Öffentlich zugänglich: die "Jesuitenbibliothek Zürich"
Schweiz

Zürich liest Eva Illouz

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Zürich liest» wurde am Donnerstag in der Jesuitenbibliothek ein Buch der israelischen Soziologin Eva Illouz diskutiert. Es geht um die westeuropäische Linke und den Antisemitismus. Die Diskussion verlief sachlich und eröffnete neue Sichtweisen auf ein komplexes Problem.

Stefan Betschon

Die Zürcher Jesuitenbibliothek, zentral gelegen am Hirschengraben, ist wenig bekannt. Zwischen Büchern und Zeitschriften hauptsächlich aus den Fachbereichen Theologie, Philosophie und Religionswissenschaften ist die Besucherin, der Besucher oft allein und kann in Ruhe lesen und studieren. Am Donnerstagabend war der kleine Raum bis auf den letzten Platz gefüllt. Gut drei Dutzend Leute waren anwesend, einige Spätankömmlinge mussten abgewiesen werden.

Die grosse Abwesende

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die israelisch-französische Soziologin Eva Illouz und ihr Buch «Der achte Oktober». Es ist vor zwei Jahren auf französisch und vor einem Jahr in deutscher Übersetzung veröffentlicht worden. Die Soziologin selbst war nicht anwesend, der Zürcher Journalist und Theologe Francesco Papagni, der den Abend moderierte, fand aber in der Historikerin Christina Späti eine kompetente Gesprächspartnerin.

Späti ist Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i.Ue. Sie ist mit dem Werk der israelisch-französischen Soziologin gut vertraut, hat Antisemitismus erforscht und 2006 ein Buch geschrieben über «die schweizerische Linke und Israel» (2006).

Enttäuschung über die Linken

In dem Buch von Illouz geht es nicht um den siebten Oktober, sondern um das, was danach kam, nicht um den Angriff der Hamas-Terroristen auf Israel, sondern um die Reaktion der westeuropäischen und nordamerikanischen Linken, die den Tod von 1139 Zivilisten, die systematische Vergewaltigung von Frauen und die Geiselnahme selbst von Kleinkindern achselzuckend zur Kenntnis nahm.

Wie kann es sein, so fragt in ihrem 100seitigen Essay Illouz, die sich selbst noch immer als Linke bezeichnet, dass progressive Kreise in Europa und in den USA sich nicht mit den Opfern des Massakers, sondern mit den Angreifern identifizierten?

Illouz, die als Professorin für Soziologie in Jerusalem, aber auch in Paris an der École des hautes études en sciences sociales lehrt, sieht zeitgenössisches linkes Denken beeinflusst von den Theorien des französischen Poststrukturalismus, insbesondere von Michel Foucault, der das Gegensatzpaar Wahrheit / Falschheit ersetzt hat durch Ohnmacht / Macht. Israel als Supermacht geriet so auf die falsche Seite der Gleichung, die Guten – das sind die Linken – neigten sich bei den Palästinensern zu.

Anarcho-Chic mit «Arafat-Schal»

Dieser Erklärungsversuch hat am Donnerstag in der Jesuitenbibliothek nicht viele überzeugt. Späti wies darauf hin, dass Antizionismus und auch Antisemitismus in der Schweiz bereits in den 1960er Jahren in linken Kreisen verbreitet waren. In diesem Jahrzehnt habe im linken Milieu ein «Shift» stattgefunden, die Israel-Begeisterung sei abgelöst worden durch Solidarität mit Palästina. Bereits in den Jugendunruhen der 1960er Jahre trugen einige Protestierende die Kufiya, das Palästinensertuch, und auch bei Demonstrationen der Zürcher Jugendbewegung in den 1980er Jahren war hin und wieder der «Arafat-Schal» zu sehen.

Als ein wichtiges Bindeglied zwischen einer alten Israel-freundlichen und einer neuen antisemitistischen Linken wurde am Donnerstagabend in der Jesuitenbibliothek verschiedentlich das Buch «Die Verdammten dieser Erde» (1961) von Frantz Fanon erwähnt. Der in Martinique geborene französische Psychiater und Politiker verfasste mit diesem Buch, dessen Titel der ersten Strophe der Internationale entnommen ist, ein Manifest für den gewaltsamen Kampf gegen die koloniale Unterdrückung. Von Jean-Paul Sartre in einem berühmten Vorwort hochgelobt, konnte dieses Buch viele westeuropäische Linksintellektuelle davon überzeugen, dass nicht mehr die westeuropäische Arbeiterklasse, sondern die unterdrückten Völker in Afrika und Lateinamerika das Subjekt der Weltrevolution sein müssten.

Papagni berichtete von einem Graffiti, das ihm dieser Tage in der Stadt aufgefallen ist, und das behauptet, mit der Befreiung Palästinas würden gleichzeitig alle Menschen dieser Erde befreit. Die Bevölkerung des Westjordanlands und des Gazastreifens wird somit zur Elite aller Menschen, die unter Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus und Kapitalismus zu leiden haben. Papagni erblickt in dieser Sichtweise einen «pervertierten Messianismus».

«Ur-Meter der Moral»

Bei der anschliessenden Diskussion, an der sich viele Anwesende beteiligten, ging es zunächst um die Frage, warum Israel und der Gazakrieg in den politischen Diskursen des Westens eine so wichtige Rolle einnehmen.

Eine mögliche Antwort: In Jerusalem werde der «Ur-Meter der Moral» aufbewahrt. Die Nachkommen jener Menschen, die in Europa unter der Herrschaft deutscher Nazis brutal verfolgt wurden, sähen sich nun als moralische Instanz erhöhten Ansprüchen ausgesetzt.

Wäre die Einschätzung der Linken anders, wenn in Jerusalem eine linke Regierung an der Macht wäre? Nein, sagt Späti. Auch in Zeiten, in denen in Israel linke Politiker den Ton angaben, sei Antisemitismus in Kreisen westeuropäischer Linker wohlangesehen gewesen.

Eine lebhafte Diskussion

Warum gehört inzwischen der Antisemitismus zur Linken, wie der Bart zu Karl Marx? Dazu wurden unter anderem parteipolitische und psychologische Erklärungen vorgetragen.

Die Psychologen: Der Sieg der Faschisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe die Linken traumatisiert. Diese Leute litten unterbewusst bis heute an ihrem Versagen, an der Tatsache, dass sie diese Katastrophe nicht haben verhindern können. Feindschaft gegenüber den Juden, die unter Hitler am meisten zu leiden hatten, sei ein Versuch, mit dieser Kränkung umzugehen.

Die parteipolitische Erklärung: Die linken Parteien hätten ihre angestammte Basis verloren und seien nun auf Menschen mit Migrationshintergrund angewiesen, um die Reihen zu schliessen. Weil viele dieser Migranten aus dem arabischen Raum kämen, sei in diesen Parteien Antisemitismus heimisch geworden.

Die Diskussion war sehr lebhaft. Dabei zeigten sich auch Meinungsverschiedenheiten. Trotzdem verlief die Diskussion gesittet, es gab kein unfreundliches Wort. Das ist in der heutigen Zeit, in der sich antisemitisch motivierte Übergriffe häufen, keine Selbstverständlichkeit.


Öffentlich zugänglich: die «Jesuitenbibliothek Zürich» | © zVg
25. Oktober 2026 | 17:00
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