieses umfassende Problembewusstsein braucht es dringend, um nachhaltige und damit wahrhaft gerechte Lösungsperspektiven für alle Menschen und die Schöpfung zu finden.

Die Kirchen engagieren sich sehr umfassend in den Bereichen Umwelt und Soziales. Sollten sie sich auch in Wirtschaftsthemen – global und national – vermehrt einbringen?

Bürgstein: Aus dem oben Gesagten kann die Antwort nur ein klares Ja sein. Wenn das Engagement der Kirchen in den Bereichen Umwelt und Soziales wirklich nachhaltig sein soll, kommen sie gar nicht umhin, sich mit Wirtschaftsfragen auseinanderzusetzen und auch hier klar Stellung zu beziehen. Papst Franziskus macht es uns in seiner Enzyklika «Laudato si'» ja vor. Ich sehe die Kirchen sogar in einer besonderen Verantwortung, in wirtschaftlichen Belangen Anwältin der am meisten Benachteiligten zu sein und immer wieder die Frage nach den Gewinnern und Verlierern bestimmter Entscheidungen zu stellen.

In welcher Form?

Bürgstein: Da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Es müssen vermutlich neue Orte und Formen gefunden werden: Gesprächskreise über relevante Themen mit Ökonomen und Wirtschaftspolitikern, mutig alternative Modelle im Kleinen unterstützen und bekannt machen und glaubwürdig Vorbild sein. Eine besondere Rolle sehe ich bei den verschiedenen Orden und Klöstern, die hier zum Teil schon bewährte alternative Modelle umsetzen und deshalb bei Wirtschaftsvertretern und -politikern interessante Gesprächspartner sind. (ms)

Bischöfliche Kommission Justitia et Pax

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